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Die Zeichnerin Dodo in Berlin Endlich dürfen wir sie sehen

 ·  Noch ist sie völlig unbekannt: Doch jetzt ist die Zeichnerin Dodo endlich in der Kunstbibliothek in Berlin wiederzuentdecken. Eine Ausstellung, die vor Einfühlungsvermögen strotzt.

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© Katalog /hatjecantz Für die „Vogue“ gezeichnet: Ein Nachmittagskleid von Dodo

Wir sehen Dodo auf einer kleinen Schwarzweißfotografie mit Baskenmütze, die sie tief in die Stirn gezogen hat. Ihre kurzen dunklen Haare sind darunter verschwunden. Ihr Blick ist selbstbewusst, fast ein bisschen trotzig. Dodo heißt eigentlich Dörte Clara Wolff, ist Tochter aus gutbürgerlicher, jüdischer Familie, geboren 1907 in Berlin und heute als Künstlerin völlig unbekannt. Doch das wird sich nun ändern: Ihr Werk ist in der Kunstbibliothek Berlin wiederzuentdecken. Endlich. Denn ihre Karikaturen, Illustrationen, Modeentwürfe strotzen vor Einfühlungsvermögen, Könnerschaft und Selbstbewusstsein, sind Kunst und gleichzeitig Dokument und Persiflage jener „Goldenen Zwanziger“, die ohne die Nationalsozialisten weit in die Dreißiger gereicht hätten.

Das Foto entstand 1928. Die Weimarer Republik war aus dem Kaiserreich geschlüpft. Dodo hatte ihre Ausbildung an der Schule Reimann in Schöneberg, einer privaten Kunst- und Kunstgewerbeschule, beendet und stieg innerhalb weniger Monate zur gefragten Modegraphikerin auf. Ihre Modelle auf staksigen Beinen, Taille und Busen verleugnend, sind von einer unmittelbaren Farbigkeit, mit scharfer Linie ausgeformt und in raffinierte Licht-und-Schatten-Spiele getaucht.

Von der Verführerin zum Vamp

Dodo lässt Stoffe aufblähen oder eine gepunktete Bluse aus einem Frackärmel einer Garconne tropfen, die mit verspieltem Schnurrbart die Freiheit und auch den Humor jener Jahre vertritt. Ihre Figuren entwickeln stets Individualität, sind nicht nur Modelle, sondern erzählen von einer Zeit, in der die Frau ihre Selbstbestimmung fand: Eine schlanke Dame auf lebensmüde hohen Schuhen, in kurzer, grünkarierter Short und einem kantigen Jacketoberteil zeigt uns herrlich arrogant ihr scharfes Profil, die Haare zum klassischen Bubikopf getrimmt. Sie verkörpert jene „Neue Frau“, die sich als gleichberechtigt verstand; mal als Verführerin, dann als Vamp oder als androgyne Schönheit. Ein Schnittmuster von Dodo für die „Vogue“ zeigt eine ebenso erträumte Schönheit mit erotisch gesenkten Augenlidern und einer Jugenstilhaube, die ihren Kopf eng umschmeichelt. Wie auf Wolken gebettet erscheint ein anderes Modell, auch sie kurzhaarig im Tanzkleid mit Pelzcape.

Höhepunkt ihres Schaffens werden die Gouachen aus den Jahren 1927 bis 1929 für die Zeitschrift „ULK“, das „Illustrirte Wochenblatt für Humor und Satire“. Die Beilage des liberalen „Berliner Tagblatts“ bietet Dodo die Chance, künstlerischer zu arbeiten. Ihre Karikaturen, die das Leben der zwanziger Jahre in leuchtenden Farben überzeichnen, bewegen sich auf Augenhöhe mit Jeanne Mammen und Rolf Niczky.

Doch so frei Dodos frühe Zeichnungen aufspielen, so anstrengend wurde ihre Biographie zwischen der Ehe mit dem zwanzig Jahre älteren Hans Bürgner, ihren zwei Kindern und der Lebensliebe Gerhard Adler. Die schwierige Dreiecksbeziehung verlangt zwei Scheidungen und drei Hochzeiten von ihr. Jene Jahre verarbeitet sie in zähen, dramatischen Traumbildern. In der Mitte eines Zimmers steht sie selbst, wohlerzogen in einem langen bürgerlichen Kleid, ihr Sohn schmiegt sich an ihr Bein, um sie herum aber kippt der Raum zur Seite, verliert das perspektivische Gleichgewicht.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Emigration lebt Dodo mit Hans Bürgner in London - bis sie 1998 stirbt. Ihr Spätwerk verliert Besonderheit und Rang - das aber mindert den Wert der frühen Zeichnungen nicht, deren neusachlicher Zeitgeistreichtum bis heute lockt und leuchtet.

Dodo. Ein Leben in Bildern. In der Kunstbibliothek, Berlin, bis zum 28. Mai. Der Katalog, erschienen bei Hatje Cantz, kostet im Museum 39,80 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1978, Redakteurin im Feuilleton.

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