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Differenz der Geschlechter Der November kommt

 ·  Ist Männlichkeit ein bedrohtes Kulturgut? Und was nutzt all das Zürnen und Jammern? Die Ökonomie wird schon dafür sorgen, dass die Frauen immer männlicher und Männer weiblicher werden.

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Waren das tatsächlich die Nachrichten der vergangenen Woche – oder haben die Zeitungen womöglich einen Roman aus dem Paris des ancien regime nacherzählt, eine Novelle aus dem Wien der vorletzten Jahrhundertwende, einen fiktionalen Text also, bisschen trivial und schwülstig: eine sehr, sehr altmodische Männerphantasie, welche, wenn man sie sich bildhaft vorzustellen versuchte, noch nicht einmal das Format von Pasolinis „Decamerone“ hätte. Eher sähe sie so aus wie der Maskenball in Stanley Kubricks „Eyes Wide Shut“, so falsch und pompös, verklemmt und ungeheuer altherrenhaft.

Da sind also hundertfünfzig deutsche Handelsvertreter nach Budapest gefahren, haben sich, wie eine Frau, die dabei war, einer Zeitung berichtet hat, zwischen den eklektizistischen Säulen des Gellert-Bades erst Mut angetrunken, dann aber, erhitzt vom Alkohol und den Dämpfen des Thermalbads alle Hemmungen abgelegt – und bei der Orgie, die dann gefeiert worden sei, habe man, dank gelber, roter und weißer Armbänder sehen können, welche der Damen zu welchen Dienste bereit war. Man habe sich in Himmelbetten mit Vorhängen drumherum zurückziehen können; davor habe jedes Mädchen noch schnell einen Stempel auf die Haut bekommen.

Blick und Macht

Kann es wirklich sein, denkt man sich beim Lesen der Zeitungskunde, dass diese Männer und die Leute in den Chefbüros der Versicherung, wo das alles organisiert und schließlich auch gezahlt wurde, kann es wirklich sein, dass sie alle glaubten, man müsse nur nach Budapest fahren, um die Zeit, das Genre und die Realitätsebene zu wechseln? Haben sie, bloß weil es vier Jahre dauerte, bis sich die Sache herumsprach, wirklich geglaubt, sie kämen damit davon?

Hat ihnen keiner gesagt, dass dies das 21. Jahrhundert ist, jene Gegenwart also, in der man, so als halbwegs erwachsener Mann, zwar noch immer die Versuchung spürt, jene riesigen Plakate anzuglotzen, auf welchen in diesen Tagen sehr hübsche, sehr junge Frauen für sehr knappe Bikinis der Marke H&M werben. Was man aber selbstverständlich bleiben lässt, weil so ein Starren und Glotzen ungefähr so unangemessen wäre, wie wenn man rauchte in der U-Bahn oder sich zur morgendlichen Lagebesprechung im Chefbüro eine Flasche Bier mitbrächte: Es wäre blöder male chauvinism, der Blick allein etablierte schon das falsche Machtverhältnis. Und eine verdammte Unhöflichkeit gegenüber all den Frauen, die, während sie an diesen Plakaten vorübergehen, Schuhe, Hosen und ein Jackett tragen, wäre es sowieso.

Früher hätte man sich beim Anblick dieser Plakate gedacht: Was für eine Verschwendung, diese Bilder in den schönen Mai hineinzuhängen. Im grauen November wären diese Farben, die Formen und das Lächeln doch ein viel wertvollerer Trost.

Heute wissen wir, dass wir im November der Männer leben.

Es in den vergangenen Wochen ziemlich viel durcheinandergeraten im Gespräch über Sex und Macht, Zwang und Käuflichkeit – und weil die meisten und die lautesten, die dazu eine Meinung hatten, Männer waren, klang es so oft wie Verschleierung und Verharmlosung, wie Erklärung und Entschuldigung. Vor allem aber klang es so, als wären die Männer noch immer an der Macht; und als ob diese Macht sich noch retten ließe.

Angriff auf den sexistischen Blick

Man sieht aber nicht ganz klar, wenn man mittendrin steht – und schon deshalb muss man ganz genau lesen, was in diesen Tagen die Frauen schreiben, und einen ganz besonders bösen und verdrossenen, einen ganz besonders starken Text hat die Schriftstellerin Sibylle Berg geschrieben, in ihrer Kolumne bei „Spiegel online“, die sie „Männer, ich habe es satt!“ überschrieben hat. Zu diskutieren und zu argumentieren, schreibt Sibylle Berg, habe sie keine Lust mehr, und wer ihre Kolumne gelesen hat, versteht auch, warum das so ist. „Ich habe es aufgegeben, Männern erklären zu wollen, warum mich verschleierte Frauen demütigen, warum nackte Frauen in Schaufenstern mich demütigen, warum Frauen, die sich nackig für Hefte fotografieren lassen, um ihre Karriere als Schauspielerin-Schrägstrich-Modell-Schrägstrich-Moderatorin anzukurbeln, mich demütigen. Ich werde Männern nicht erklären können, dass es mir ist, als ob ich ein Schwarzer wäre, der an seinen Kumpels mit Fußfesseln vorbeispaziert, die auf Baumwollfeldern ihren Job machen.“

Es wäre lächerlich, im Archiv der üblichen Argumente nach der Gegenrede zu suchen – auch wenn der Umstand, dass Frau Berg sich vom Schleier wie von der Nacktheit gleichermaßen belästigt fühlt, schon die Frage provoziert, was dann zu tun wäre: Brauchen wir eine Kleidungsnorm, eine Anstands-Uniform, welche die sexistischen Blicke zurückweist, aber noch nicht unter Vermummungsverdacht fällt?

