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„Die Passion Christi“ Passion aus uns

16.03.2004 ·  Der politisch korrekten Linke in den Vereinigten Staaten ist all das Blut, das in den Geißelungs- und Kreuzigungsszenen von Mel Gibsons „Passion Christi“ über die Leinwand fließt, regelrecht Pornographie.

Von Hans Ulrich Gumbrecht
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Der Papst, so wollte es kürzlich das Gerücht, habe den Passions-Film von Mel Gibson gesehen und flüsternd mit den Worten reagiert: "Ja, so war es." Doch diese Reaktion sei dann von den Öffentlichkeitsarbeitern des Vatikans unterdrückt oder doch wenigstens so uminterpretiert worden, daß sie sich nicht in einen Antisemitismus-Vorwurf gegen Johannes Paul II. umsetzen ließ. Die politisch korrekte Linke in den Vereinigten Staaten war eher empört über all das Blut, das in den Geißelungs- und Kreuzigungsszenen über die Leinwand fließt. Sie zögerte nicht, so viel Blut und Fleisch "Pornographie" zu nennen, und erging sich bald in allerlei psychoanalysierenden Diagnosen. Schließlich folgen manche der europäischen Kritiker dem eingeschliffenen Vorurteil, wenn sie in dem Film eine Manifestation des in der Neuen Welt angeblich so dominanten "religiösen Fundamentalismus" sehen.

Der literaturgeschichtliche Kommentar kann dagegen bloß feststellen, daß dieser Film ein Passionsspiel nach den Bedingungen, Bedürfnissen und Möglichkeiten unserer Gegenwart ist - so wie zum Beispiel die im späten Mittelalter ganz außergewöhnlich beliebten Passionsspiele oder wie das barocke Jesuitendrama, auf dessen Formen das Spiel von Oberammergau zurückgeht. Drei Komponenten stecken den Raum dieser Gattung zwischen Kontinuität und historischer Variation ab. Erstens und vor allem sind Passionsspiele immer dadurch entstanden, daß sie die je nach Zeitgeschmack attraktivsten Episoden aus der Leidensgeschichte Christi in den vier Evangelien auf die Bühne (oder Leinwand) gebracht haben, wobei Ausgriffe auf die Auferstehungsgeschichte stets möglich waren, Rückgriffe auf apokryphe Traditionen aber die Ausnahme blieben. Zweitens kann man natürlich erwarten, daß die Phobien, Obsessionen und Interessen des historischen Moments ihren Niederschlag in den jeweiligen Versionen des Passionsspiels finden: So ist eine judenfeindliche Tendenz in den Texten aus der Zeit der spätmittelalterlichen Pogrome ebenso deutlich wie der enge Moralismus des Jesuitendramas. Drittens schließlich werden Passionsspiele für Gläubige aufgeführt. Sie setzen Vertrautheit mit der Geschichte des Leidens Christi und Gewißheit ihrer theologischen Bedeutsamkeit voraus, weshalb sie sich weder für missionarische Zwecke eignen noch für Theologie-Politik - und am allerwenigsten dem Interesse an der historischen Wirklichkeit des Lebens Christi genügen. Heute mehr denn je impliziert die Gattung, daß die theologische Wahrheit der Evangelien jeden geschichtswissenschaftlichen Wahrheitsanspruch überbieten wird.

Als ein nach diesen Kriterien kanonisches Passionsspiel unserer Gegenwart ist Gibsons Film nicht mehr und nicht weniger "antisemitisch" als die Evangelien selbst. Da die Texte der Evangelien auf die zweite Hälfte des ersten Jahrhunderts zurückgehen, das heißt auf eine Zeit, in der sich unter den Christen die paulinische Position durchgesetzt hatte, nach der Nichtjuden dem Christentum als einer neuen Religion angehören konnten, läßt sich im Neuen Testament tatsächlich eine erzählerische und ethische Kontrastierung zwischen Christus und seinen Jüngern einerseits und dem Hohenpriester und seinem Rat andererseits ausmachen. Diese Spannung kopiert der Film ohne wesentliche Umschreibungen - was das Bild von den traditionellen Juden angeht, eher unter Rückgriff auf die überlieferte christliche Ikonographie denn auf moderne geschichtswissenschaftliche Entdeckungen. Ein Antisemitismus-Vorwurf gegenüber Mel Gibsons Passionsspiel müßte jedenfalls immer auch das Neue Testament mitbetreffen.

