29.12.2006 · Bei einem passionierten Klavierspieler wie Joseph Ratzinger hätte man eine größere Sensibilität für mögliche Mißtöne erwartet als der Papst sie in Regensburg bewies. Außerdem stand alles schon bei Bonaventura.
In der Habilitationsschrift über die Geschichtstheologie des heiligen Bonaventura erörtert Joseph Ratzinger eine Prophezeiung aus einer Vorlesung des franziskanischen Theologen: Es wird kommen die Zeit, in der die Argumente nichts mehr gelten werden und der Glaube nicht mehr mit der Vernunft, sondern nur noch von der Autorität verteidigt wird. Daß diese Zeit noch nicht gekommen ist, belegt sowohl die Person Benedikts XVI. als auch die von diesem gelehrten Papst am 12. September in der Universität Regensburg gehaltene Rede.
Bonaventura verwies auf das berühmteste christlich-muslimische Religionsgespräch beziehungsweise dessen Verweigerung, die Predigt des heiligen Franziskus vor dem Sultan. Vom Sultan aufgefordert, mit den islamischen Geistlichen zu disputieren, habe Franziskus erklärt, er wolle den Glauben weder aus der Vernunft beweisen, weil er über der Vernunft sei, noch aus der Schrift, weil sie von seinen Gesprächspartnern nicht anerkannt werde. Man solle ein Feuer anzünden, in das er mit ihnen eintreten wolle.
Posaunentöne
Schon Bonaventura nannte wie Luther, an dessen Befreiung der Schrift von der Metaphysik die Regensburger Rede die Warnung vor der Enthellenisierung des Christentums knüpft, die Vernunft eine Hure. In einer Fußnote der Habilitationsschrift machte Ratzinger eine kritische Anmerkung zu der versöhnlichen Deutung des Luther-Schimpfwortes durch seinen Lehrer Gottlieb Söhngen, es richte sich nur gegen die Vernunft, die in der Theologie das große Wort führen will.
„Apokalyptische Bilder sind reißende Wasser, die überfluten und sich kaum eindämmen lassen. Der apokalyptische Ton macht die Musik - so könnten wir den versuchten Beschwichtigungen entgegenhalten: Einer Posaune kann selbst ein Mozart nicht ganz das Posaunen abgewöhnen.“ Was für Bilder gilt, gilt ebenso für Zitate. Kaiser Manuel II. verwarf den Islam in endzeitlichem Zorn, und der Klavierspieler Ratzinger hätte wissen können, daß ein zitiertes Posaunenmotiv naturgemäß wie eine Posaune klingt.