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„Zeit“ kontert ihre Kritiker : Gegen das Gebrüll auf Twitter

Flüchtlinge kommen im spanischen Malaga an. Bild: dpa

In der „Zeit“ sind zwei Artikel zum Thema private Seenotrettung erschienen. Gegen den einen – von Mariam Lau – erhob sich ein irrer Proteststurm. Darauf hat die Zeitung reagiert. Sie sollte ihren Journalismus verteidigen.

          Die Wochenzeitung „Die Zeit“ hat sich in der jüngsten Ausgabe ihren Lesern erklärt. Die Redaktion hat eine harte Woche hinter sich. Genauer gesagt: Die Autorin Mariam Lau hat eine harte Woche hinter sich. Denn seit im Rahmen eines Pro und Kontra auf der dritten Seite des Blattes ihr Artikel zu der Frage erschien, wie sinnvoll private Seenotrettung von Flüchtlingen im Mittelmeer sei, prasselte auf sie massivste, ehrabschneiderische bis drohende Kritik ein, welche die Prämisse des Artikels außer Acht ließ und der Autorin unterstellte, sie wende sich gegen jede Seenotrettung, fände es also vertretbar, dass Menschen ertrinken beziehungsweise dass man sie ertrinken lässt.

          Das hat Mariam Lau mitnichten geschrieben, sie hat vielmehr das zynische Kalkül der Schlepperbanden thematisiert. Diese verschiffen Flüchtlinge in miserablen Booten gerade eben so weit, bis sie von den Seenotrettern – privaten oder staatlichen –, aufgenommen werden (können). Einen anderen Eindruck von diesem Artikel konnte man nur bekommen, wenn man sich allein an die Überschrift des Pro und Kontra hielt. Diese lautete: „Oder soll man es lassen?“ Schon in der Unterzeile wurde klar, dass dieses „Lassen“ sich nicht auf Seenotrettung an sich, sondern auf die beschriebenen Umstände privater Seenotrettung im Mittelmeer bezieht: „Private Helfer retten Flüchtlinge und Migranten im Mittelmeer aus Seenot. Ist das legitim?“

          Den Entrüstungssturm hielt das nicht auf. „Close Reading“ ist nicht die Sache derer, die auf Twitter Stimmung machen, wie man es an diesem Beispiel abermals vorexerziert bekam. Unerfreulicherweise machen dabei auch viele Journalisten mit, gerne auch vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk, die es sich sonst verbitten würden, auf Basis einer derart verkürzten und verzerrten Darstellung am Nasenring durch die Manege geführt zu werden. So werden Debatten, wie sie für eine demokratische Öffentlichkeit notwendig sind, zunichtegemacht. Gerade auch von Leuten, deren Beruf (und Berufung) es sein sollte, solche Debatten zu ermöglichen. Sie ersetzen Debatte durch Doktrin.

          Die Autorin Mariam Lau kam dabei unter die Räder, und die „Zeit“ gleich mit, der unterstellt wurde, sie lasse tatsächlich darüber diskutieren, ob man Menschen sterben lassen sollte. Dass davon mitnichten die Rede sein kann, hat die „Zeit“ – unterzeichnet mit „Chefredaktion“ –, nun erklärt und dabei auch eingeräumt, einen Fehler gemacht zu haben. Man habe es „gut gemeint“, aber mit der Aufbereitung des Pro und Kontra nicht gut genug gemacht. Es sei der falsche Zeitpunkt, über private Seenotrettung zu streiten, „da es bei der staatlichen Seenotrettung politisch gewollte Lücken“ gebe, so dass der Eindruck entstanden sei, man fände es „diskutabel, dass gar keine Seenotrettung stattfindet“. Im Text vom Mariam Lau sei zudem nicht genug zum Ausdruck gekommen, dass man „großen Respekt“ habe „vor jenen, die ihre Freizeit und ihr Geld einsetzen, um auf dem Mittelmeer Menschen in Not zu retten, und sich dabei mitunter selbst in Gefahr bringen“.

          Diesem Eindruck freilich stand spätestes das „Pro“-Stück von Caterina Lobenstein entgegen. Das „Jahrhundertthema Flucht“, so die „Zeit-Chefredaktion“, setze Europa unter moralischen und politischen Druck und fordere auch „unseren Journalismus ungemein“. Diesen Journalismus zu erklären, wie die „Zeit“ es unternimmt, ist niemals falsch. Man muss ihn freilich auch gegen das Twitter-Gebrüll, in das manche Journalisten einstimmen, verteidigen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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