23.02.2009 · Die bedeutende Sammlung des Pariser Couturiers Yves Saint Laurent und seines Lebensgefährten Pierre Bergé war noch nie öffentlich zu sehen. Jetzt standen Tausende Neugierige stundenlang an, um die Werke im Grand Palais zu bestaunen.
Von Swantje Karich, ParisDie Massen pilgern zum Grand Palais, um an diesem Spektakel teilzuhaben. Sie reihen sich ein in eine Schlange, die sich um das riesige Gebäude schlingt. Einen vergleichbaren Ansturm hat das Palais bislang nicht erlebt. Für einige sind der 2008 verstorbene Couturier und sein langjähriger Lebensgefährte Helden, die für Freiheit und Selbstbestimmung stehen, andere begeistern sich für ihre einzigartigen Schätze: „Von Degas gibt es dort drinnen ein Gemälde, es ist so einmalig, ich muss es im Original gesehen haben, bevor es wieder bei einem Privatmann verschwindet.“
Die ältere Dame spricht von Edgar Degas'„Paysage d'Italie vu par une lucarne“: Das Gemälde zeigt den Blick durch ein Fenster in eine unbestimmte Landschaft. Doch die Betonung liegt auf dem Fensterrahmen, der so auffälligen Wahl dieses Ausschnitts. „Heute würde man von einem Schnappschuss sprechen“, sagt die Französin. Das Bild ist eines von 733 Objekten, die aus dem Besitz von Yves Saint Laurent und Pierre Bergé jetzt das erste und letzte Mal überhaupt öffentlich ausgestellt sind. Und das nur an zwei Tagen für die Öffentlichkeit, denn von heute an werden die Kunstwerke im Grand Palais von einem großen Auktionshaus in drei Etappen versteigert. Der Gesamtwert wird auf zweihundert bis dreihundert Millionen Euro geschätzt.
Von Moden unabhängig
Allein das Sehnsuchtsbild von Degas soll 300.000 bis 400.000 Euro einspielen. Neben absoluten Meisterwerken der Malerei von Ingres, Léger, Matisse, Munch, Juan Gris oder de Chirico findet sich vieles, das zum Zeitpunkt des Erwerbs tatsächlich überhaupt nicht der Mode entsprach: ein Wandteppich des Präraffaeliten Edward Burne-Jones, ein ägyptischer Sarkophag, Silberpokale aus dem ehemaligen Besitz des Hauses Hannover, ein Kelch in Stierform, Emaillen, Medaillons, Kreuze, Leuchter bis hin zum Kamingitter in Schlangenform.
All dies kombinierten Saint Laurent und Bergé in ihren Privaträumen zu gewagten Ensembles. Jetzt ist den Stücken nur noch eines gemein, was auch das langgezogene Ohrläppchen einer Buddhastatue schmückt: ein kleiner Zettel mit der Losnummer.
Die Geduldige will das Bild von Degas nicht kaufen, sie will es nur bestaunen. Inmitten eines Pulks von Süchtigen nach Besonderem wartet sie: „Na, wie viel Uhr haben wir jetzt? Der Grand Palais hat bis Mitternacht geöffnet, da bleibt noch Zeit.“
Einblicke ins Private
Es sind vor allem Franzosen zu diesem Evénement gekommen; sie wollen sich erinnern an ihre Institution namens Yves Saint Laurent. Sie suchen das sensible Genie, wollen ihn, der voriges Jahr gestorben ist, postum über seine Einrichtungsmanie doch noch begreifen lernen. Sie wollen sehen, wie er gelebt hat, nicht weit von hier in der Pariser Rue de Babylone. Nicht die Mode- und Kunstwelt hat sich hier versammelt, sondern all jene, die immer nur einen Blick aus der Ferne auf den Couturier und seinen Freund werfen durften.
Sie betonen ihre Wertschätzung für Pierre Bergé und sprechen von seinem Verdienst für die Pariser Kulturszene, von seiner Unterstützung für Ségolène Royal. Sie wissen, dass ohne Pierre Bergé, den genialen Geschäftsmann, es Yves Saint Laurent nicht gegeben hätte.
Drinnen, unter dem weitgespannten Glasdach des herrschaftlichen Grand Palais, wurde für mehr als eine Million Euro ein Museum für eine kurze Zeit eingebaut. Ein kräftiger Herkulesrücken, attraktive Männerakte von Théodore Géricault, das durchdringende Brustbild von James Ensor und das eindringliche Porträt eines Mannes mit Buch in der Hand von Frans Hals gehören zu den wichtigen Werken hier.
