Home
http://www.faz.net/-gqz-103x2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Die russische Krise Solschenizyn als Geschichtskorrektor

04.08.2008 ·  Von der tiefen Krise der russischen Demokratie fühlte sich der Moralist Solschenizyn bestätigt. „Menschenrechte“ sah er im Mai 2006 als mitverantwortlich für Jugendkriminalität und Fremdenhass. Eine Betrachtung von Kerstin Holm.

Von Kerstin Holm
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Russland, die europäische Randzivilisation, deren Geschichte reich ist an politischen Großexperimenten, wird sich möglicherweise als erste in ein Land mit einer islamischen oder gar chinesischen Leitkultur verwandeln. Alexander Solschenizyn, der nahezu neunzig Jahre alte Chronist, moralische Mahner und letzte Großschriftsteller seiner leidgeprüften Heimat, findet diese Aussicht angesichts der demographischen Entwicklung betrüblich, aber geradezu unvermeidlich, wie er jetzt gegenüber der Zeitung „Moscow News“ bekannte.

Die Politik von Präsident Putin, der sich um Verständigung und Ausgleich mit der muslimischen Welt bemühe, hält Solschenizyn daher für vernünftig und weitsichtig. Zumal er in den heraufziehenden globalen Umbrüchen nicht wirklich einen Konflikt der christlichen gegen die islamische Zivilisation erblickt. Es handle sich vielmehr um den Aufstand der Armen gegen die Reichen, der Dritten Welt gegen die „Goldene Milliarde“. Solschenizyn wiederholt seine zu sowjetischen wie zu postsowjetischen Zeiten vorgebrachte Diagnose, Russland habe einen Fehler begangen, als es die demokratischen Formen der westlichen Welt nachäffte. Jetzt, da die unlängst noch selbstgewisse liberale Demokratie von einer tiefen Krise erfasst sei, fühlt sich der Moralist bestätigt.

Schutz der Bevölkerung

Die vorrangige Aufgabe jeder Regierung sei der Schutz der Bevölkerung, formuliert Solschenizyn sein Credo. Deswegen befürwortet der Autor die staatlichen Programme zur Modernisierung von Bildung, Gesundheitsfürsorge, Wohnungsbau und Landwirtschaft, auch wenn sie angesichts der realen Nöte nur Stückwerk sein können. Eine funktionierende Gesellschaftsordnung müsse von unten wachsen, aus den Interessen und Traditionen des Volkes, ist Solschenizyn überzeugt. Eine russische Demokratie müsse daher mit lokaler Selbstverwaltung beginnen.

Politische Parteien, wie sie westlich denkende Russen gern erstarken sähen, mobilisierten in seiner Heimat vor allem destruktive Gruppenegoismen, glaubt der historische Stratege. Die säkulare, von individuellen Menschenrechten beherrschte Lebensweise sei ein Auslaufmodell, schärft der Schriftsteller seinem Publikum ein. „Menschenrechte“, verstanden als enthemmter Selbstausdruck bei fehlenden sozialen Sicherheiten, seien mitverantwortlich für Jugendkriminalität und Fremdenhass. Deshalb erklärt sich Solschenizyn mit dem orthodoxen Metropoliten Kirill solidarisch, dem zufolge die Ausübung des Menschenrechts keinen Vorrang habe vor den Interessen des Vaterlands oder religiösen und nationalen Gefühlen anderer.

Wenn der leidenschaftliche Asket wieder einmal zur Selbstbeschränkung aufruft, zuallererst politisch und medial Verantwortliche, so klingt das zugleich notwendig und utopisch. Was Solschenizyn dennoch Hoffnungen für sein Land einflößt, ist, dass es sich in rasantem Tempo vom westlichen Säkularismus fortbewege und dass die meisten seiner Bewohner glücklicherweise nicht zur „Goldenen Milliarde“ gehörten.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1958, Feuilletonkorrespondentin in Moskau.

Jüngste Beiträge

Wieder federführend

Von Sandra Kegel

Immer mehr Menschen schwärmen für das Schreiben mit spitzer Feder, Füllhalter-Produzenten und Versandhändler verzeichnen eine Verdopplung der Nachfrage. Was ist zu halten von der neuen Liebe zur Tinte? Mehr 1 3