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Veröffentlicht: 22.09.2010, 20:15 Uhr

Die Stadt der toten Dichter Schwarze Milch

Für einen Moment beherbergte das kleine Czernowitz das Denken der Welt. Dann kamen Krieg, Vertreibung, Massenmord. Heute ist es eine Stadt der toten Dichter. Einer von ihnen ist Paul Celan.

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© Christoph Lingg/Anzenberger In Czernowitz, das heute in der Ukraine liegt, sprach man einst viele Sprachen - Deutsch, Jiddisch, Rumänisch, Ukrainisch, Polnisch

Das Geburtshaus von Paul Celan ist kein Museum. Wo einer der größten Dichter deutscher Sprache gelebt hat, empfängt die Besucher keine Kasse, kein didaktisches Konzept, kein Literaturarchiv und schon gar kein Café. In der Saksaganskogo-Straße wohnen auch heute noch Menschen, und man kann das gut verstehen. Für Czernowitz ist das eine gute Gegend mit schönen Jugendstilhäusern, alten Kastanien, imposanten Mietsblöcken und dennoch unweit des Zentrums. Zwei große Adler aus Stuck zieren die Giebel des Hauses - Symbole des gesellschaftlichen Aufstiegs, auf den auch der Architekt Leo Antschel hoffte, der mit seiner Familie hier vor neunzig Jahren lebte.

Wer würde aus solch einer schönen Immobilie schon gerne ausziehen für einen toten Dichter einer fernen Sprache, der sogar seinen Namen in Celan verdrehte? Immerhin erinnert seit ein paar Jahren eine Bronzetafel an den Mann, der in Czernowitz in einem alteuropäischen Kokon aufwuchs, die Ermordung der Seinen miterleben musste und dann an der Sprache der Mörder verzweifelte, die auch die immer gehetzte, immer geballtere Sprache seiner Gedichte war. Und weil das Geburtshaus des Dichters der „Todesfuge“ keinen Gedenkraum beherbergt, treten die lebenden deutschen Dichter, die zum ersten Lyrikfestival in Paul Celans Heimatstadt angereist sind, einfach durch den geschrubbten Flur hinaus auf den Hinterhof. Hier haben Mieter ein Bauerngartenbeet angelegt, dessen orangefarbene Blüten im Spätsommerlicht leuchten; ein Teppich hängt zum Lüften über der Stange. Es ist ganz still.

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Die äußerste Peripherie wird innerstes Zentrum

Um diese Stille zu hören, sei er nach Czernowitz gekommen, sagt Mark Belorusez, der Celans Gedichte ins Ukrainische übersetzt. In der Ruhe der Provinz - der tiefsten habsburgischen Provinz, die sich denken lässt - konnte Paul Celan als Dichter reifen. Und Mark Belorusez rezitiert Celans Gedicht von der krausen Minze und der glatten Minze, wie sie auch auf diesem Bauernbeet stehen könnte.

Czernowitz B2 Paul Celan © picture-alliance / dpa Vergrößern Zentralgestirn am Czernowitzer Firmament: Paul Celan

„Durch diesen Hof fließt die Seine“, sagt er noch und hat Tränen in den Augen, weil er dabei an den Fluss denkt, in dem sich Paul Celan vor vierzig Jahren das Leben genommen hat. Und während sich kein Mensch blicken lässt, inspizieren die deutschen Dichter das saubere, lichte Treppenhaus mit seiner Blümchentapete, gehen über die Kellertreppe, auf der auch der kleine Paul Antschel gespielt hat, bevor er sich Paul Celan nannte, und können darüber nachdenken, wie damals aus der äußersten Peripherie der deutschen Sprache wundersam ihr Zentrum werden konnte.

Und während sich die mitteleuropäische Dichterdelegation über die Saksaganskogo-Straße in melancholischer Stimmung entfernt, wird ihr ukrainischer Kollege Igor Pomeranzew sofort wieder pragmatisch: „Die Leute hier im Haus müssen Celan hassen. Er ist die beständige Drohung, dass sie bald rausfliegen und hier doch noch ein Museum entsteht.“

Fünf Sprachen im unheiklen Gleichgewicht

Zum neunzigsten Geburtstag des großen Celan veranstaltet seine Vaterstadt erstmals ein Poesiefestival, hat Dichter aus halb Europa, vor allem aus den deutschsprachigen Ländern, dorthin geladen, wo zwischen 1880 und 1940 eine der unerhörtesten Explosionen von Kreativität stattfand, die es in Europas Kultur je gegeben hat. Czernowitz, dessen weit über die Hügel am Pruth gezogene habsburgische Altstadt etwas abgebröckelt, aber komplett erhalten ist, hatte nur achtzigtausend Einwohner.

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