12.10.2009 · Die erste umfassende Biographie von Carl Schmitt, Hans Blumenbergs „Geistesgeschichte der Technik“ und Craig Venters Autobiographie: Ein Überblick über neue Sachbücher, die in diesem Herbst erscheinen.
Von Helmut Mayer„Problemkrimis“, so wurden die großen ideengeschichtlichen Bücher Hans Blumenbergs einmal genannt. Es geht in ihnen nicht um kleine geisteswissenschaftliche Kriminalfälle, sondern um denkbar groß zugeschnittene Fragen. Um Erbschaftsangelegenheiten nämlich, die ja im Krimigenre auch recht beliebt sind: Ob nämlich bestimmte Ideen und Vorstellungen, die wir von uns und der Welt hegen, tatsächlich bloß das Erbe alter Fragen in Gestalt neuer Antworten antreten. Oder ob solche Umbesetzungen in unserem Inventar der Selbst- und Weltdeutungen nicht doch eine viel facettenreichere Angelegenheit sind?
So trat die „Legitimität der Neuzeit“ an gegen die Vorstellung, dass neuzeitliches Selbstverständnis sich einfachhin als Säkularisierung ehemals theologischer gefasster Bestimmungen von Welt, Mensch und Geschichte fassen lasse: Weshalb in ihr auch ein ganzer Katalog solcher Säkularisierungsthesen referiert wurde - einschließlich jener, von der Carl Schmitt in seiner „Politischen Theologie“ Gebrauch gemacht hatte. Schmitt erhob Einspruch, woraus sich dann auch ein kleiner Briefwechsel ergab: zwischen dem Philosophen, der die Kriegsjahre im Versteck überlebt hatte, und dem ehemaligen preußischen Regierungsrat und brillanten Juristen, der sich heillos in die Politik des „Reichs“ vertrickt hatte und davon gezeichnet blieb.
Strikte Historisierung
Beiden, Blumenberg wie Schmitt, begegnet man in diesem Bücherherbst. Mit Reinhard Mehrings „Aufstieg und Fall. Der Fall Carl Schmitt“ (C. H. Beck) erscheint die erste wirklich umfassende Biographie eines Mannes, dessen ressentimentgeladene Antibürgerlichkeit sich in Thesen niederschlug, die bis heute ihr Echo erzeugen. Was Mehring gelingt, ist die strikte Historisierung Schmitts. Dessen Selbstdeutungen, die auf eine hartnäckig verteidigte Verknüpfung von fataler deutscher Geschichte und eigenem Außenseiterschicksal hinausliefen, werden vor Augen geführt. Aber nicht, um sich durch sie gleich zu Auseinandersetzungen über Aktualität von Schmitts Thesen - zum Begriff des Politischen, der Figur des Feindes, über Legitimität oder außerordentliches Handeln aller Art - verführen zu lassen. Mehrings gelassener Rückblick setzt stattdessen auf fast altmodisch anmutende Qualitäten der Darstellung, wie das bereits der Titel zum Ausdruck bringt, um ein ebenso plastisches wie bedrückendes Lebensbild zu zeichnen.
Ein schmales Buch nicht über, sondern von Hans Blumenberg, aus dem Nachlass des 1992 verstorbenen Philosophen, steht ihm gegenüber. Diese im Umkreis der „Legitimität der Neuzeit“ entstandenen Überlegungen zu einer „Geistesgeschichte der Technik“ (Suhrkamp) behandeln ein Kernphänomen der modernen Selbstermächtigung des Menschen: die Ablösung vom traditionsmächtigen Gedanken einer Nachahmung oder auch Überlistung der Natur zugunsten der technischen Invention. Wobei Blumenberg insbesondere interessiert, warum die Entgegensetzung von Natur und Technik auch dann noch mit Emphase bemüht wird, wenn diese Grenzziehung eigentlich schon obsolet geworden ist. Es geht nicht zuletzt um die Trägheit solcher „Antithesen von Naturbestand und Menschenwerk“. Das hat an Aktualität nur gewonnen. Zumal Blumenberg die Entwicklungstendenz klar vor Augen stand, dass „die gegenwärtige Biologie erst am Anfang einer Entwicklung steht, deren Konsequenz die zunehmende Verfügbarkeit auch organischer Strukturen bis in den Kern der Gensubstanz hinein sein könnte, so dass die Technisierung des Organischen erst ihren Anfang nimmt“.
Kontrollierte Verfügungsmacht
Was könnte deutlicher die Richtigkeit dieser Prognose zeigen als ein Buch, in dem sich immer wieder Einschübe finden, in denen der Autor Einsichten kommentiert, die sich aus seinem komplett sequenzierten Genom ergeben. Craig Venters Autobiographie trägt denn auch den stolzen Titel „Entschlüsselt. Mein Genom, mein Leben“ (S. Fischer, siehe: Einführung: Craig Venters Autobiographie), was man natürlich nicht zum Nennwert nehmen sollte. Entschlüsselt ist das Genom mitnichten. Eher noch verliert der Begriff des Gens seine Konturen. Und auf der anderen Seiten tauchen längst begraben geglaubte Vorstellungen von der Vererbung erworbener Eigenschaften wieder auf.
