http://www.faz.net/-gqz-7tzxe

Digitales Forum Romanum : Ein Bogen für die Schmach Kleopatras

Nach solchem Prunk lechzten die Barbaren: das Forum Romanum in spätrömischer Zeit, um 310 nach Christus, mit der Rednertribüne im Vordergrund Bild: F.A.Z., digitales forum romanum

Die Berliner Humboldt-Universität hat das Forum in Rom digital rekonstruiert: ein Lernort, an dem man mit einem Mausklick durch Epochen springt. Sechs verschiedene Bauzustände lassen sich durchwandern.

          Sicher, es hat schon einige digitale Rekonstruktionen des Forum Romanum, des Zentrums der römischen Antike, gegeben - zuletzt etwa das detaillierte Modell der University of California in Los Angeles, das auf dem Zustand des Areals im Jahr 400 nach Christus basiert, oder die 3D-Bilder des von Mailänder Wissenschaftlern initiierten Projekts „Rome Reborn“, die ungefähr achtzig Jahre früher ansetzen und farbige Ansichten nicht nur des Forums, sondern der gesamten Stadt Rom aus verschiedenen Blickwinkeln zeigen. Aber eine Forschungsarbeit, wie sie das Institut für Archäologie der Berliner Humboldt-Universität in Kooperation mit dem Exzellenzcluster Topoi und dem Deutschen Archäologischen Institut jetzt auf seiner Website digitales-forum-romanum.de vorlegt, ist dennoch etwas Neues.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Wissenschaftler aus Berlin, die von zwanzig Studierenden unterstützt wurden, haben nicht bloß einen einzigen, sondern sechs verschiedene Bauzustände des römischen Forums, von der späten Republik um 200 vor Christus bis zur Epoche der Tetrarchen um 400 nach Christus, digital dargestellt. Zwölf weitere zeitliche Schnitte, beginnend mit der Gründungsphase der Stadt und bis ins Frühmittelalter führend, sind geplant. Das heißt, dass man irgendwann - und in nicht allzu ferner Zukunft, wenn man der Projektleiterin Susanne Muth glauben kann - die gesamte mehr als tausendjährige Geschichte des Forums von der halbmythischen Zeit der Roma quadrata bis zum beginnenden Verfall nach den Gotenkriegen als Architektursimulation wird studieren können: eine visuelle Verbildlichung historischen Wissens, wie es sie bei diesem Thema noch nicht gegeben hat.

          Schon jetzt ist der Umfang an Materialien, die man auf der Website abrufen kann, eindrucksvoll genug. Etwa zum Partherbogen, einem heute nur noch in Fundamentresten nachweisbaren Triumphbogen, den Augustus um 19 vor Christus neben den Tempel seines vergöttlichten Adoptivvaters Caesar setzen ließ, nachdem er die durch Crassus in der Schlacht von Carrhae an die Parther verlorenen römischen Feldzeichen auf diplomatischem Wege nach Rom zurückgeholt hatte.

          Redestätte mit Ehrensäulen

          Der dreigeteilte Bogen, dessen Aussehen nach zeitgenössischen Münzdarstellungen rekonstruiert wurde, schloss das Forum nach Osten ab, so dass jeder, der von hier aus zu den Volks- und Senatsversammlungen kam, an den Sieg des Augustus über die verhasste Kleopatra und ihren mehr oder weniger totgeschwiegenen Liebhaber Antonius erinnert wurde. Oder das Comitium, die Stätte der Redner mit den berühmten Rostra, den Rammspornen erbeuteter Schiffe, die als Siegeszeichen die Tribüne schmückten.

          Unter den Etruskerkönigen war sie eine einfache Fläche mit gestampftem Boden; erst in der frühen Republik und mit der wachsenden militärischen Macht der Römer wurde sie architektonisch gestaltet. Bisher nahm die Forschung an, dass sie im dritten Jahrhundert vor Christus nach dem Vorbild der Versammlungsorte in den Griechenstädten Unteritaliens als kreisrunder Platz ausgebaut wurde. Aber diese Hypothese ließ sich bei der digitalen Rekonstruktion nicht belegen, denn das Terrain steigt an dieser Stelle des Forums deutlich an, so dass jedes Rundmodell unvermeidlich in Kipplage geriete.

          Die Berliner Archäologen zeigen das Comitium deshalb mit halbrunder Tribüne, wie sie auch nach ihrer Verlegung vor den Concordia-Tempel durch Caesar nachweisbar ist. In der Spätantike schließlich wurde die mit Ehrensäulen verzierte Redestätte zum Ort pompöser Selbstdarstellungen: Hier ließen sich jene Konsuln feiern, die trotz ihres traditionsreichen Titels keine echte politische Funktion mehr besaßen. Man könnte sich die blaustichigen Animationen der Humboldt-Website auch etwas farbiger und lebendiger vorstellen. Aber solche ästhetischen Einwände verblassen vor der schieren Freude, durch einen Klick am rechten Bildrand von einer Epoche des Römerreichs in die andere springen zu können. Das digitale Forum Romanum ist ein Lernort, wie wir Rom-Pilger ihn uns kaum zu wünschen wagten. Nun haben wir ihn.

          Weitere Themen

          Von der Altphilologie zur New Philology

          Antike Literatur : Von der Altphilologie zur New Philology

          Die Edition kritischer Textausgaben ist in eine Krise geraten. Soll an der Rekonstruktion eines originalen Wortlauts festgehalten werden - oder wird es bald nur noch Lesarten geben?

          Goldene Palme für japanischen Film Video-Seite öffnen

          Filmfestival in Cannes : Goldene Palme für japanischen Film

          Regisseur Hirokazu Kore-eda durfte sich in Cannes über die Auszeichnung seines Films „Manbiki Kazoku“ freuen. Es handelt sich um die Geschichte von Kleinkriminellen am Rand der japanischen Gesellschaft.

          „Grand Prix“ für Spike Lee Video-Seite öffnen

          Filmfestival : „Grand Prix“ für Spike Lee

          Der Kultregisseur hat in Cannes den „Grand Prix“ für seinen Film „BlacKkKlansman“ gewonnen. Erzählt wird die Geschichte eines afroamerikanischen Polizisten, der ins Innerste des Ku-Klux-Klan einsteigt.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.