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Dirk Schümer Mein Lieblingsbuch: „Meyers Konversationslexikon“

01.08.2004 ·  Die etwa zwanzigtausend Seiten des Werks beindrucken durch die souveräne und selbstgewisse Art ihrer Auskünfte: Man kommt verläßlich und bequem durchs Leben.

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Warum sollte es in einem Buch um weniger gehen als um alles? Mein "Meyers Konversationslexikon" enthält auf etwa zwanzigtausend Seiten die gesamte geistige und materielle Welt.

Die braunen Goldschnittbände stehen an meinem Schreibpult, und ich bekomme Entzugserscheinungen, wenn ich eine Weile nichts in ihnen nachschlage. Es handelt sich, notabene, um die sechste Auflage aus dem Jahre 1902. Das Bild, das man sich damals, kurz vor dem Suizid des bürgerlichen Zeitalters, von der Welt machte, ist derart souverän und selbstgewiß, daß man damit bequem durchs Leben kommt.

Neugier wird befriedigt

Beeindruckend verläßlich sind die Artikel und Tafeln zu allen naturwissenschaftlichen und technischen Errungenschaften, vom Bau einer Druckmaschine bis zur Vermehrung von Schimmelpilzen, von den internationalen Dampferverbindungen bis zu den Bodenschätzen Transsylvaniens wird keine noch so entlegene Neugier unbefriedigt gelassen. Vor allem die Schaubilder und Karten der Kolonialreiche und der "Naturvölker" regen die Phantasie an. Aber auch die philosophischen Wissensgebiete handelt mein Meyer mit kühler Übersicht ab.

Nehmen wir den schwammigen Begriff "Seele", der in seiner historischen Vieldeutigkeit von den Menschenfressern bis zur religiös-spirituellen Variante über zweieinhalb Spalten aufgefächert wird, um am Ende schön positivistisch die Frage nach der Seele als Mißverständnis abzutun.

Seit 1902 ist nicht viel Angenehmes passiert

Und dann die Abschweifungen! "Seele" heißt nämlich auch "die Höhlung des Rohres bei Feuerwaffen", es kann sich aber auch um ein Stäbchen auf dem Steg von Saiteninstrumenten handeln. Und wer hat schon von dem Maler Adolf Seel, geboren 1. März 1829 in Wiesbaden, gehört, der sich vor allem durch seine Innendarstellungen des Markusdoms von Venedig einen Namen gemacht hat?

So liest man sich regelmäßig fest und hält sich Ephemeres, Unnützes und Modisches vom Hals. Schließlich ist seit 1902 nicht viel Nennenswertes, bestimmt jedoch nicht viel Angenehmes passiert. Um die Tröstungen dieses Buches zu ermessen, reicht der Blick in den Band 2, "Astilbe-Bismarck", Seite 132. Wir lesen: "Auschwitz, Stadt in Galizien, hat ein altes Schloß, Zinkwalzwerk, eine Dampfmühle, Fabriken für Schrauben und Nieten, Likör und Dachpappe und 6838 polnische Einwohner, darunter 3664 Juden."

"Unsere Besten - Das große Lesen" ist eine gemeinsame Aktion von ZDF und F.A.Z.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.08.2004, Nr. 177 / Seite 29
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