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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Die Retter Hamburgs Leben ist mehr als Glas und Stahl

 ·  Monatelang kämpften Künstler für den Erhalt des Hamburger Gängeviertels. Jetzt hat die Stadt die historischen Gebäude gekauft und verhandelt über die neue Nutzung. Auch der frühere Dorfpunk Rocko Schamoni ist unter die Aktivisten gegangen und verteidigt „die letzten Reste vom alten Hamburg“.

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Rocko Schamoni ist kein Punk mehr. Er trägt keine zerrissenen Sachen, keine Sicherheitsnadeln in der Wangenhaut, er frisiert sein Haar auch nicht mehr mit Bier. Schamoni, der Musiker, Komödiant, Schriftsteller und Clubbetreiber, ist inzwischen über Vierzig, er trägt einen gemusterten Wollpullover und schwere Stiefel, außerdem eine Fellmütze mit Ohrenklappen. Es ist kalt in Hamburg, und Schamoni wird an diesem Tag viel Zeit im Schnee verbringen. Er wird mit Hunderten anderer Menschen von St. Pauli aus bis ins Stadtzentrum marschieren, über leere Straßenkreuzungen, durch tote Büroviertel, er wird Teil eines lärmenden, fröhlichen Demonstrationszugs sein, der durch eine gespenstisch leblose Stadt führt, die im rieselnden Schnee noch leiser wirkt, irgendwie verschleiert, als wolle sie zeigen, dass es stimmt, was die Demonstranten glauben: Dass Hamburgs Innenstadt langsam stirbt, weil sie nur noch aus kaltglänzenden Geschäftsfassaden besteht – Rocko Schamoni nennt es die „Verglasung Hamburgs“.

Ein „schleichender Prozess“ sei das gewesen, währenddem immer mehr von dem verlorengegangen sei, was er vor mehr als zwanzig Jahren fand, als er, der „Dorfpunk“ aus der schleswig-holsteinischen Provinz nach St. Pauli kam. Das Viertel war das Zentrum der Punk-Rock-Szene, eine obskure Halbwelt ohne Kontrolle und Regeln, dafür mit jeder Menge Alkohol, Drogen, Musik, verlorenen Existenzen, illegalen Kellerclubs, Prostitution – ein Ort der „Schmutzigkeit und Entfesselung“, ein „semi-rechtsfreier Raum“, so nennt es Schamoni. Heute, sagt er, könne man an dem Ort, wo er sein erstes Konzert gab, Kaffeetassen für zweihundertfünfzig Euro das Stück kaufen. „Ich lebe seit zwanzig Jahren in dieser Stadt, aber sie ist um mich herum ausgetauscht worden.“

Es geht um Raum

Solche Sätze sagt Schamoni ganz nebenbei, während er Apfelkuchen isst in seinem hellen, ordentlichen Büro über dem Golden-Pudel-Club. Er redet viel und schnell, über die Privatisierung der Stadt und das Elend des Massengeschmacks, über Harley-Davidson- und Schlagerparaden in der Hafenstraße, die man vom Fenster aus sieht, und eine Etage darunter feiert im Café seines Clubs eine elegante Hochzeitsgesellschaft, deren Aufmachung eher zu den Käufern teurer Kaffeetassen als zum Stammpublikum des charmanten, aber immer auch schwitzigen Pudel-Clubs passt.

Diese Mischung von Milieus ist auch charakteristisch für die Anti-Gentrifizierungs-Bewegung in Hamburg: Ein paar Altlinke sind dabei, kaum Migranten, die meisten Protestierenden aber unterscheiden sich in ihrem Stil nicht von den gebildeten, bürgerlichen Bewohnern gentrifizierter Viertel. In der Hamburger Behörde für Stadtentwicklung heißt es, die Debatte verlaufe zum großen Teil zwischen den Gentrifizierern selbst.

In seinem Essay „The Production of Space“ schrieb der marxistische Soziologe Henri Lefèbvre, dass jede Gesellschaft ihren eigenen Raum produziere. Gleichzeitig reproduziere der Raum wiederum die gesellschaftlichen Verhältnisse. Auch gesellschaftliche Veränderung könne nur passieren, jede Revolution nur erfolgreich sein, wenn dabei ein veränderter Raum entstehe. Wenn man Lefèbvre folgen will, und das tun die Hamburger Demonstranten, dann haben die Punks früher auf St. Pauli ihren Raum produziert, in ihren geheimen Kellerkneipen und besetzten Häusern – aber inzwischen haben ihn andere übernommen: Touristen, Makler, Investoren, die Stadt.

