Mit der all-in-one Idee unseres Alltags, die wir spätestens seit dem Aufkommen von Smartphones lieben gelernt haben, ist anscheinend nur ein Hilfsmittel, das uns in geistig-kreativen Arbeiten Gedankengut liefern soll, kompatibel: Die Startseite von Google. Oder die dezentrale Variante: die App.
Wer hier nach lexikalischen Informationen sucht, wird zwar in Sekundenschnelle fündig, Wörterbücher wie Leo oder Synonymlexika wie Woxikon bleiben aber der Struktur von gedruckten Wörterbüchern verhaftet. Das digitale Wörterbuch „Owid“, ein Projekt des Mannheimer Instituts für Deutsche Sprache, hat hingegen schon vor Jahren einen neuen Standard definiert, der sich von der herkömmlichen Lexikographie unterscheidet. Jeden Tag nimmt Owid nach einem automatischen Suchverfahren neue Wörter auf, sobald sie in mehr als acht Textdokumenten im Internet erscheinen.
Die Funktion selbst bestimmen
In Owid klickt sich der Leser durch grammatische Regeln, Synonyme und Hyperonyme, ohne das Wörterbuch zu wechseln. Er erhält die Antworten auf seine Fragen alphabetisch oder nach Oberbegriffen geordnet, nach Jahreszahlen oder Wortarten sortiert und entweder nur mit Wortendungen oder Paraphrasen aufgelistet. Der Leser kann die aktuelle Funktion des Wörterbuchs flexibel bestimmen, er findet Hinweise zu seiner typischen semantischen Umgebung und kann damit Wörtern aufs Papier helfen, die ihm noch auf der Zunge liegen. Über eine „erweiterte Suche“, die sich variabel an Silben, Wortbildungsarten oder schlicht seiner Häufigkeit orientiert, lässt sich der deutschen Sprache großes Potential entlocken.
Im Gegensatz zu bekannten großen Wörterbüchern, die ihre Bände mittlerweile auch online kostenlos zur Verfügung stellen, greift Owid nicht auf Print-Wörterbücher zurück und möchte auch niemals verschriftlicht werden. Es beginnt mit einer tabula rasa. Ein korpuslinguistisches Computerprogramm hat vor zehn Jahren eine Basis mit Stammwörtern gebildet. Dazu wurden elektronische Texte auf Wortfrequenzen geprüft. Bei mehr als acht Textbelegen wird ein Wort in Owid aufgenommen. Zu den rund 300.000 Einträgen, die damals geschrieben wurden, kommen täglich neue Artikel hinzu oder werden wieder entfernt, wenn sie die Trefferquote wieder unterschreiten.
Von der Wortbedeutung hinter der Grenze
Das Institut für Deutsche Sprache will mit dem Projekt aber mehr als nur ein benutzerfreundlicheres Online-Wörterbuch bieten. Es geht ihm um die Definition einer neuen Sprachgrenze, die dem sprachlichen Reflex des digitalen Wandels Rechnung trägt. Owid konzentriert sich ausschließlich auf die Gegenwartssprache. Das späte zwanzigste und das einundzwanzigste Jahrhunderts sind sein Fokus. Gerade in diesem Zeitraum hätten sich viele Bedeutungen von Wörtern gewandelt, so die Projektkoordinatorin Annette Klosa. Als Beispiel nennt sie die „Maus“, mit der man nicht mehr nur das Tier assoziiert, sondern auch die Computersteuerungshilfe. Oder das Netz, womit nicht mehr nur Gegenstände aus feinen Fäden gemeint ist, sondern auch das Internet. Auch die Bedeutung des Virus wurde auf die Computerbranche ausgedehnt.
Owids Suchfunktion ist synchron und konzentriert sich auf semantische Veränderungen oder Neologismen der jüngeren Vergangenheit. Sobald ein Wort die Trefferquote von acht Nennungen im digitalen Archiv überschreitet, wird es den Wissenschaftlern als Neuwort vorgeschlagen. Auf der Suche nach Archaismen hat das System dem Leser hingegen nichts zu bieten. Die sprachgeschichtliche Ebene gehört nicht zur Zielsetzung und kann durch das Verfahren, das sich auf elektronische Bestände meist jüngeren Datums stützt, gar nicht erfasst werden. Sucht man nach dem Attribut „frau“, so versorgt Owid den Leser mit einer Zusammenfassung über den diesbezüglichen Gender-Diskurs und greift die These der geschlechtlichen Gleichberechtigung in unserer Sprache auf. Das Substantiv „Weib“ ist mit einem eigenen Eintrag gelistet, allerdings nicht mit etymologischen Informationen versehen.
Bei den Neuwörtern, darunter viele Anglizismen, klaffen solche Leerstellen nicht. Der Leser kann sich hier durch deutsche Wortartikel wie „Wesenstest“, aber auch vom „Smart-TV“ zum „M-Commerce“ klicken. „Outgesourct“ ist dem Institut für Deutsche Sprache hingegen des Denglischen zu viel, es bleibt bei „ausgelagert“. Für ein Institut, das sich der Erforschung der deutschen Sprache in ihrer neueren Geschichte verschrieben hat, ist die Hürde für englische Wortimporte erstaunlich gering.