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Gastbeitrag von Wladimir Sorokin : Die Ukraine ist in uns eingedrungen

  • -Aktualisiert am

Prorussische Kämpfer auf dem Trümmerfeld eines abgeschossenen ukrainischen Kampfjets Bild: AP

In Russlands riesigem Leib regt sich neues Leben: die freie Ukraine. Was macht das Reich nun mit dieser ungewollten Schwangerschaft?

          Die ukrainische Revolution, die im Februar auf dem Kiewer Majdan der Unabhängigkeit stattfand und für ihr Land eine Kette unumkehrbarer Ereignisse nach sich zog, hat auf mystische Weise zu einem Ereignis beigetragen, das hinsichtlich seiner Reichweite noch unumkehrbarer ist: Russland wurde mit der Ukraine schwanger. Das blau-gelbe Spermium des Majdan hat zu Explosionen von Leuchtgranaten, Blitzen von Molotowcocktails und pfeifenden Kugeln von Heckenschützen seine männliche Tat getan. Russland, das während jenes heißen Monats vor dem glühenden Fernseher saß, wurde befruchtet. In Russlands riesigem Leib regte sich neues Leben: die freie Ukraine. Die Machthaber wurden von Entsetzen ergriffen, die Liberalen von Neid, die Nationalisten von Hass.

          Aber mit einer so rapiden Entwicklung der Ereignisse rechnete niemand, weder im Kreml noch im Volk. Die Frucht wuchs, jeden Tag füllte sie mehr medialen Raum aus. Die Revolution von Kiew verzauberte Russland und erschreckte es. Das innere Leben des mütterlichen Organismus hielt inne, wie es in einem solchen Fall üblich ist, und ordnete sich dem großen physiologischen Prozess unter. Was kann einer Schwangerschaft entgegenstehen? Wie Frauen in solch einer Situation sagen: Mein Leben teilte sich in „vorher“ und „jetzt“.

          Die Ereignisse des russischen Lebens, die Nachrichten über Wirtschaft und Kriminalfälle – alles stoppte, als hätte man einen Film angehalten. Das ganze mannigfache Leben Russlands trat gleichsam in den Hintergrund und wurde hoffnungslos Vergangenheit. Zukunft war nur dort, in der Ukraine. Die Bevölkerung zitierte ukrainische Ausdrücke und die Namen von Kiewer Politikern. Die provinzielle Ukraine, über die man in Putins Russland üblicherweise herablassend sprach, wurde plötzlich unglaublich modisch und modern, das riesige Russland hingegen hoffnungslos rückständig, plump und provinziell.

          Lichte Zukunft: „Werde groß und stark, mein kleiner Recke!“, wünscht das sowjetische Mutterfreudenplakat von 1950 und erinnert daran, dass im Nachkriegsjahr 1949 9000 mal einheimische Kinderärzte konsultiert wurden, tausendmal so viel wie 1913.
          Lichte Zukunft: „Werde groß und stark, mein kleiner Recke!“, wünscht das sowjetische Mutterfreudenplakat von 1950 und erinnert daran, dass im Nachkriegsjahr 1949 9000 mal einheimische Kinderärzte konsultiert wurden, tausendmal so viel wie 1913. : Bild: Getty

          Die Reaktion der Gesellschaft war heftig: „Wir beneiden die Ukrainer, sie geben uns ein Beispiel!“ „Die ukrainische Revolution ist eine antirussische Provokation des Westens!“ „Das ist ein Sprengsatz, der Russland in die Luft jagen kann!“ „Die Ukraine ist unser Feind geworden!“

          Aber die Frucht wuchs und wuchs und füllte immer mehr Raum aus. Jeder Tag brachte etwas Unerwartetes. Der mütterliche Organismus begann immer höher zu fiebern. Schüttelfrost befiel die Gesellschaft. „Die Ukraine gibt es nicht, es gab sie nicht und wird sie nicht geben! Es ist eine Provinz von Großrussland!“, kreischten die rechten Politiker. „Die Ukraine ist ein Spiegel für das Putin-Regime“, erkannten die Politologen und rückten ihre Brillen zurecht. „Es wird Zeit, in die Ukraine auszuwandern“, murmelten die Demokraten. „Wir müssen die Russen dort verteidigen!“, beschlossen die Nationalisten und ballten die Fäuste.

          Es ist bekannt, dass Schwangere manchmal Heißhunger auf rohes Fleisch haben. Und siehe da, mal eben wird ein lebendes Fleischstück abgebissen, die Krim. Die abgeschliffenen postimperialen Zähne haben es herausreißen können, doch zum Verschlingen reicht die Kraft nicht. Es ist Russland im Hals stecken geblieben. Wirtschaftsexperten versichern, in jedem Fall bleibe die Krim eine Problem- und Dotationsregion. Wie ist sie zu verdauen!? Wie viele Milliarden benötigt sie jedes Jahr? Sie ist ja jetzt eine Insel. Eine Glücksspielzone daraus machen! Chinesische Hände eine Große Russische Brücke bauen lassen? Alle Beamten zwingen, dort Urlaub zu machen! Wie Stalin vorgehen! Die Krim in einen Militärstützpunkt verwandeln! Und was ist mit den illoyalen Krimtataren? Etwa wieder deportieren!? Es dreht sich einem der Kopf. Wie will man überhaupt weiterleben, wenn im eigenen Innern dieser ukrainische Alien herumboxt?

