30.03.2011 · Eine Dortmunder Ausstellung erinnert an die vor fünfzig Jahren gegründete "Gruppe 61"
Heute vor fünfzig Jahren, als Kanzlerkandidat Willy Brandt im Wahlkampf forderte, der Himmel über der Ruhr müsse wieder blau sein, trafen sich in Dortmund unter der Leitung des Bibliothekars Fritz Hüser Schriftsteller aus dem Kohlerevier, um über das Thema "Möglichkeiten und Formen moderner Arbeiter- und Industriedichtung" zu beraten. Das war die Geburtsstunde der Dortmunder Gruppe 61, die von nun an zweimal im Jahr im Haus der Bibliotheken öffentliche Lesungen mit Arbeiterliteratur veranstaltete. An diese Vereinigung erinnert derzeit anschaulich die Ausstellung "Schreibwelten - Erschriebene Welten" im Dortmunder Museum für Kunst und Kulturgeschichte.
Sie erzählt die Geschichte der Gruppe nachhaltig, mit Büchern, Zeitschriften, Fotos, Briefen, Plakaten, Schallplatten, Zeitungsausschnitten und Radierungen. Die Gruppe 61 wird in einen Zusammenhang gestellt mit den Zeitströmungen. Im umfangreichen Begleitband beleuchten zudem führende Ruhrgebietsliteraturexperten wie Erhard Schütz, Uwe-K. Ketelsen, Gerhard Rupp und Thomas Ernst, um nur einige zu nennen, Aspekte der Gruppe und ihres Umfeldes.
Das Aushängeschild der Gruppe 61 war der Bergmann Max von der Grün, der mit seinem zweiten Roman "Irrlicht und Feuer", in dem er Missstände unter Tage aufdeckte, international Erfolg hatte, besonders natürlich im Ostblock. Er war das Zugpferd bei den Lesungen. Aber nicht nur Arbeiter und vermehrt Angestellte aus der Region fanden zu der Gruppe, sondern auch später prominente Autoren wie Günter Wallraff, Erika Runge und Karin Struck. Hinzu kamen Gäste wie Martin Walser und Uwe Johnson. Das ging zehn Jahre lang gut, bis sich der DKP-gesteuerte Werkkreis "Literatur der Arbeitswelt" unter der Führung von Peter Schütt abspaltete. Daraufhin löste sich der Rest bald auf.
Ich selbst hatte zu dessen Lebzeiten keinen Kontakt zu dem Club. Erst Ende der siebziger Jahre fing ich an zu schreiben. Eine meiner ersten Amtshandlungen für das Bochumer Stadtmagazin "Marabo" war eine Rezension von Max von der Grüns Spätwerk "Flächenbrand". Ich traf ihn damals zufällig im Dortmunder Hauptbahnhof, aber er hatte keine Zeit für ein Gespräch. Ein Jahr später begegnete ich in der Buchhandlung Schwalvenberg dem ehemaligen Gruppenmitglied Wolfgang Körner. Er hatte zu den Vertretern des kommerziellen Flügels gehört, der der SPD nahestand. Nun war er beeindruckt, dass ich bei Suhrkamp im Gespräch war. Da ich davon nicht leben konnte, spendierte er mir bei jedem unser darauffolgenden Treffen im Café Knüppel einen Hunderter und einmal, als es mir besonders dreckig ging, einen Tausender, den er sich mit der Fernseh-Kultserie "Büro, Büro" erschrieben hatte.
Darüber hinaus hat Körner etwa fünfzig Bücher geschrieben, unter anderem hat er einen viel gelesenen "Drogen Reader" verfasst. Noch zu Zeiten der Gruppe 61 hat er einen wundervollen Poproman herausgebracht, "Nowack", vielleicht der erste seines Genres in Deutschland. Das Werk wird nun endlich im Begleitband zur Schau mit großer Einsicht von Steffen Stadthaus gewürdigt. Im Mittelpunkt des Romans steht ein Fotograf; Linien werden gezogen zu Boris Vian, Leslie Fiedler und Andy Warhol. Es ist ein kleiner Skandal, dass dieses Werk nicht mehr lieferbar ist, während doch das Gesamtwerk von Max von der Grün im Pendragon Verlag neu aufgelegt wurde. Immerhin: Der Autor lebt demnächst als Namensgeber eines Platzes weiter. Somit ist auch die Dortmunder Gruppe 61 nicht ganz vergessen.
WOLFGANG WELT
Schreibwelten - Erschriebene Welten. Bis 1. Mai im Museum für Kunst und Kulturgeschichte Dortmund. Der Begleitband, herausgegeben von Gertrude Cepl-Kaufmann und Jasmin Grande, ist im Klartext Verlag erschienen und kostet 19,95 Euro.
Der Schriftsteller Wolfgang Welt, geboren 1952, veröffentlichte zuletzt den Roman "Doris hilft" im Suhrkamp Verlag.