Es geht nicht darum, Sibylle Berg zu widersprechen, es geht darum, gefälligst zur Kenntnis zu nehmen, dass die meisten Frauen ihr zustimmen, wenn sie schreibt: „Ich will das alles nicht. Ich will nicht, dass die Hälfte der Erdbevölkerung zur Lustbefriedigung der anderen bereit steht, ich will keine nackten Frauen auf Tageszeitungen, ich will keine Pornos, ich will den ganzen Dreck nicht, der nahe legt, mich als Ware zu betrachten.“

Die kommende Herrschaft der Tugend

Die Freiheit, die man diesen Sätzen intuitiv entgegenhalten möchte, wäre die Freiheit, „Neger“ zu sagen, obwohl der so Benannte sich davon belästigt fühlt, es wäre die Freiheit, sich seinen Mitmenschen gegenüber gehen zu lassen, es wäre eine Freiheit, auf welche man, im Namen der Höflichkeit und der Rücksichtnahme, gerne verzichten darf, ohne dass der liberale Rechtsstaat aufhörte, liberal zu sein. Wenn die Hälfte der Menschheit sich von den schlechten Angewohnheiten der anderen Hälfte belästigt fühlt, dann wird es einfach Zeit, sich ein paar Dinge abzugewöhnen.

Dieses Feuilleton hat sich an diesem Platz schon vom Rauchen und dem Trinken verabschiedet – und dass demnächst die Prostitution und die Pornographie dran sind, ist da nur konsequent. Zwar fordert eigentlich nur die Zeitschrift „Emma“ ein strenges Verbot von beidem. Zwar steht selbst im Programm der Grünen, deren Tugendherrschaft ja, wie die letzten Wahlergebnisse zeigen, nicht nur in den gentrifizierten Städten kommen wird, nur die Forderung nach härteren Strafen für die Kunden von Zwangsprostituierten. Aber wahrscheinlich braucht es gar keine Verbote, vermutlich ist die Forderung nach Abschaffung von Pornographie und Prostitution ungefähr so dringend, wie wenn man Ende November die baldige Abschaffung des alten Jahres forderte.

Sie wird kommen, ob das jemand fordert oder nicht.

Pornographie ist allseits verfügbar, dank des Internets, und genau das wird ihr die materielle Grundlage entziehen – weil kein Mensch mehr dafür zahlen will. Und wenn die Stars des Genres wie Jessica Drake und Alektra Blue in den Videos von Lady Gaga mitspielen, dann ist das nicht die Pornographisierung der Popmusik; eher schon die Flucht heraus aus der Pornographie.

Männlichere Frauen, weiblichere Männer

Und der Absturz der Hamburg-Mannheimer, sagen kluge Frauen, wäre nie passiert, wenn es in den Führungsetagen deutscher Unternehmen eine Frauenquote gäbe. Sibylle Berg geht so weit und behauptet, eben deshalb gäbe es dort oben keine Frauen: Damit die Männer weiter ungestört herumsauen können.

Mag sein, ist aber auch so eine Aussage, die im November der bestehenden Verhältnisse formuliert wird. Es sind nicht nur die Mädchen und die jungen Frauen, die ja an den Schulen und in den Universitäten so erfolgreich sind, dass sie, in zehn, fünfzehn, zwanzig Jahren die Führungspositionen unter sich verteilen werden, ob das den letzten Chauvinisten dort oben nun passt oder nicht. Es ist schon der Kapitalismus, es ist der Produktionsstandort Deutschland, der, angesichts des Bevölkerungsschwunds, nicht nur auf all die Frauen nicht verzichten kann. Er strebt ganz generell nach den Einebnung der Geschlechterdifferenzen, er braucht männlichere Frauen und weiblichere Männer, er wird den Männern die Bordelle abgewöhnen, so wie er es ihnen abgewöhnt hat, attraktive Kolleginnen in den Hintern zu kneifen.

Eine Distanz verschwindet

Die Kulturtechniken, die uns dabei verloren gehen werden, sind nicht die Pornographie und die Prostitution. Beides gab es zwar, jahrtausendelang, aber das gilt auch für die Pest, den Aussatz oder die Angewohnheit, Menschen wegen ihrer Hautfarbe zu hassen und wegen ihrer Religion zu töten. Oder umgekehrt.

Das Kulturgut, das dabei verlorengeht, ist jene Männlichkeit, die in der Differenz der Geschlechter ihre Grundlage hat. Nein, es ist nicht unbedingt so besonders männlich, sich vorher Mut anzutrinken und hinterher den Sex mit einer ungarischen Prostituierten als Spesen abzurechnen.

Es ist eher eine Haltung, es ist das Bewusstsein einer Distanz, die niemals leicht zu überwinden ist und manchmal gar nicht, einer Distanz, die wir vielleicht zu oft nur mit unserem Schweigen füllen, weil wir darauf horchen, ob auf der anderen Seite jemand ruft. Manchmal rufen wir auch selber hinein, manchmal machen wir uns auf den Weg, und wenn er weit ist, füllen wir die Leere mit unseren Bildern.

Seltsam, und irgendwie paradox, dass uns soviel liegt an dieser Distanz. Seltsam, dass wir ihr Verschwinden so fürchten.

Ist es wirklich schon November für uns?

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Jahrgang 1959, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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