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Digitale Bildung : Power-Point-Blues

Ohne Stimme geht es nicht: Lehrer in einer Willkommensklasse in Berlin. Bild: dpa

Rückständige Dozenten bremsen die „digital natives“ an den Hochschulen aus, hieß es immer wieder. In Wirklichkeit werden Schiefertafeln nicht nur von älteren Semestern hoch geschätzt.

          Wer sich Deutschland schon immer als Nation der Lahmen und Fußkranken vorstellte, bekam von der Bertelsmann-Stiftung in der Vergangenheit reichlich Belegmaterial. „Deutschland hinkt hinterher“, hieß es zuverlässig in deren Notstandsmeldungen zur digitalen Bildung, die weltweit auf dem Vormarsch sei, in Deutschland aber von einer kleinen Fraktion verzopfter Pauker an der Entfaltung gehindert werde. Die Studenten, hieß es weiter, die mit scharrenden Füßen darauf warteten, den Unterricht mit technischen Gadgets aufzumöbeln, müssten die Weltferne ihrer Lehrer bitter bezahlen mit fast schon uneinholbaren Rückständen im „globalen Wettbewerb um die besten Köpfe“.

          Ganz uneigennützig waren diese Notrufe nie. Die Bertelsmann-Stiftung ist mehrheitlicher Kapitaleigner des Bertelsmann-Konzerns, der mit digitalen Lehrmodulen den Weltmarkt erobern will. In den Ministerien trafen die Alarmsignale aus Gütersloh trotzdem auf offene Ohren. Unverzüglich wurden dort fast gleichlautende Pressemitteilungen herausgegeben, die immerhin zu erkennen gaben, dass man die Botschaft verstanden habe und nunmehr „auf einem guten Weg“ sei. Man hatte nur leider vergessen, die Studenten und Dozenten zu befragen, und einfach vorausgesetzt, dass Professoren kein größeres Glück kennten als ein vollendet heruntergeleiertes Power-Point-Referat. Dass Studenten ihre Laptops auch einmal für unterhaltsamere Dinge als den Lehrstoff verwenden, wollte man ihnen nicht übelnehmen. Man war sich auch ganz sicher, dass mit den Massive Open Online Courses (Moocs) eine Bildungsrevolution ins Haus stünde, die Professoren höchstens noch einen Job als Berater übrigließe, bis schließlich auch virtuelle Tutoren lieferbar wären. Der Professor war in dieser Vision die skurrile Ulknudel, die den Hörsaal mit ihren Marotten amüsiert.

          Heute weiß man: Moocs dümpeln bei „zwei Prozent“. Die „gute alte Tafel“ wird von Studenten hochgeschätzt. Dozenten fühlen sich von Laptops im Seminar in der Mehrzahl gestört. Digitale Verfechter und analoge Skeptiker stehen sich in zwei gleich großen Lagern gegenüber, weshalb zukünftig nicht überall „mit dem systematischen Einsatz digitaler Lernmedien zu rechnen ist“. Das alles steht im neuen „Monitor Digitale Bildung“ der Bertelsmann-Stiftung, die auch mit dieser Erkenntnis wieder ganz vornedran ist.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

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