          Der russische Schriftsteller Wladimir Sorokin
          Der russische Schriftsteller Wladimir Sorokin : Bild: dpa

          Endlich erfolgte die Reaktion des Kremls, des Gehirns des mütterlichen Organismus. Sie war eisenhart: Abtreiben! Weg mit dem verhassten, gefährlichen, ungewollten Kind! Die Abtreibung wurde „russischer Frühling in der Ukraine“ genannt. Separatisten, Saboteure, Freischärler, Abenteurer und Provokateure sollten sie vornehmen. Die Operation begann im Südosten der Ukraine, ohne besondere Desinfektion und mit nicht besonders neuen, nicht besonders sauberen chirurgischen Instrumenten. Die Rolle der Anästhesie erfüllte das Fernsehen. Der russische Fernseher überhitzte sich: „Wir müssen die russischsprachige Bevölkerung gegen die faschistische Junta verteidigen!“ „Unsere Stammesbrüder rufen uns zu Hilfe!“ „Donezk und Lugansk sind die Hauptstädte der russischen Zivilisation in der Ukraine!“ „Wir müssen gegen die ukrainischen Liberalfaschisten kämpfen wie einst unsere Großväter und Väter!“ „Unsere Patrioten haben die heilige Pflicht, die Russen in der Ukraine zu verteidigen!“ „Amerika will mit Hilfe der Liberalfaschisten die Ukraine besetzen!“

          Die vom Fernsehen zombifizierte Bevölkerung lief mit vor Schreck aufgerissenen Augen durch die Straßen. Überall ahnte sie ukrainische „Liberalfaschisten“, die ihren Würgegriff nach der russischen Gurgel ausstreckten. Aber die Fernsehhysterie gebar auch Witze. Im russischsprachigen Odessa sitzen zwei Frauen im Café. „Sara“, sagt die eine, „mein Abram spricht aus Prinzip nicht mehr russisch.“ „Wieso?“ „Er hat Angst, dass die Russen kommen, um ihn zu beschützen.“

          Dieses Schauspiel ist nicht zu verlassen

          Während der Fernseher heißlief, erhitzten sich auch die Köpfe. Das Geschrei russischer Politiker und Staatsbeamter, man müsse schleunigst in die Ukraine einmarschieren und Kiew einnehmen, wurde zum Allgemeinplatz. Doch ungeachtet der Überdosis an Betäubungsmitteln sieht es so aus, als sei die Abtreibung fehlgeschlagen. Das Ungeborene ist aus dem Leib nicht rauszukriegen. Jetzt wird jeder Russe die Ukraine weiter mit sich herumtragen. Die Ukraine, die wirklich frei und unabhängig werden will.

          „Warum muss ich jeden Tag mit Nachrichten aus dieser Ukraine beginnen?“, entrüstet sich ein Freund. „Täglich kriecht sie uns jetzt in Augen und Ohren!“ „Ich kann nicht glauben, dass Russland und die Ukraine tatsächlich Krieg gegeneinander führen“, sagt ein anderer, „das ist wie ein schrecklicher Albtraum.“ „Wir Russen sitzen jetzt alle in einem riesigen Theater, und auf der Bühne wird das Stück ,Ukraine‘ gespielt. Und es ist unmöglich, das Theater zu verlassen!“, witzelt bitter ein Dritter.

          Unlängst ließ eine unglaubliche Mitteilung russischer Medien alle an den großen Gogol denken: „Am 8.Juni wurde in Petersburg auf dem Newski-Prospekt ein hochgestellter Beamter in unzurechnungsfähigem Zustand festgenommen. Er trug eine Aktentasche, aber keine Hose.“ Es war, wie sich herausstellte, der Chef des Apparats des stellvertretenden Bürgermeisters. Er wurde ins Krankenhaus eingeliefert, wo er, den Ärzten zufolge, im Fieberwahn immer nur ein Wort murmelt: „Lugansk!“

          Es wird eine schwere Geburt

          Die Ukraine ist in uns eingedrungen, wir tragen sie alle in uns: Obdachlose und Oligarchen, Bauern und Politologen, Hausfrauen und Hasardeure. Als Putin ins ferne Brasilien flog, trug er die Ukraine in sich. Sie störte ihn beim Schauen des Fußballspiels. Den Oberkommandierenden der Volksrepublik Donezk, Strelkow, stört sie beim Wiederherstellen des Russischen Imperiums. Den Bedienungsmann des Luftabwehrsystems „Buk“ störte das Flugzeug über dem ukrainischen Himmel. Deshalb schoss er eine Rakete auf das Flugzeug. Der Absturz der Boeing 777 ist ein Schmerzkrampf, der schreckliche und unumkehrbare Folgen verheißt.

          Russland geht mit der Ukraine schwanger. Die Geburt ist unausweichlich. Es steht alles bevor, immer größere Schmerzen, das Abreißen der Nabelschnur, der erste Schrei des Neugeborenen. Der Säugling wird einen schönen Namen bekommen: Abschied vom Imperium. Wird seine Kindheit glücklich sein? Niemand weiß es. Viele werden aufrichtig wünschen, dass er gesund heranwächst.

          Aber was wird mit der Mama? Es steht eine schwere Geburt mit Komplikationen bevor. Wird ihr Organismus damit fertig?

          Wladimir Sorokin, 1955 in Bykowo bei Moskau geboren, gilt als der wichtigste russische Schriftsteller der Gegenwart. Er lebt am Moskauer Stadtrand. Auf Deutsch erschien zuletzt sein Roman „Der Schneesturm“.

          Aus dem Russischen von Kerstin Holm.

          Quelle: F.A.Z.

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