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Digitale Bibliothek Europeana Erfolg ist, wenn man zusammenbricht

21.11.2008 ·  Das europäische Prestigeprojekt „Europeana“, die gemeinsame Online-Bibliothek, ist dem Besucheransturm nicht gewachsen. Weil Europeana mit wesentlich weniger Besuchern gerechnet hatte, brach die Seite am Tag der Eröffnung zusammen. Nun muss nachgerüstet werden.

Von Oliver Jungen
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Es gibt zwei Sorten Bibliothekare - die Hilfsbereiten und die anderen, die unermüdlich damit beschäftigt sind, den Feind abzuwehren. Die so viele Bücher wie möglich unter fadenscheinigen Argumenten aus dem Leihverkehr ziehen und am besten in Schränke verschließen, die jeden Abend heilfroh sind, wenn sie endlich die Türen verriegeln dürfen, damit ihre Schätzchen wenigstens bis zum nächsten Morgen Ruhe haben vor diesem alles betatschenden, alles durcheinanderbringenden Geschmeiß mit fettigen, ungeschickten Händen.

Natürlich ist es nur dieser zweiten Sorte von Bibliothekaren zu verdanken, dass überhaupt noch Bibliotheken existieren. Wäre das Internet nicht schon erfunden, diese Gralshüter müssten es ersinnen: Man liefert den Interessenten einfach Abbilder nach Hause, und in Frieden ruht das Original.
Seit Monaten - auch in diesem Sinne - betrommelt wurde jüngst das Großprojekt „Europeana“, die erste gemeinsame Online-Bibliothek der Europäischen Union (www.europeana.eu). Dokumente, Bücher, Gemälde, Filme und Fotografien aus mehr als tausend Sammlungen aus siebenundzwanzig europäischen Mitgliedsstaaten macht diese kostenlos im Internet zugänglich. Die bislang etwa drei Millionen gespeicherten Objekte sollen bis zum Jahr 2010 auf zehn Millionen anwachsen. Die Europäische Kommission stellt zwei Millionen Euro pro Jahr für den Unterhalt der Plattform bereit.

So groß der Andrang, so klein die Server

Die Kosten für die Digitalisierung tragen die Mitgliedstaaten. Am gestrigen Donnerstag öffnete die Metabibliothek ihre digitalen Pforten. Monika Griefahn, Sprecherin der Arbeitsgruppe für Kultur und Medien der SPD-Bundestagsfraktion, erklärte dazu am heutigen Freitag: „Das gemeinsame kulturelle Gedächtnis Europas bekommt eine Adresse.“ Jedem Bürger sei es nun möglich, „das reichhaltige Kulturerbe Europas zu entdecken“. Man muss zugeben, dass das auch vorher nicht ganz unmöglich war, aber eben nicht in dieser Form: „Und das alles ganz bequem vom Computer aus.“

Nun gibt es aber - bei aller Euphorie - ein Problem mit dieser Adresse: Man kann sie zwar aufsuchen, aber darf nicht eintreten. Als hätte sich eine Digitalvariante des gemeinen Bibliotheksdrachens schützend vor die Daten geworfen. In so großer Zahl nämlich stürzten die Kulturentdecker „bequem per Computer“ herbei, dass die Webseite sofort zusammenbrach. Drei weitere Server wurden daher im Rechenzentrum der Universität Amsterdam den drei bestehenden hinzugefügt. Aber auch der zweite Auftritt misslang: Wieder war der Besucheransturm zu groß, zehn Millionen Klicks pro Stunde (andere sprechen von der doppelten Anzahl). Gerüstet sei das Projekt aber nur für fünf Millionen Klicks. Es darf also in einer Stunde nur jeder hundertste Europäer herein, und auch das nur, wenn er nicht mehr als einmal klickt.

Das Ding, was man jetzt nicht finden kann

Viel hat man schon gesehen an kuriosen Mitteilungen, die auf handgeschriebenen Zetteln an den Glastüren von Stadtteilbibliotheken pappen, dies aber noch nicht: Geschlossen, weil Sie hinein möchten. Genau diese lapidare Mitteilung aber erwartet den Besucher des Vorzeigeportals: „Die Europeana-Seite ist aufgrund des überwältigenden Interesses zur Zeit nicht zugänglich“. Man werde wohl Mitte Dezember zurück sein. Das reichhaltige Kulturerbe Europas läuft ja nicht weg.

In der Zwischenzeit, heißt es, könne man sich aber gerne mit dem Video „The kind of thing you can find on the Europeana“ vergnügen. „Descartes“ wird da in die Suchmaske eingetippt, dann segeln Bilder herum, Musik spielt - und schließlich steht es da: „Cogito, ergo sum“. Gilt das noch im Virtuellen?

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