Das zugehörige Stichwort heißt Epigenetik und meint jene biochemischen Mechanismen, die für die konkrete Umsetzung genomisch verankerter Funktionen sorgen und trotz des Umstands, dass sie keine Veränderungen in den Erbanlagen selbst hervorbringen, doch als eine Form der chemischen Prägung weitergegeben werden können. Deshalb auch wird sowohl in Peter Sporks „Der zweite Code“ (Rowohlt) wie in Berhard Kegels „Das entmachtete Gen“ (DuMont) recht entschieden auf die Möglichkeit abgehoben, dass wir unsere genetische Ausstattung selbst modellieren können.
Wir tun das eigentlich schon seit Menschengedenken, aber in Zukunft wird es - Blumenbergs Stichwort dafür lautete Selbsterzeugung des Menschen - verstärkt in die kontrollierte Verfügungsmacht über unsere Natur eingehen. Von ihr handelt auch der Philosoph Thomas Metzinger, wenn er unter dem Titel „Der Ego-Tunnel“ (Berlin Verlag) die Einsichten der Neurowissenschaften für ein neues Bild des bewussten Selbst entwirft und den immer besser abgestimmten direkten Zugriff auf die neuronale Basis unserer Dispositionen, Gefühle und Fähigkeiten in Aussicht stellt.
Neue Wege
Mit uns selbst näher bekannt zu werden ist freilich nicht ein Privileg der Molekularbiologie oder Hirnforschung. Das neue Buch des Entwicklungspsychologen, Linguisten und Anthropologen Michael Tomasello nimmt die „Ursprünge der menschlichen Kommunikation“ ins Visier (Suhrkamp). Es bietet vorzügliche Gelegenheit, sich Entgegensetzungen von Natur- und Kulturgeschichte nachhaltig abzugewöhnen. In der Perspektive des evolutionären Anthropologen - auch frischgebackener Träger des renommierten Hegel-Preises - werden die großen Fragen der Sprachentstehung auf empirisch kontrollierbares Terrain geholt, ohne ihre Faszination zu verlieren.
Gewandt geben sich zwei Philosophen, wohl beleumundet in ihrer Zunft und doch schon manchmal auffällig geworden durch eine gewisse Ungeduld gegenüber deren Üblichkeiten mehr oder minder akademischer Darstellung. Die werden nun außer Kraft gesetzt, um andere Wege zu gehen. In Martin Seels „Theorien“ (S. Fischer) wird daraus eine breit gestreute Sammlung von knapp gehaltenen Reflexionen und Sentenzen. John Fords lakonische Selbstbeschreibung „I make westerns“ gibt das Stichwort für den kessen Einstieg: „Mein Name ist M.S., ich mache Theorien.“ Sie werden aber eben nicht ausgebreitet - entfalten ist das Zunftwort, wenn nicht gar: anschließen -, sondern Keimzellen von Beobachtungen und Überlegungen zu möglichst prägnanter Form gerafft und miteinander verknüpft. Die Form der Darstellung, nämlich eine der Mehrstimmigkeit, ist auch in Michael Hampes vier Versuchen über „Das vollkommene Leben“ (Hanser) von Bedeutung. Es geht um die Einsicht, dass verschiedene Antworten auf die Frage nach Glück und Erfüllung nicht zur Entscheidung auf neutralem argumentativen Grund zu bringen sind, sondern sich nur im Vergleich verschiedener Perspektiven - etwa im Zeichen von gesteigerter Intensität oder einer immer besser gelingenden Einsicht in unsere Naturmöglichkeiten - auf Welt und Leben fassen lassen.
Auch eine religiöse Perspektive kommt dabei ins Spiel. In Charles Taylors monumentaler Studie „Ein säkulares Zeitalter“ (Suhrkamp) steht sie im Mittelpunkt, und korrigiert werden in ihr mit reichem historischen Material eine ganze Reihe von Vorstellungen über unsere säkularisierten Zeitläufte. Zuvörderst jene, dass „die“ Religion und religiös geprägte Spiritualität in der Moderne den Rückzug angetreten, sich über ihre Privatisierung marginalisiert habe; woraus dann schnell die mittlerweile fast zum Gemeinplatz gewordene Formel von der „Wiederkehr“ oder „Renaissance“ des Religiösen wird. Aber man muss nur genauer hinsehen, so wie Taylor es eindrucksvoll vorführt, damit solche vermeintlichen Einsichten zergehen. Es ist, das hatte auch Blumenberg im Auge, schon etwas intrikater. Und dass wir uns einmal restlos entschlüsselt hätten, ist deshalb trotz Genomik und Hirnforschung nicht zu befürchten.
Die schöne Literatur in diesem Herbst