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Hitlers Antikapitalismus : Die Quellen seines Hasses

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Hitler an der Ostsee, zwanziger Jahre Bild: Getty

Der Cambridger Historiker Brendan Simms hat erste Ergebnisse seiner geplanten Hitler-Biographie vorgestellt. Seine These: Hitlers Antisemitismus speiste sich aus Hass gegen die angloamerikanische Kultur.

          Wieso sich Hitler in der antibolschewistischen Welt des nachrevolutionären München so antikapitalistisch gerierte und wieso die antibolschewistischen und antislawischen Elemente seiner Ideologie erst mit einer deutlichen Zeitverzögerung eine Rolle spielten, war bisher ein kaum zu lösendes Rätsel. Seit dieser Woche sind wir aber möglicherweise der Lösung des Problems deutlich näher gekommen. In einem ungemein spannenden und intelligenten Beitrag für die Zeitschrift „International Affairs“ („Against a ,World of Enemies‘: The Impact of the First World War on the Development of Hitler’s Ideology“) stellt der Cambridger Historiker Brendan Simms seine ersten Forschungsergebnisse vor.

          Eigenartigerweise zeigte sich Adolf Hitler resistent gegen die Versuchung eines antikommunistischen Judenhasses, als sich nach der Niederschlagung der Räterepublik Baiern ein virulenter antibolschewistischer Antisemitismus in München breitmachte.

          Der künftige Diktator vertrat zwar seit dem Sommer 1919 einen Antisemitismus, der in seiner Heftigkeit und in seiner rassistischen Radikalität seinem Judenhass der frühen vierziger Jahre in nichts nachstand. Hitlers Begründung für seinen Antisemitismus war aber zu dem Zeitpunkt, an dem er zum radikalen Antisemiten mutierte, beinahe ausschließlich antikapitalistisch motiviert.

          Antisemitismus als Folge von Antiamerikanismus

          Simms’ Grundthese erscheint auf den ersten Blick provokativ: Zunächst habe sich Hitler zu einem Feind der angloamerikanischen Welt entwickelt, den er bald mit einem ausgeprägten Hass auf einen internationalen Kapitalismus verbunden habe. Erst dadurch sei im nächsten Schritt Hitlers antikapitalistischer Antisemitismus durchgebrochen.

          Hitlers späterer antisemitischer und antislawischer Antibolschewismus war nach Simms hingegen Mittel zum Zweck, um auf die angloamerikanische Herausforderung erfolgreich reagieren zu können. Es galt, ein deutsches Großreich entstehen zu lassen und so eine globale Parität zwischen der angloamerikanischen und der germanischen Welt herzustellen. Mit anderen Worten: Hitler sah die angelsächsische Welt als Feind, bevor er Juden als Feinde entdeckte, und er sah Juden als Feinde an, bevor er Slawen und Bolschewisten als Feinde identifizierte.

          Ausgangspunkt 1918

          Bei genauerem Hinschauen erscheinen aber viele der Thesen von Simms, der sich derzeit mit Peter Longerich ein Rennen bietet, wer die erste große Hitler-Biographie des Jahrtausends herausbringen wird, zumindest plausibel. Simms weist auf die Wirkung der Tatsache hin, dass Hitler fast während des ganzen Ersten Weltkriegs gegen Truppen aus dem Britischen Weltreich kämpfte und am Kriegsende den scheinbar nicht enden wollenden Strom amerikanischer Soldaten über den Atlantik erlebte.

          Hitler erlebte, wie ohnmächtig Deutschland gegenüber den als unbegrenzt wahrgenommenen Ressourcen der angloamerikanischen Welt war. Nachdem Hitler das Ausmaß der deutschen Niederlage und ihrer territorialen und finanziellen Konsequenzen nach der Bekanntgabe der Versailler Friedensbedingungen klargeworden war, begann er sein politisches Programm zu systematisieren.

          Er suchte, so Simms, eine Antwort auf die demographische und finanzielle Macht der angloamerikanischen Welt. Hitler sprach daher im Jahr 1919 von „England und Amerika“ als „absoluten Gegnern“ und kümmerte sich kaum um Bolschewismus und Russland.

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