Schlechtes Gewissen

Die Initiative, die zu der Demonstration aufgerufen hat, nennt sich nach einem Zitat Lefèbvres „Recht auf Stadt“. Eine ganze Reihe von Gruppen hat sich zusammengeschlossen, manche kämpfen gegen die Zerstörung von Schrebergärten in Altona, andere gegen den Bau einer buddhistischen Stupa auf einem öffentlichen Platz, aber auch für den Erhalt historischer Gebäude und von Künstlern genutzter Orte. In diesem Jahr taten sie sich zusammen, weil sich der Wind in der Stadt zu ihren Gunsten gedreht hatte, nachdem eine Gruppe von fünfzig Künstlern im August ein paar alte, verfallene Gebäude besetzt hatte, um sie vor der Sanierung eines holländischen Investors zu schützen: das Gängeviertel.

Unterstützt von einer solidarischen Medienfront, entwickelte die Aktion eine derartige Wucht, dass die Stadt das Ensemble kurz vor Weihnachten zurückkaufte und versprach, mit der Künstlerinitiative über eine neue Nutzungsvereinbarung zu reden.

Der Verkauf des Gängeviertels, sagt Schamoni, habe nicht nur die gesamte Hamburger Künstlerszene aufgerüttelt – „auch ganz konservative Leute haben plötzlich gemerkt, dass es nicht um irgendein schrottiges Fabrikgebäude geht, sondern dass es die letzten Reste vom alten Hamburg sind, die gerade verhökert werden. Das wollten sie dann eben auch nicht.“ Freunde Schamonis schrieben ein Manifest gegen den „Werbefeldzug mit der Marke Hamburg“, das in mehreren Zeitungen veröffentlicht wurde, Schamoni unterschrieb sofort. Und er organisierte mit dem Pudel-Club Partys im „Frappant“, einem ehemaligen Kaufhaus in Altona, in dem sich Künstler eingerichtet haben und das einem Ikea-Neubau weichen soll; er las mit Heinz Strunk im Gängeviertel, und ein bisschen hat man das Gefühl, dass ihn auch sein schlechtes Gewissen treibt, weil er in zwanzig Jahren zu wenig gegen die Veränderung der Stadt getan hat.

Palmen aus Metall

Wer das Gängeviertel nicht kennt, würde es nicht bemerken, so versteckt klemmen die Backsteinbauten zwischen modernen Bürogebäuden, die Schamoni „Glasfassadentrutzburg“ nennt. Einige Räume dürfen die Künstler aus Sicherheitsgründen nicht betreten, sie halten sich daran. Auch die Stadt lobt die gute Kooperation. Auf einmal, sagt Schamoni, stritten sich in der Bürgerschaft alle darüber, „wer die Partei der Künstler ist“. Die Stadt braucht die Kreativen, es wirbt sich trefflich mit ihnen. Aber auch die Künstler brauchen die Stadt. Nur mögen sie diesen Gedanken nicht.

Während der Demonstrations-Tross am Gängeviertel vorbeizieht, bauen dort zwei Künstler eine Ausstellung aus bunt umwickelten Neonröhren auf. Einer von ihnen musste erst vor kurzem sein Atelier im „Skam“ räumen, einer ehemaligen Bowlingbahn an der Reeperbahn. Jetzt arbeitet er im „Frappant“, aber auch dort wird er bald ausziehen müssen. Zum Arbeiten komme er vor lauter Kistenpacken kaum, klagt er. Künstlern, die in Frankfurt leben, in Düsseldorf oder in München, muss das vorkommen wie Jammern auf sehr hohem Niveau. In diesem Streit geht es aber um mehr als die Frage, wo Künstler in Hamburg sesshaft werden können. Schamoni etwa geht es um die Mitgestaltung des eigenen Lebensraums, um die Utopie einer Stadt, die nach den Wünschen ihrer Bewohner geformt wird und in der sich die Bürger an der Architektur beteiligen, weil das eine Kunstform sei, „die wir jeden Tag ertragen müssen“, anders als Kunst, die im Museum hänge. Gleich neben dem Pudel-Club ist sein Traum schon einmal wahr geworden, in Form eines Parks mit wellenförmigen Liegeflächen und Palmen aus Metall, wie es sich die Anwohner gewünscht hatten. Es ist ein schöner Park geworden.

Ob er schon einmal darüber nachgedacht habe, Hamburg zu verlassen? Ja, sagt Schamoni, Palermo solle interessant sein, habe er gehört, schön verfallen jedenfalls. Gerade hat er sich allerdings einen alten Hof an der Ostsee gekauft, den möchte er für sich und seine Freunde ausbauen. Irgendwann wird er also vielleicht wirklich weggehen aus Hamburg, das er kaum wiedererkennt, und an den Ort zurückkehren, wo es Gentrifizierung nicht gibt und wo er einmal Dorfpunk war.

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Jahrgang 1981, Redakteurin in der Politik.

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