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Französische Rechtschreibung : Diktat und Dschihad

Will mit der Rechtschreibreform für mehr Gleichheit sorgen: die französische Unterrichtsministerin Najat Vallaud-Belkacem Bild: AFP

In Frankreich wird eine Rechtschreibreform diskutiert. Der Vorschlag ist nicht neu, er geht auf das Jahr 1990 zurück. Die französische Regierung streitet mit der Académie Française.

          Die Regierung will, dass ich schreibe, wie sie es sich vorstellt“, protestiert François Bayrou im „Journal du Dimanche“ gegen die Reform der französischen Rechtschreibung. Der Zentrumspolitiker war selbst einige Jahre Unterrichtsminister. Er hat zahlreiche historische Bücher veröffentlicht, doch inzwischen ist er in der Literatur unsterblicher geworden als in der Politik: Michel Houellebecq ernannte ihn in seinem Roman „Unterwerfung“ zum willfährigen Premierminister des ersten muslimischen Präsidenten des Landes, dessen schleichende Islamisierung er nicht aufhalten kann.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Tatsächlich wird nun auch die französische Rechtschreibung unter dem Schock der Attentate und dem Aspekt der Integration in den Vorstädten diskutiert. Gegen ihre Vereinfachung kündigt Bayrou, der wie die meisten Politiker über das Selbst- und Sprachbewusstsein eines Schriftstellers verfügt, trotzigen Widerstand an: „Ich werde weiter schreiben, wie es meinen Vorstellungen entspricht.“ Von wegen neu: Die Reform der französischen Rechtschreibung ist älter als die deutsche, über deren Durchsetzung Jahre gestritten wurde. Sie geht auf das Jahr 1990 zurück und übernahm Empfehlungen, die von der Académie Française als „Berichtigungen der französischen Orthographie“ erlassen wurden. Die Akademie ist die Gralshüterin der französischen Sprache und wacht über ihr Regelwerk. Zu ihren Aufgaben gehört das maßgebende Wörterbuch, an dessen Definitionen die vierzig „Unsterblichen“ an ihren wöchentlichen Sitzungen arbeiten.

          „Die Unsterblichen“ sind die Hüter der französischen Sprache – die Mitglieder der Académie Française

          Unlängst hat die Unterrichtsministerin Najat Vallaud-Belkacem die vergessene Reform aus der Wundertüte ihrer Kampfmaßnahmen für mehr Gleichheit gezaubert. Vom nächsten Schuljahr an würden die Lehrmittel die neue Rechtschreibung anwenden. Dazu werde ihnen ein Aufkleber verpasst: „Nouvelle orthographe“. 2400 Worte werden vereinfacht, „oignon“ wird zu „ognon“, Tagliatelle dürfen zu „taliatelle“ weichgekocht werden. Bindestriche entfallen, der Accent „circonflexe“ wird fakultativ. Verwirrungen sind programmiert: „sur“ (als Präposition „auf“, „über“) und „sûr“ („sicher“) sind zweierlei, „jeune“ bedeutet jung, aber „jeûne“ wird das Fasten genannt. In den sozialen Netzwerken zirkulieren die möglichen Verwechslungen. Vereinzelt haben sich die Vereinfachungen stillschweigend schon durchgesetzt.

          Die neue Reform basiert auf Freiwilligkeit

          Die Franzosen frönen ihrer Sprache und der Orthographie fast so leidenschaftlich wie dem guten Essen. Die Diktate, die der Literaturpapst Bernard Pivot veranstaltet, sind Nationalsport. „Wie Pivots Diktate unsere Dschihadisten fabriziert haben“, versuchte zwei Tage nach den Anschlägen auf „Charlie Hebdo“ im Januar 2015 ein Artikel in der Onlinezeitung „Médiapart“ den Franzosen zu erklären. Die Umsetzung der Reform nach mehr als einem Vierteljahrhundert hat einen Kulturkampf der bürgerlichen Rechten ausgelöst. Geführt wird er von mehreren ehemaligen Unterrichtsministern und der Académie Française, deren Generalsekretärin Hélène Carrère d’Encausse ein geharnischtes Kommuniqué veröffentlichte: „Die Reform bedroht das Genie der französischen Sprache.“ Nicht nur die Orthographie vieler Schüler sei mangelhaft, „ihnen fehlen die elementaren Kenntnisse der Syntax und der Grammatik“. Die Regierung möge sich um die „Wiederbelebung“ der Schule kümmern und „Bedingungen für eine wahre Vermittlung des Wissens“ schaffen.

          Entschieden dagegen: „Die Reform bedroht das Genie der französischen Sprache“, sagt Hélène Carrère d’Encausse.

          Als Erster hatte der neunzig Jahre alte Schriftsteller Jean d’Ormesson gegen die Reform gewettert. Er gehörte 1990 noch zu ihren Befürwortern in der Akademie: „Weil damals die Leute nicht so unglücklich waren und das Land nicht in dem Zustand war, in dem es sich heute befindet.“ D’Ormesson erinnert an die faktische Abschaffung von Griechisch und Latein im Rahmen der Collège-Reform gegen die „elitären“ zweisprachigen Klassen: „Die Ministerin hat mit ihren Plänen alle gegen sich aufgebracht. Und jetzt kommt sie mit der Orthographie-Reform!“ Zuvor hatte sie bereits mit dem „ABCD der Gleichheit“ der Geschlechter in der Grundschule Schiffbruch erlitten. Ihr wird unterstellt, die Schule zu ideologischen Zwecken zu missbrauchen: der letzte Ort, an dem die Sozialisten versuchen, ihrer Utopie des „Neuen Menschen“ treu zu bleiben: gegen die Eliten, für die Gleichheit aller. Die Schwierigkeiten der Orthographie, so ihre Annahme, diskriminierten die Minderheiten. Ihre Kritiker – Pierre Nora, Alain Finkielkraut, Régis Debray, Jean d’Ormesson – beschimpfte Najat Vallaud-Belkacem als „Pseudointellektuelle“.

          Jetzt hat sie ihr „Erstaunen“ auch der Akademie in einem offenen Brief zur Kenntnis gebracht. Und erneut den Rückzug angetreten: Die neue Reform sei freiwillig, schreibt sie den „Unsterblichen“. Nach dem Verzicht auf die früheren Pläne hatte die Ministerin für das kommende Schuljahr ein „tägliches Diktat“ angekündigt. Aber nach welchen Regeln? Auch in der Schule der Republik verharrt das verunsicherte Land der unmöglichen Reformen im Zustand der permanenten Ausnahme.

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