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Digitale Debatte in Hamburg : Seifenblasen aus der Metaphernmaschine

Im verbalen Spagat: Peter Sloterdijk und Marianne Janik über die Visionen digitaler Angst Bild: dpa

Bei einer Hamburger Debatte um die Angst der Deutschen vor dem Internet gab der Philosoph Peter Sloterdijk den Ton an. Für die Zuhörer war das zwar amüsant, der Substanz indes schadete es eher.

          Es geht die Angst um in Deutschland. Bürger lassen ihre Häuser in Google Street View pixeln. Bundesministerin Aigner warnt regelmäßig vor Facebook. Anti-Viren-Hersteller sprechen von einem bevorstehenden Cyberkrieg. Kriminelle verseuchen bald Smartphones mit Viren. Die Bundesregierung setzt einen Staatstrojaner auf der Festplatte von Verdächtigen ein. Computeralgorithmen bestimmen das Kaufverhalten von Online-Shoppern. Das Bundeskriminalamt berichtet von vielen Betrugsfällen beim Online-Banking.

          Doch selten entsteht die Angst bei Menschen, weil sie selbst Opfer der digitalen Welt geworden sind. Wer hatte schon mal einen Virus auf seinem Smartphone, einen Staatstrojaner auf seiner Festplatte oder eine sonderbare Abbuchung auf seinem Konto? Es ist eher das Wissen um die Möglichkeit, dass so etwas passieren könnte. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit noch gering ist. Ist diese Angst vor der digitalen Technik also überhaupt berechtigt? Hat die Technikphobie schon hysterische Ausmaße erreicht? Und warum sehen sich offenbar nur die Deutschen in der digitalen Welt gefährdet?

          Die Angst kann man sich nicht leisten

          Bei einer Podiumsdiskussion anlässlich der Hamburger IT-Strategietage haben drei Experten Antworten gesucht: der Philosoph Peter Sloterdijk, Constanze Kurz, die Sprecherin vom Chaos Computer Club, und die Microsoft-Managerin Marianne Janik. Als Stellvertreterin der IT-Industrie hatte Letztere die schwierigste Aufgabe. Sie muss digitale Zukunftstechnologien verteidigen, weil ihr Unternehmen Produkte sowohl an den Endverbraucher als auch an die Industrie verkaufen will. Microsoft kann sich weder eine technikfeindliche Gesellschaft leisten, die neuen Produkten nicht traut, noch eine digital befreite Gemeinschaft, die alternative Software vorzieht. Der Riesenkonzern hat es mittlerweile geschafft, die Rolle des bösen kapitalistischen Konzerns loszuwerden und sie an Google und Apple weiterzureichen.

          Dennoch konnte man der Microsoft-Managerin häufiger beim verbalen Spagat zuschauen. In Deutschland sei die Debatte über den Datenschutz ausgeprägter als in anderen Ländern, eine „zunehmend technikfeindliche Stimmung und das Misstrauen in IT-Technologien“ könnten die „Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit“ des Standorts Deutschland gefährden. Doch es gebe "sehr viele digital mündige Bürger". Aber davon anscheinend nicht genügend. Janik fordert, dass "Medienkompetenz ein Bestandteil der Lehrpläne in den Schulen" sein solle, und plädiert für eine "Verkehrserziehung im Internet". Microsoft könne diese "Aufklärungsarbeit" etwa in der Schule leisten. Im letzten Jahr stellte Microsoft auf der Computermesse Cebit "Das digitale Klassenzimmer" vor. Das Projekt war leider noch sehr weit vom schulischen Alltag entfernt.

          Liegt die Verantwortung für digitale Zukunftstechnologien ausschließlich auf Unternehmensseite? „Der Hersteller allein kann diese Themen nicht lösen“, sagte Janik. Daher arbeite Microsoft seit Jahren bei der Entwicklung von Produkten etwa mit dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) zusammen - und mit den Kunden selbst. Diese Auskunft dürfte manchen Windows-Nutzer überraschen, wenn er sich durch anwenderunfreundliche Programme klickt. Doch die Erweiterung des Begriffs zu „Industriekunde“ macht schnell klar, dass es hier um einen Bereich geht, in dem sich niemand die Angst vor der digitalen Technik leisten kann, weil sie für ihn schlichtweg notwendig ist.

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