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Digitale Kladde Tom Tablet

 ·  Was hört man da aus Berlin? Das traditionelle Klassenbuch soll vom Tabletcomputer ersetzt werden? Die Eltern erhalten bei jedem Tadel sofort eine SMS. Der Erfahrungsraum von Kindern ist in Gefahr.

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Wenn wirklich geschieht, was die Berliner Schulsenatorin plant, dann wird es in der Stadt bald keinen Tom Sawyer mehr geben, wenigstens keinen, wie wir ihn kennen. Es wäre zwar noch immer möglich, dass hinter irgend einer Ecke, in irgend einem Gebüsch oder unter einer Brücke ein Huckleberry Finn auf ihn wartet, die Mutter tot, der Vater ein stadtbekannter Trinker; allerdings wartete er vergeblich. Die Tom Sawyer von Berlin erleben keine Abenteuer mehr, sie sitzen wieder in der Schule. Vom kommenden Jahr an sollen die Lehrer der Hauptstadt mit einem elektronischen Klassenbuch ausgestattet werden.

Statt der dicken Kladde, die früher ein Schüler ihres Vertrauens von Klassenraum zu Klassenraum tragen musste, verfügen sie dann über einen Tablet-PC, womöglich ein iPad, das sie vermutlich selbst tragen werden. In ihm werden künftig alle Aufgaben, Einträge und Verweise notiert, deren Kopie per Mail gleich bei den Eltern landet, damit die immer wissen, was sie mit ihrem Kind nach Schulschluss besprechen oder üben müssen: eine elektronische Fußfessel, der auch jene Kinder nicht mehr entkommen, die ihr Hausaufgabenheft bislang konsequent in der Schule vergaßen - oder aber vergaßen, in eben diese Schule zu gehen. „Ihr Kind ist heute nicht zum Unterricht erschienen“ so könnte der Text der SMS lauten, die umgehend auf den Handys der Eltern von Schulschwänzern aufblinkt, sobald deren Abwesenheit in die Elektrokladde eingegeben ist.

Wenn heute Erwachsene sich über das Ausspionieren ihrer persönlichen Daten beschweren (und dafür müssen sie nicht einmal Pirat sein), führen sie gleich George Orwell im Mund. Vom Überwachungsstaat für Kinder jedoch sind wir tatsächlich nicht mehr weit entfernt. Die anerkannte Begründung dafür nennt sich Erziehung, aber in „1984“ sollte auch nur erzogen werden, immer zum Besseren, naturgemäß, wozu auch sonst. Dabei ist die Schule der erste Ort im Leben des Menschen, an dem er nicht mehr nur Kind seiner Eltern ist und seine Freiheit gerade daraus entsteht, dass er sie nicht mit ihnen teilen, ja noch nicht einmal mitteilen muss. All die kleinen Tricksereien, Schiebereien, Rangeleien, die einen im täglichen Kampf auf dem Schulhof überleben lassen, können im Ranzen verschlossen bleiben, von dem einige Kinder sich ab und an sogar die Freiheit nehmen, ihn nicht aufzusetzen. Das ist nun vorbei. Ja, ja, natürlich wissen auch wir, dass eine gute Ausbildung die Grundlage für Vieles ist und jeder früh im Leben lernen sollte, sich Anstrengungen zu unterziehen. Und doch ist es so, dass einige der größten Abenteurer der Weltgeschichte Schulschwänzer gewesen sind.

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Jahrgang 1974, Redakteur für das Feuilleton in Berlin.

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