Es geht die Angst um in Deutschland. Bürger lassen ihre Häuser in Google Street View pixeln. Bundesministerin Aigner warnt regelmäßig vor Facebook. Anti-Viren-Hersteller sprechen von einem bevorstehenden Cyberkrieg. Kriminelle verseuchen bald Smartphones mit Viren. Die Bundesregierung setzt einen Staatstrojaner auf der Festplatte von Verdächtigen ein. Computeralgorithmen bestimmen das Kaufverhalten von Online-Shoppern. Das Bundeskriminalamt berichtet von vielen Betrugsfällen beim Online-Banking.
Doch selten entsteht die Angst bei Menschen, weil sie selbst Opfer der digitalen Welt geworden sind. Wer hatte schon mal einen Virus auf seinem Smartphone, einen Staatstrojaner auf seiner Festplatte oder eine sonderbare Abbuchung auf seinem Konto? Es ist eher das Wissen um die Möglichkeit, dass so etwas passieren könnte. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit noch gering ist. Ist diese Angst vor der digitalen Technik also überhaupt berechtigt? Hat die Technikphobie schon hysterische Ausmaße erreicht? Und warum sehen sich offenbar nur die Deutschen in der digitalen Welt gefährdet?
Die Angst kann man sich nicht leisten
Bei einer Podiumsdiskussion anlässlich der Hamburger IT-Strategietage haben drei Experten Antworten gesucht: der Philosoph Peter Sloterdijk, Constanze Kurz, die Sprecherin vom Chaos Computer Club, und die Microsoft-Managerin Marianne Janik. Als Stellvertreterin der IT-Industrie hatte Letztere die schwierigste Aufgabe. Sie muss digitale Zukunftstechnologien verteidigen, weil ihr Unternehmen Produkte sowohl an den Endverbraucher als auch an die Industrie verkaufen will. Microsoft kann sich weder eine technikfeindliche Gesellschaft leisten, die neuen Produkten nicht traut, noch eine digital befreite Gemeinschaft, die alternative Software vorzieht. Der Riesenkonzern hat es mittlerweile geschafft, die Rolle des bösen kapitalistischen Konzerns loszuwerden und sie an Google und Apple weiterzureichen.
Dennoch konnte man der Microsoft-Managerin häufiger beim verbalen Spagat zuschauen. In Deutschland sei die Debatte über den Datenschutz ausgeprägter als in anderen Ländern, eine „zunehmend technikfeindliche Stimmung und das Misstrauen in IT-Technologien“ könnten die „Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit“ des Standorts Deutschland gefährden. Doch es gebe "sehr viele digital mündige Bürger". Aber davon anscheinend nicht genügend. Janik fordert, dass "Medienkompetenz ein Bestandteil der Lehrpläne in den Schulen" sein solle, und plädiert für eine "Verkehrserziehung im Internet". Microsoft könne diese "Aufklärungsarbeit" etwa in der Schule leisten. Im letzten Jahr stellte Microsoft auf der Computermesse Cebit "Das digitale Klassenzimmer" vor. Das Projekt war leider noch sehr weit vom schulischen Alltag entfernt.
Liegt die Verantwortung für digitale Zukunftstechnologien ausschließlich auf Unternehmensseite? „Der Hersteller allein kann diese Themen nicht lösen“, sagte Janik. Daher arbeite Microsoft seit Jahren bei der Entwicklung von Produkten etwa mit dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) zusammen - und mit den Kunden selbst. Diese Auskunft dürfte manchen Windows-Nutzer überraschen, wenn er sich durch anwenderunfreundliche Programme klickt. Doch die Erweiterung des Begriffs zu „Industriekunde“ macht schnell klar, dass es hier um einen Bereich geht, in dem sich niemand die Angst vor der digitalen Technik leisten kann, weil sie für ihn schlichtweg notwendig ist.
