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Die Retter Hamburgs Leben ist mehr als Glas und Stahl

 ·  Monatelang kämpften Künstler für den Erhalt des Hamburger Gängeviertels. Jetzt hat die Stadt die historischen Gebäude gekauft und verhandelt über die neue Nutzung. Auch der frühere Dorfpunk Rocko Schamoni ist unter die Aktivisten gegangen und verteidigt „die letzten Reste vom alten Hamburg“.

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Rocko Schamoni ist kein Punk mehr. Er trägt keine zerrissenen Sachen, keine Sicherheitsnadeln in der Wangenhaut, er frisiert sein Haar auch nicht mehr mit Bier. Schamoni, der Musiker, Komödiant, Schriftsteller und Clubbetreiber, ist inzwischen über Vierzig, er trägt einen gemusterten Wollpullover und schwere Stiefel, außerdem eine Fellmütze mit Ohrenklappen. Es ist kalt in Hamburg, und Schamoni wird an diesem Tag viel Zeit im Schnee verbringen. Er wird mit Hunderten anderer Menschen von St. Pauli aus bis ins Stadtzentrum marschieren, über leere Straßenkreuzungen, durch tote Büroviertel, er wird Teil eines lärmenden, fröhlichen Demonstrationszugs sein, der durch eine gespenstisch leblose Stadt führt, die im rieselnden Schnee noch leiser wirkt, irgendwie verschleiert, als wolle sie zeigen, dass es stimmt, was die Demonstranten glauben: Dass Hamburgs Innenstadt langsam stirbt, weil sie nur noch aus kaltglänzenden Geschäftsfassaden besteht – Rocko Schamoni nennt es die „Verglasung Hamburgs“.

Ein „schleichender Prozess“ sei das gewesen, währenddem immer mehr von dem verlorengegangen sei, was er vor mehr als zwanzig Jahren fand, als er, der „Dorfpunk“ aus der schleswig-holsteinischen Provinz nach St. Pauli kam. Das Viertel war das Zentrum der Punk-Rock-Szene, eine obskure Halbwelt ohne Kontrolle und Regeln, dafür mit jeder Menge Alkohol, Drogen, Musik, verlorenen Existenzen, illegalen Kellerclubs, Prostitution – ein Ort der „Schmutzigkeit und Entfesselung“, ein „semi-rechtsfreier Raum“, so nennt es Schamoni. Heute, sagt er, könne man an dem Ort, wo er sein erstes Konzert gab, Kaffeetassen für zweihundertfünfzig Euro das Stück kaufen. „Ich lebe seit zwanzig Jahren in dieser Stadt, aber sie ist um mich herum ausgetauscht worden.“

Es geht um Raum

Solche Sätze sagt Schamoni ganz nebenbei, während er Apfelkuchen isst in seinem hellen, ordentlichen Büro über dem Golden-Pudel-Club. Er redet viel und schnell, über die Privatisierung der Stadt und das Elend des Massengeschmacks, über Harley-Davidson- und Schlagerparaden in der Hafenstraße, die man vom Fenster aus sieht, und eine Etage darunter feiert im Café seines Clubs eine elegante Hochzeitsgesellschaft, deren Aufmachung eher zu den Käufern teurer Kaffeetassen als zum Stammpublikum des charmanten, aber immer auch schwitzigen Pudel-Clubs passt.

Diese Mischung von Milieus ist auch charakteristisch für die Anti-Gentrifizierungs-Bewegung in Hamburg: Ein paar Altlinke sind dabei, kaum Migranten, die meisten Protestierenden aber unterscheiden sich in ihrem Stil nicht von den gebildeten, bürgerlichen Bewohnern gentrifizierter Viertel. In der Hamburger Behörde für Stadtentwicklung heißt es, die Debatte verlaufe zum großen Teil zwischen den Gentrifizierern selbst.

In seinem Essay „The Production of Space“ schrieb der marxistische Soziologe Henri Lefèbvre, dass jede Gesellschaft ihren eigenen Raum produziere. Gleichzeitig reproduziere der Raum wiederum die gesellschaftlichen Verhältnisse. Auch gesellschaftliche Veränderung könne nur passieren, jede Revolution nur erfolgreich sein, wenn dabei ein veränderter Raum entstehe. Wenn man Lefèbvre folgen will, und das tun die Hamburger Demonstranten, dann haben die Punks früher auf St. Pauli ihren Raum produziert, in ihren geheimen Kellerkneipen und besetzten Häusern – aber inzwischen haben ihn andere übernommen: Touristen, Makler, Investoren, die Stadt.

Schlechtes Gewissen

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