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Digitale Selbstbespiegelung Ich bin das nicht

Nullen und Einsen wollen mein Schicksal begreifen? Das sollen sie mir vormachen. Meine Daten sind unerschöpflich, doch ich bin es noch viel mehr.

Manchmal bin ich eine Null, manchmal bin ich eine Eins. Nicht mehr, nicht weniger. Das ist das Geheimnis meiner Daten. Die einen wollen sie zur Überwachung, die anderen, um ihre Waren anzupreisen. Für beide bin ich nichts als Datenträger. Ein iSelf, das es zu entschlüsseln gilt. Bei Facebook bin ich eine Null. Ich habe kein Profil. Ich habe keine Freunde. Ich habe nichts zu sagen. Nie war ich Facebook-User und habe auch nicht vor, es bald zu werden.

Aber fragen wir doch Google. Denn lautet der eigene Name nicht Lieschen Müller oder Otto Normalverbraucher, dann ist man dort ganz leicht zu finden. Für jedermann jederzeit – nicht nur für die NSA. Bin ich bei Facebook eine Null, bei Google bin ich eine Eins. Es bedarf nur eines Klicks, und die Datenquelle sprudelt: Jahrgang 1986, Geburtsort Göttingen, diese Schule, jene Universität, dieses Stipendium, jener Preis, dieses Hobby, jene Hospitanz. Text und Bild und Ton – alles ist verfügbar. Es finden sich auch Anschrift und Verwandte. Nichts davon ist von mir selbst hochgeladen. Trotzdem sind es alles Daten meines Lebens.

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Das ist sie also, meine Daten-Silhouette. Doch ist, was sichtbar wird, ein Menschenbild? Es ist ein Null-Eins-Pointillismus. Ein Daten-Atomismus der Persönlichkeit, die algorithmisch nicht zu fassen ist. Ich widerlege mich andauernd in die Zukunft – und Daten sind vergangenheitsbezogen. Sie halten Herkunft für Zukunft, Reaktionen für Aktionen. In seinem Essay „Über Rechtfertigung, eine Versuchung“ schreibt Martin Walser den unendlich wahren Satz: „Du wirst nie, so lange du lebst, mit deinen Reaktionen übereinstimmen.“ Das heißt: Das Ich ist eine Rechnung, die nicht aufgeht. Das heißt: Jeder zeigt sich jedem anders. Derart prozessiert sich, was ich sein kann – immer wieder, immer neu.

All die Silicon-Valley-Apparaturen, deren Datenhunger nicht zu stillen ist, erinnern immerhin daran, dass Leben ohne Sichtbarkeit (das heißt: Sehen- und Gesehen-werden-Können) nie möglich war – und es auch niemals sein wird. Das ist weder als spiritueller Kitsch noch als spezielle Blumenberg-Anthropologie abzutun, sondern ein nüchternes Faktum. Ja, gelebtes Leben schreibt sich ein in diese Welt. Und nicht einmal der Tod weiß dies nach der Geburt noch zu verhindern. Alles, was sich einschreibt, ist auch zu entziffern. Doch wie? Frage ich einen Computer nach dem Menschen, zeigt er mir sich selbst: ein Computer- und kein Menschenbild. Er überhäuft mich mit Nullen und Einsen, Einsen und Nullen. Das ist das Dilemma der Maschinen. Das ist mein Glück. Das ist meine Freiheit.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 20.09.2013, 16:01 Uhr

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