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Proteste gegen Israel in Deutschland : Wem gilt der antisemitische Reflex wirklich?

  • Aktualisiert am

Anti-Israel-Demonstration in Berlin: Die Mehrheit der Teilnehmer sind deutsche Bürger mit Migrationshintergrund. Bild: Getty

Proteste gegen Israel münden in Gewalt. In Deutschland werden Juden auf offener Straße angegriffen. Gibt es eine neue antisemitische Koalition? Ein Gespräch mit Raphael Gross vom Fritz-Bauer-Institut.

          In Berlin gab es Ausschreitungen vor der israelischen Botschaft, in Frankreich gilt aus Gründen der öffentlichen Sicherheit ein generelles Verbot für propalästinensische Demonstrationen – wie beurteilen Sie diese jüngsten Nachrichten?

          Die Demonstrationen in Frankreich treffen eine jüdische Bevölkerung, die in den vergangenen Jahren durch Gewaltausbrüche schon verunsichert ist. So war es kein Zufall, dass die Regierung die Demonstrationen verboten hat. Sie fanden illegal statt und führten zu neuer Gewalt. Der Charakter der Demonstrationen hat viele Juden in Deutschland und offenbar auch die Polizei und den Zentralrat überrascht. Wir wissen, dass die Statistiken einen hohen Prozentsatz von antisemitischen Überzeugungen in der deutschen Gesellschaft dokumentieren – aber es ist etwas anderes, wenn Judenhass öffentlich wird.

          Mit Bestürzung erfuhren wir von den antisemitischen Parolen, die nun selbst in deutschen Fußgängerzonen gerufen werden – ist damit eine neue Qualität erreicht?

          Solche Veränderungen sind, während sie geschehen, schwer zu beurteilen. Die Demonstrationen scheinen jedenfalls umgeschlagen zu sein. Ich meine damit: Man kann etwa eine politisch gerichtete Empörung über das Vorgehen eines Staates artikulieren. Oder sich gegen Gewalt richten. Das ist ja der Kern von Friedensdemonstrationen. Das kann aber umschlagen in eigene Aggression – also geradezu in das Gegenteil von einer Friedensdemonstration. Plötzlich erleben wir eine Kampagne des Hasses, bei der diejenigen, die auf der Straße agieren, sehr verschiedene Unzufriedenheit und Konfliktlagen auf einen einzigen Konflikt projizieren.

          Weder die extremen Gewalttaten in Syrien noch die in Afghanistan, in Ägypten, im Irak, in Nigeria oder auch der Ukraine scheinen geeignet, solch eindeutig negative Gefühle auf sich zu ziehen, wie es bei kriegerischen Handlungen Israels der Fall ist. Die Demonstranten treten in historisch vorgestanzte Muster. Aus Friedensdemonstranten werden dann im deutschen Kontext hassende Antisemiten. Ob sie das selber so erleben, ist unklar. Aber wir sehen es an der Parole, die Empörung mobilisieren soll: „Kindermörder Israel“. Ob das der „alte“ deutsche Antisemitismus ist oder ein Migrationsphänomen ist, das ganz andere Quellen, etwa im islamisch geprägten antijüdischen Hass, hat, muss man genauer untersuchen.

          Wer sind diese Leute? Bildet sich da eine neue Koalition von Islamisten und Neonazis?

          Islamisten und Nationalsozialisten teilen „im Juden“ ein Feindbild. Historisch ist diese Koalition daher nicht undenkbar. Vergessen wir aber nicht, gleichzeitig sind heute viele Neonazis extrem islamfeindlich. Wichtiger als diese brüchige Koalition erscheint mir: Es waren vor allem deutsche Bürger mit Migrationshintergrund, die demonstriert haben. Viele stammen aus der Türkei. Es sind nicht sehr religiöse Muslime. Also „normale“ Bürger. Da spielen die sich rapide verschlechternden Beziehungen zwischen der Türkei und Israel eine zentrale Rolle, denken Sie nur an die Äußerung Erdogans über Israels angebliche „Hitler-Gesinnung“. Man sieht viele Türkei-Flaggen auf den Demonstrationen. Offenbar wird die Politik der Türkei selber, die ja etwa Isis-Kämpfer aus ganz Europa zu unterstützen scheint, nicht auch gleichermaßen in Frage gestellt.

          Wie steht es mit dem linken Antisemitismus und dessen Anschlussfähigkeit an islamistischen Judenhass?

          Diese Frage stellen sich bestimmt einige der Mitglieder der Partei Die Linke. Warum Teile dieser Partei bereit sind, mit Hamas, also einer Bewegung, die den islamischen Gottesstaat und die Auslöschung Israels sich auf die Fahne geschrieben hat, gemeinsam zu demonstrieren, kann man wiederum nur aus der Geschichte des deutschen Antisemitismus verstehen. Damit es keinen Irrtum gibt: Es gab in der deutschen Geschichte vor allem virulenten Antisemitismus von rechts, etwa in den diversen völkischen Bewegungen, zu denen ja auch der Nationalsozialismus zu zählen ist. Aber auch traditionell konservativen und liberalen Antisemitismus finden wir. In der Linken fällt in dieser Tradition vor allem derjenige ins Gewicht, der in der DDR gepflegt wurde. Dazu gehörte die totale Verleugnung jeder Verantwortung für den Holocaust. Diese wurde durch antifaschistische Klischees ersetzt. Entsprechend war die Solidarität mit dem Staat der Überlebenden, Israel, kein Thema - umso mehr pflegte man einen offiziellen Antizionismus und die Solidarität mit den Palästinensern.

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