http://www.faz.net/-gqz-7rv0y
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 21.07.2014, 17:15 Uhr

Gastbeitrag von Wladimir Sorokin Die Ukraine ist in uns eingedrungen

In Russlands riesigem Leib regt sich neues Leben: die freie Ukraine. Was macht das Reich nun mit dieser ungewollten Schwangerschaft?

von Wladimir Sorokin
© AP Prorussische Kämpfer auf dem Trümmerfeld eines abgeschossenen ukrainischen Kampfjets

Die ukrainische Revolution, die im Februar auf dem Kiewer Majdan der Unabhängigkeit stattfand und für ihr Land eine Kette unumkehrbarer Ereignisse nach sich zog, hat auf mystische Weise zu einem Ereignis beigetragen, das hinsichtlich seiner Reichweite noch unumkehrbarer ist: Russland wurde mit der Ukraine schwanger. Das blau-gelbe Spermium des Majdan hat zu Explosionen von Leuchtgranaten, Blitzen von Molotowcocktails und pfeifenden Kugeln von Heckenschützen seine männliche Tat getan. Russland, das während jenes heißen Monats vor dem glühenden Fernseher saß, wurde befruchtet. In Russlands riesigem Leib regte sich neues Leben: die freie Ukraine. Die Machthaber wurden von Entsetzen ergriffen, die Liberalen von Neid, die Nationalisten von Hass.

Aber mit einer so rapiden Entwicklung der Ereignisse rechnete niemand, weder im Kreml noch im Volk. Die Frucht wuchs, jeden Tag füllte sie mehr medialen Raum aus. Die Revolution von Kiew verzauberte Russland und erschreckte es. Das innere Leben des mütterlichen Organismus hielt inne, wie es in einem solchen Fall üblich ist, und ordnete sich dem großen physiologischen Prozess unter. Was kann einer Schwangerschaft entgegenstehen? Wie Frauen in solch einer Situation sagen: Mein Leben teilte sich in „vorher“ und „jetzt“.

Die Ereignisse des russischen Lebens, die Nachrichten über Wirtschaft und Kriminalfälle – alles stoppte, als hätte man einen Film angehalten. Das ganze mannigfache Leben Russlands trat gleichsam in den Hintergrund und wurde hoffnungslos Vergangenheit. Zukunft war nur dort, in der Ukraine. Die Bevölkerung zitierte ukrainische Ausdrücke und die Namen von Kiewer Politikern. Die provinzielle Ukraine, über die man in Putins Russland üblicherweise herablassend sprach, wurde plötzlich unglaublich modisch und modern, das riesige Russland hingegen hoffnungslos rückständig, plump und provinziell.

30299455 © Getty Vergrößern Lichte Zukunft: „Werde groß und stark, mein kleiner Recke!“, wünscht das sowjetische Mutterfreudenplakat von 1950 und erinnert daran, dass im Nachkriegsjahr 1949 9000 mal einheimische Kinderärzte konsultiert wurden, tausendmal so viel wie 1913.

Die Reaktion der Gesellschaft war heftig: „Wir beneiden die Ukrainer, sie geben uns ein Beispiel!“ „Die ukrainische Revolution ist eine antirussische Provokation des Westens!“ „Das ist ein Sprengsatz, der Russland in die Luft jagen kann!“ „Die Ukraine ist unser Feind geworden!“

Aber die Frucht wuchs und wuchs und füllte immer mehr Raum aus. Jeder Tag brachte etwas Unerwartetes. Der mütterliche Organismus begann immer höher zu fiebern. Schüttelfrost befiel die Gesellschaft. „Die Ukraine gibt es nicht, es gab sie nicht und wird sie nicht geben! Es ist eine Provinz von Großrussland!“, kreischten die rechten Politiker. „Die Ukraine ist ein Spiegel für das Putin-Regime“, erkannten die Politologen und rückten ihre Brillen zurecht. „Es wird Zeit, in die Ukraine auszuwandern“, murmelten die Demokraten. „Wir müssen die Russen dort verteidigen!“, beschlossen die Nationalisten und ballten die Fäuste.

Es ist bekannt, dass Schwangere manchmal Heißhunger auf rohes Fleisch haben. Und siehe da, mal eben wird ein lebendes Fleischstück abgebissen, die Krim. Die abgeschliffenen postimperialen Zähne haben es herausreißen können, doch zum Verschlingen reicht die Kraft nicht. Es ist Russland im Hals stecken geblieben. Wirtschaftsexperten versichern, in jedem Fall bleibe die Krim eine Problem- und Dotationsregion. Wie ist sie zu verdauen!? Wie viele Milliarden benötigt sie jedes Jahr? Sie ist ja jetzt eine Insel. Eine Glücksspielzone daraus machen! Chinesische Hände eine Große Russische Brücke bauen lassen? Alle Beamten zwingen, dort Urlaub zu machen! Wie Stalin vorgehen! Die Krim in einen Militärstützpunkt verwandeln! Und was ist mit den illoyalen Krimtataren? Etwa wieder deportieren!? Es dreht sich einem der Kopf. Wie will man überhaupt weiterleben, wenn im eigenen Innern dieser ukrainische Alien herumboxt?

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Russische Hooligans Wie im Krieg, so im Fußball

Kritik an der Gewalt russischer Hooligans bei der EM wird in Moskau kaum geäußert. Stattdessen gibt es Lob für die Kraft und Männlichkeit der Täter – und Spott für Paris. Mehr Von Friedrich Schmidt, Moskau

17.06.2016, 23:03 Uhr | Politik
Onbashira-Festival in Japan Lebensgefährlicher Ritt auf dem Baumstamm

Beim traditionsreichen Onbashira-Festival in Japan riskieren die Teilnehmer Leib und Leben: Tausende Männer stürzen sich auf riesigen Baumstämmen einen Hügel hinunter. Ein Stamm kann bis zu zehn Tonnen auf die Waage bringen. Immer wieder fallen Baumreiter herunter. Mehr

01.06.2016, 10:14 Uhr | Gesellschaft
Gipfel in Sankt Petersburg Putin fordert normale Wirtschaftsbeziehungen

Deutsche Industriekonzerne hoffen nach dem Petersburger Wirtschaftsforum auf neues russisches Interesse an Spitzentechnologie. Wenn da nicht die Sanktionen wären. Mehr Von Benjamin Triebe, Sankt Petersburg

17.06.2016, 15:39 Uhr | Wirtschaft
Ukraine Das Millionengeschäft der Bernsteinmafia

Mafia-Banden beauftragen die lokale Bevölkerung im Nordwesten der Ukraine, illegal Bernstein abzubauen. Es ist ein Millionengeschäft, das die Umwelt zerstört. Lokale Behörden und die Politik in Kiew schauen weg. Mehr

24.06.2016, 08:22 Uhr | Gesellschaft
Steinmeiers Nato-Kritik Russische Kampfbereitschaft

Die Kritik von Außenminister Steinmeier an der Nato wird in Russland viel zitiert, bestätigt sie doch die eigenen Bedrohungsgefühle. Dabei befindet sich das Land selbst in einer großangelegten Mobilisierung. Mehr Von Friedrich Schmidt, Moskau

20.06.2016, 09:11 Uhr | Politik
Glosse

Armer WDR!

Von Rose-Maria Gropp

Institution mit „Schwerpunkt auf Information und Kultur“? Wie der WDR, der einst verfemte Kunst rehabilitieren und ihr an einem öffentlichen Ort Raum geben sollte, sich selbst ad absurdum führt. Mehr 1 24

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“