10.07.2002 · Documenta11 im „Bilderstreit“ auf 3sat, das war am Dienstagabend ein Gemetzel der besonderen Art. Bazon Brock ließ kein gutes Haar an der Großausstellung.
Die Documenta11 ist in ihre entscheidende Runde eingetreten: Jetzt sitzen Experten im Fernsehen zusammen und expertisierten, was das Zeug hält. Am Dienstagabend holte Bazon Brock bei 3sat seine altbewährte Mannschaft für ein „Bilderstreit“-Quartett zusammen - und blamierte sich nach Kräften. Vor allem die beiden mitstreitenden Damen, die Essener Journalistin Ursula Bode und Carla Schulz-Hoffmann von der Münchner Staatsgalerie Moderne Kunst, ließ er kaum zu Wort kommen. An der Documenta11 blieb bei ihm kaum ein gutes Haar.
Brock empfindet die Documenta11 als eindeutigen Triumph der westlichen Akademiekunst über den Rest der Welt. Ursula Bode fühlte sich interessiert und ist neugierig über den Parcours gegangen. Carla Schulz-Hoffmann vermisst die Sinnlichkeit der Kunstwerke, die hauptsächlich als Filmdokumentationen daher kommen. Und Jean-Christophe Ammann, einst Direktor des Frankfurter Museums für Moderne Kunst, sieht in der Documenta11vor allem eine Konfrontation der Weltkulturen, in der sich Bild- und Erzähltraditionen gegenüberstehen.
Überall ist Westen
Die Meinungen schienen abgestimmt, sonst hätte der Gastgeber nicht aus dem Stand derart über seine Gäste herfallen können. Etwas voreilig betonte Brock immer wieder, die Ansicht der beiden Expertinnen seien romantisch verzerrt. Was damit gemeint war, wurde nicht recht deutlich.
Aber worum ging es eigentlich? Gestritten wurde über den politischen und postkolonialistischen Ansatz, den die Documenta11 unter der Leitung von Okwui Enwezor unter der Prämisse vorträgt, dass erstmals eine globale und keine westliche Perspektive auf die zeitgenössische Kunst eingenommen wurde. Der Streit entzündete sich daran, dass Brock in einem Rundumschlag meint, keiner der über 100 künstlerischen Beiträge entzöge sich westlichen Kunststrategien, im Gegenteil bedienten sich die Künstler, egal aus welchem Weltteil sie stammten, westlichen Akademietraditionen. Die Mitstreiterinnen wollten da etwas mehr differenzieren, auf einzelne Inhalte eingehen. Weitgehend ohne Erfolg. Auch Jean-Christophe Ammann wirkte hilflos und plauderte etwas unbeholfen über die Künstler, die er besonders gut kennt: On Kawara und Katharina Sieverding.
Kein Ersatz für Reich-Ranicki
Wieder wirkte „Bilderstreit - Kunst im Gespräch“ wie eine schlechte Kopie des einst so populären Literarischen Quartetts. Brock pflegt nicht nur eine auffallend ähnliche, unduldsame Attitüde wie der ältere Marcel Reich-Ranicki, auch die Spielregeln sind ähnlich: Zur Diskussion stehen jeweils vier Künstler mit aktuellen Arbeiten. Sie werden im Kurzfilm vorgestellt. Dann kommentiert einer der Teilnehmer den Beitrag und reicht den Streit in die Runde.
Für die gestrige Sendung wurden vier Beiträge der Documenta11 ausgewählt, die in der Tat westlichen Strategien folgen: Frédéric Bruly Bouabré ist Zeichner, Tania Bruguera arbeitet installativ mit Licht und Raum, Yinka Shonibare bietet eine szenische Installation mit Kostümierten und Ecke Bonk arbeitet mit Sprache und Worten. Der Großteil der Beiträge der Documenta11 beschäftigt sich aber, mit den Mitteln von Film und Fotografie, mit den politisch-kulturellen Zuständen in den Entwickungsländern. Der D11 geht es um Wissensvermittlung und nicht um formale Probleme. Das kommt bei den jüngeren Besuchern offenbar besser an als bei den älteren, die hier diskutierten. Was die Kassler Großausstellung bewirkt, wird bei der täglichen Zeitungslektüre deutlich. Beiträge aus Pakistan und Südafrika, aus Indien, Afghanistan und Kuba lesen sich nach den Eindrücken der Großausstellung vollkommen anders als zuvor.
Beim „Bilderstreit“ kam keine Diskussion über Inhalte auf. So entstand ein Gesamtbild, das die D11 einseitig und schief beleuchtete.