Über Dieter Rams heißt es in allen Lexika, er sei ein „Industriedesigner der Moderne“ oder nur ein „moderner Designer“. Das ist nicht ganz falsch - und trifft die Sache doch nicht, wenn man sich anschaut, was sonst alles noch als „Design“ bezeichnet wird. Der „designte“ Gegenstand ist ja meistens einer, dem man ansieht, dass er nicht bloß Gebrauchsgegenstand sein will, sondern dass ihm ein Team von Designern solange durch das Hitzebad formaler Einfälle gezerrt hat, bis er zum „Designobjekt“ erstarrte.
Das Ergebnis sieht man überall: Bügeleisen, die wie zu Amphibien mutierte Hochgeschwindigkeitszüge aussehen wollen, Autos, die wie depressive Kampfhunde aus Partygirlandenscheinwerfern in die Gegend starren, deren Existenz nur durch die Anwesenheit einer personalintensiven Designabteilung zu erklären ist, die ihr Dasein mit auffallenden Eingriffen in das Aussehen vormals einleuchtender Objekte rechtfertigen muss. Das, was wir „Design“ nennen, ist heute zu großen Teilen wieder in jenem Stylingsumpf schwülstiger Ornamente und Girlanden angekommen, aus dem es eine Generation von Gestaltern wie Dieter Rams nach dem Zweiten Weltkrieg befreit hatte - und wo der Befund nicht so verheerend ist, bei den Objekten der Firma Apple zum Beispiel, schreiben die Gestalter wie Jonathan Ive, der iPhone und iPad entworfen hat, lange Dankesbriefe an Dieter Rams.
Die Hochrenaissance der deutschen Industriegestaltung
Es wäre überhaupt nicht falsch, den in Wiesbaden geborenen Rams einfach als einen Künstler zu bezeichnen, dessen Skulpturen man auch noch benutzen kann, aber am besten trifft ihn vielleicht doch das Wort Gestalter - wenn man Gestaltung, im Gegensatz zu bloßem Styling, als die Kunst definiert, Formen zu finden, die das Leben vereinfachen, freier machen und ihre Benutzer zu Dingen verleiten, die sie ohne das Objekt nicht getan hätten, aber immer tun wollten: Jemand, der einen leidenschaftslosen Skoda fährt, wird nicht auf die Idee kommen, damit nachts spontan von Frankfurt nach Rom fahren zu wollen; jemand, der sich einen gleich teuren alten Porsche 911 kauft, vielleicht schon.
Wenn die Jahre, in denen dieses Auto entworfen wurde, als Hochrenaissance der deutschen Industriegestaltung gelten, nach deren Formen sich noch heute allerlei Retro-Objekte mit absurden Schwüngen und Verbiegungen ausstrecken, dann ist das vor allem auch das Verdienst von Dieter Rams. Nach dem Krieg studierte er Architektur und Innenarchitektur an der Werkkunstschule Wiesbaden, absolvierte eine Ausbildung zum Tischler und arbeitete gut zwei Jahre als Architekt, bevor er 1955 zunächst als Architekt in die Dienste des Elektrogeräteherstellers Braun trat, dessen Produkte er von 1961 bis 1995 als Leiter der Formgebung entscheidend prägte.
Die Möglichkeit eines anderen Lebens
Schon 1956 entwarf er, gemeinsam mit Hans Gugelot, die Radio-Plattenspieler-Kombination SK 4, den sogenannten „Schneewittchensarg“: Während Musikmöbel vorher meist aussahen wie Bauernschränke, aus denen sich zum allgemeinen Erstaunen ein Schalltrichter herausfaltete, hatte hier das Musikobjekt eine in sich vollkommene Form angenommen: Über einem weiß lackiertem Blechkorpus thronte eine Abdeckhaube aus Acrylglas, und vor allem die war ein Beispiel dafür, wie ein neues Material zu einer Form verarbeitet wird, die eine haptische Sensation, ein neues Lebensgefühl, ein Gefühl für Gegenwart vermittelt. Ganz ähnlich ist das mit den Objekten des Rams-Fans Jonathan Ive: Das porzellanhaft schwere und glatte Plastik der Apple-Produkte, die Überraschung des Touchscreens gibt den Benutzern ein Gefühl, nicht vor fünfzig oder zehn Jahren, sondern im Jetzt zu leben, nicht in den Hüllen ihrer Vorfahren, sondern in einer Welt, die ihnen mit neuen Objekten erlaubt, ihre eigenen Erfahrungen zu fassen und eine eigene Identität zu schaffen.
Rams entwarf den Weltempfänger T1000, die Hi-Fi-Komponenten Regie und Atelier, Möbel wie das Regalsystem 606 und Taschenrechner, und bei all diesen Entwürfen ging es um Lebenserleichterung, darum, das Ding als Ding ein wenig verschwinden und zum unbewussten Teil des Lebens werden zu lassen: „Design ist ganz wesentlich davon bestimmt, dass es Dinge erklärt, ohne dass man lange eine Gebrauchsanleitung lesen muss“, sagte Rams einmal. „Genau das, was viele Apple-Jünger an den Produkten loben. Das war immer unsere Vorgabe bei Braun: Dinge so zu gestalten, dass sie besser begreifbar waren. Wir haben von Anfang an viel Wert auf Produktgrafik gelegt, auf Skalen und Beschriftungen am Gerät.“ Die größte Freiheit, schrieb Paul Valéry einmal, komme aus der größten Strenge, und dieses Motto scheint auch für die Geräte von Rams zu gelten - wobei Rams’ Entwürfe nichts zu tun haben mit der Ästhetik des Weggesparten, die von Baumarktwaschmaschinen bis zu Schlüsselfertighäusern in der Vorstadt die Welt der Dinge prägt. Rams Objekte haben, was durch die Reduktion erst sichtbar wird, ein Sensorium für Proportionen und Radienverläufe, Oberflächen, Materialien und eine Feinheit, die an die japanische Kunst der Leere, an ein nichtesoterisches Satori erinnern. Rams entwirft keine reduktionistischen weißen Kisten, die einen ins, wie Tom Wolfe einmal angesichts misslungener Bauhausarchitektur klagte, „sinnliche Entzugskoma treiben“, sondern Objekte, deren Form sich nicht nur durch Reinheit und Klarheit, sondern auch Entschlossenheit, Schärfe und Spannung auszeichnet.
Es sind Gegenstände, die entworfen wurden ohne die Hereinpfuscherei von Marketingabteilungen, und ihre Schönheit liegt darin, dass sie die Möglichkeit eines anderen Lebens zeigen und nicht bloß das alte, ewig gleiche mit ein paar unterhaltsam umdrapierten Dekogirlanden bedienen wollen. Dieter Rams wird an diesem Sonntag zwar achtzig Jahre alt - aber was heißt das schon bei jemanden, dessen gesamtes Werk so vollkommen alterslos wirkt.