Nur ein Topos des Feuilletons
Es hätte nicht nur dieser Diskussion gutgetan, das Thema durch Begriffsklärung einzugrenzen. Eigentlich ist das die klassische Aufgabe eines Philosophen. Und von daher war es eine gute Idee, einen solchen einzuladen. Auch als „Medienphilosoph“ sollte Peter Sloterdijk die geeigneten methodologischen Werkzeuge beherrschen, um zu klären, was „Angst“, „Phobie“ oder „Hysterie“ eigentlich bedeuten, dass es ein Unterschied ist, ob man von „Technik“ oder „Technologie“ spricht, und dass man in vielen Debatten den Dauerfehler macht, von „dem“ Internet als einer Entität auszugehen.
Doch der Philosoph kramte sichtlich vergnügt in seiner rhetorischen Spielkiste und gab zunächst Entwarnung mit dem Hinweis, dass in Deutschland „noch nie jemand durch die Angst vor technologischen Fragen gelähmt“ worden sei. Eine deutsche Technikphobie sei ein „konservativer Topos des Feuilletons“. Mittlerweile habe „das Prinzip Vorsicht das Prinzip Hoffnung“ eingeholt. Und dann ließ er bunte Seifenblasen vor dem Publikum aufsteigen: „Die Welt des 21. Jahrhunderts“ werde, so Sloterdijk, „ein Nebeneffekt des Internets“ sein. Dabei hätte er auf zahlreiche technikphilosophische Theorien zurückgreifen können. Doch er beließ es bei mächtigen Fragen wie dieser: „In welcher Größenordung werden die Gefahren liegen, wenn Menschen über eine so phantastische und zugleich risikoträchtige Technologie wie eine weltvernetzende Kommunikationswaffe verfügen?“
Zu viele Metaphern, zu wenige Tipps
Der Moderator ließ sich von dieser Rhetorik anstecken und skizzierte das Szenario, dass es doch bald eine Wende zurück zum Analogen geben könnte, und wollte wissen, ob diese Vision Schwachsinn sei. Constanze Kurz vom Chaos Computer Club, die sich während der Diskussion auffällig zurückhielt, antwortete kurz und knapp: „Ja, das ist Schwachsinn!“
Auch in Hamburg trat somit der Jauch-Plasberg-Will-Effekt der Talkshows ein. Der „bedeutendste“ deutsche Philosoph wurde eingeladen, weil er in den Medien dauerpräsent ist. Seine von Metaphern durchtränkten Sätze verbreitet er seit vielen Jahren im Philosophischen Quartett des ZDF. Mit diesem Mann machten die Veranstalter auf ihr „Panel“ erfolgreich aufmerksam. Es hat auch insofern funktioniert, dass die Leute sich über Sloterdijks Metaphernmaschine amüsiert haben. Der Debatte hat es allerdings eher geschadet als genutzt.
Am Ende fragte man sich immer noch: Warum geht nun die Angst um in Deutschland? Die Teilnehmer hätten ein paar einfache Tipps geben können, um den Menschen die Furcht zu nehmen. Etwa: Installieren Sie ein Anti-Viren-Programm auf ihrem Rechner, und halten Sie es täglich aktuell. Kontrollieren Sie ihre Einstellungen bei Facebook. Surfen Sie mit Ihrem Browser im Privatmodus. Melden Sie sich nicht bei Google an. Löschen Sie regelmäßig Ihre Cookies. Machen Sie Ihre Online-Bankgeschäfte mit dem Chip-Tan oder mTan-Verfahren. Damit wäre die Debatte zwar nicht beendet. Doch stünde bei vielen nicht mehr der Angstschweiß auf der Stirn.
Wer Angst vor dem Staatstroyaner hat vermißt in solcher Runde auch
keinen BKA-Mitarbeiter
klaus keller (klkeller)
- 14.02.2012, 16:30 Uhr
märchenonkel
Jens Hunger (hero02)
- 14.02.2012, 15:18 Uhr
Angst tut gut!
Konstantin Schneider (bundesboy)
- 14.02.2012, 15:01 Uhr
Wieso "Philosoph"??
Volker Kulessa (solelite)
- 14.02.2012, 14:58 Uhr
Sloterdijks öffentliches Auftreten
Guenther Bachteler (bachteler)
- 14.02.2012, 14:34 Uhr