25.06.2002 · Einer der interessantesten Beiträge auf der Documenta11 stammt von einem Schwarzen, der in London lebt.
Von Sabine B. VogelSchon zur letztjährigen Biennale in Venedig gehörte Yinka Shonibares "Vacation" zu den künstlerischen Höhepunkten. Auch auf der Documenta11 ist die raumgroße Installation des in London lebenden Schwarzafrikaners eines der brillantesten Werke.
In Venedig zeigte Shonibare eine in Astronautenanzügen bekleidete Familie. Die Anzüge sind aus exotisch-bunten afrikanischen Stoffen. Durch diesen Kleiderwechsel kommen Themen wie Kolonialisierung und die Frage nach kultureller Identität in den Blick - Themen, die auch in seinem documenta-Beitrag "Galanterie und Ehebruch" mitschwingen.
„Galanterie und Ehebruch“
Von der Decke hängt eine Pferdekutsche herab. Auch die Kisten und Koffer weisen auf eine Reise hin. Dazwischen stehen, sitzen und liegen lauter kopflose Frauen und Männer, gekleidet in afrikanische Stoffe im Schnitt viktorianischer Kleider. Zu zweit oder zu dritt, gleich- oder verschiedengeschlechtlich, praktizieren sie denkbare sexuelle Positionen. Es ist ein extrem verdichtetes Bild in Anspielung auf die "Grand Tour", einer gängigen Praxis der englischen Oberschicht im 18. Jahrhundert: eine oft mehrjährige Bildungsreise durch verschiedenste Länder, bei der Sex inbegriffen war.
Mit "Galanterie und Ehebruch", zwei mit der "Grand Tour" verbundenen Begriffen, greift Shonibare ein kräftiges Bild auf. Hier geht es nicht um Individualität oder Moral, sondern um ein höchst komplexes Themengebilde. Für die Reisenden des 18. Jahrhunderts waren Kunstkennerschaft und Sex eng miteinander verbunden - solange es im Ausland stattfand.
Stoffe aus Holland
Reisen, das bedeutet aber auch ökonomische Macht, in historischer Perspektive Kolonialisierung. Welcher Wert wird dem ´Anderen´ zuerkannt, welche Regeln gelten wo? Die Aspekte von Klasse, Geschichte und Gebräuchen erhalten noch eine weitere Ebene durch die Materialwahl. Was schnell als afrikanische Stoffe identifiziert wird, trägt die Produktbezeichnung "Dutch Wax Print". Dies eigentlich unschuldige Material erweist sich als ungeheuer beladenes Element, das politische, soziale, kulturelle und historische Metaphern transportiert. Denn die Stoffe sind keineswegs ein originäres Produkt der afrikanische Kultur. Sie stammen aus Indonesien und gelangten erst im 19. Jahrhundert nach Afrika - eine Geschichte der Kolonialzeit, transportiert in der Benennung.
All diese Themen und Schlagworte integriert Shonibare in seiner großartigen Installation dank der Figuren-Arrangements und der Farbenpracht in höchst sinnlicher Weise. Dabei schafft er es, neben jenen direkt mit der "Grand Tour" verbundenen Themen auch noch Fragen zu Authentizität und Zitat, zu Exotik und Stolz, zu Britishness und Afrikaness in den Blick zu rücken - und all dies voller humorvoller Details.