Ein Minotaurus zur Begrüßung
Aber der prominenteste Platz in der feierlichen Eingangs-Rotunde gebührt einem anderen Wesen. Ein marmorner Minotaurus stimmt ein auf die Welt, die sich gleich öffnen wird: Die selbstbewusste Kreatur aus römischer Zeit hält ihren Stierkopf gesenkt, der muskulöse Männerkörper steht unter ungeheurer Spannung und bezeugt den Willen, die Gewissheit, mit der hier gesammelt wurde und mit der nun auch wieder verkauft wird.
Ein in der Ausstellung angeschlagenes Zitat des Schriftstellers, Kritikers und Sammlers Edmond de Goncourt betont die Abwesenheit von Zweifeln an dieser Praxis: „Mein Wunsch ist es, dass meine Kunst, die das Glück meines Lebens war, nicht in dem kalten Grab namens Museum beerdigt wird.“
Eine junge Studentin lässt sich gerade von einem Experten des Auktionshauses Christie's erklären, dass Jacques-Louis David sein Porträt eines geheimnisvollen jungen Mannes während der Französischen Revolution im Gefängnis geschaffen hat. Immer wieder hört man neugierige Fragen: „Warum haben die beiden dieses Bild gekauft? Und warum nur so wenige Zeichnungen?“ Der Sammlergestus der so Bewunderten ist allgegenwärtig und will begriffen werden.
Hauptwerke im „Salon Babylone“
Der „Salon Babylone“ ist der vermeintliche Höhepunkt dieses Blickes ins Private; hier hängen ein potentieller Dreißig-Millionen-Picasso, das kubistische Stillleben „Instruments de musique sur un guéridon“ von 1914/15, und daneben steht die herrliche Holzskulptur von Constantin Brancusi, „Madame L.R.“ aus dem Jahr 1914. Yves Saint Laurent hat sie in jungen Jahren wohl ungefähr für den Materialwert des Holzes erworben. Heute erhofft sich Bergé fünfzehn bis zwanzig Millionen Euro dafür.
Ein junger Mann hebt zwei Lampen von Pierre Chareau aus dem Jahr 1932 an; sie sollen 18.000 bis 22.000 Euro einbringen.
Dann berührt er Emile Jacques Ruhlmanns Tisch „Guéridon Bernstein N.4“, geschätzt auf 60000 bis 80000 Euro, von 1920, der sogleich gefährlich in Bewegung gerät. Doch der Interessent scheint zufrieden. Es ist der Pariser Galerist Lefebvre: „Ich musste nachsehen, ob es Originale sind, denn ich hoffe, hier einiges ersteigern zu können. Das bisschen Wackeln macht da nichts.“ Sein Favorit ist die elegant-raffinierte Lampe von Eileen Gray, „Suspension 'Satellite‘“ aus dem Jahr 1925: Sie ist auf 600.000 bis 800.000 Euro geschätzt. Der feierliche Augenblick wird kurz gestört: „Ils sont fous“, ruft eine Frau, als sie die erhofften Preise gelesen hat. Lefebvre verrät natürlich nicht, für wen er die Hand bei der Auktion heben wird.
Alles, nur keine Leere
Die Degas-Anhängerin hat derweil fast sechs Stunden gewartet, dann geht ihr Wunsch endlich in Erfüllung. Vor dem Bild bekennt die Psychologin Michèle Gantheret dann, was sie gedacht hat, als sie die Sammlung von Yves Saint Laurent und Pierre Bergé vor wenigen Minuten zum ersten Mal gesehen hat: Die beiden müssten doch an „Horror Vacui“, der Angst vor der Leere, leiden.
Pierre Bergé lässt sich an diesem Tag im Grand Palais nicht blicken. Diesen ersten Erfolg darf man wohl getrost als genialen Coup des gewieften Unternehmers verbuchen. Sein Assistent Robin berichtet aufgeregt, dass er schon fünf Mal angerufen habe.
Sie alle seien aus dem Häuschen, dass so viele Menschen kämen, nur um die Sammlung zu sehen. Unruhe ist auch zu spüren, wenn man nach der Auktion und ihren Chancen in Zeiten der Finanzkrise fragt. Gleich mehrmals hebt er deshalb hartnäckig hervor, dass ja alles nur im Gedenken an Yves Saint Laurent geschehe. Die bedeutende Sammlung wird zerschlagen, die Einzelstücke aber sind für immer geadelt durch ihre Provenienz. Was bleibt? Das Warten, das Staunen und ein Mythos.