Christus-Wahrheit

Was nun Akzentverschiebungen aus der Perspektive unserer Gegenwart angeht, so steht im Vordergrund die Intensität der visuellen Effekte, wie sie heutige Filmtechnik eben möglich macht. Aber diese Varianten bestehen eigentlich nur in graduellen Abweichungen von der Tradition, in Abweichungen, die hinter dem denkbaren Maximum moderner Medieneffekte weit zurückbleiben - und schließlich die spätmittelalterlichen Kreuzigungsszenen eines Matthias Grünewald so wenig überbieten, daß man sich fragen kann, ob nicht ebendiese Bilder den Film inspiriert haben könnten. Außergewöhnlich, ja vielleicht wirklich neu ist wohl nur ein gewisser Hang zum historischen Verismus, wie er sich etwa in der Entscheidung durchgesetzt hat, die Protagonisten auf aramäisch und lateinisch (mit Untertiteln) sprechen zu lassen, und wohl auch in der enormen Akribie, die darauf verwendet worden ist, den für heutige Hygiene-Standards schockierenden Zustand der Zähne von Menschen aus der Antike visuell zu vergegenwärtigen.

Aber war es wirklich nötig, das körperliche Leiden, die Fron Christi zwischen seiner Verhaftung im Garten Gethsemane und dem Kreuzestod so detailliert und schonungslos in Szene zu setzen? Aus theologischer Perspektive - und das heißt auch: aus der gläubigen Perspektive der Gattung des Passionsspiels - sollte man auf diese Frage mit "Ja" antworten. Denn die theologische Wahrheit der Passion Christi ist das Paradox vom allmächtigen Gott, der Menschengestalt annimmt, um wie ein Lamm jene im wörtlichen Sinn übermenschlichen Leiden auf sich zu nehmen, durch welche allein die Menschen von der Erbsünde und von jener Gottesferne erlöst werden konnten, in die sie der Teufel verführt hatte. Das war ein Leiden Gottes - und um dieses Theologem geht es dem Katholiken Gibson offenbar viel zentraler als den Berufstheologen unserer Gegenwart -, welches größer, drastischer und blutiger sein mußte als jedes menschenmögliche Leiden. Ebendeshalb gilt es zu verstehen, daß die im Film so ausführlich gezeigten Folterungen nach aller medizinischen Wahrscheinlichkeit spätestens am Ende der Geißelung zum Tod eines historischen Christus hätten führen müssen. Von dieser Szene an fungieren die Bilder vom Leib Christi - wie die Kreuzigungsbilder des Matthias Grünewald - als Emblem für das Paradox von der Erlösung der Menschen durch die blutige Selbstopferung des einen Gottes. Sie machen den begrifflichen Gehalt des Theologems zu einer Gebärde, das heißt: zu einem geformten sinnlichen Eindruck, welcher den komplexen Begriff mit sinnlicher Intensität auflädt.

Faszination in theologisch illegitimer Funktion

Freilich ist die Geschichte des Passionsspiels nicht immer erbaulich gewesen. Ihre verborgene intellektuelle Faszination liegt vielmehr gerade in den Episoden theologisch illegitimer Rezeptionsformen und Funktionen. So hat der Romanist Rainer Warning vor drei Jahrzehnten in einem damals aufsehenerregenden Buch nachgewiesen, daß spätmittelalterliche Passionsspiele nicht selten das von der offiziellen Theologie im Hintergrund gehaltene Motiv des Verführer-Teufels in einen Dualismus "hinüberspielten", welcher es den Zuschauern ermöglichte, sich mit den Antagonisten Christi zu identifizieren und sein Leiden und seinen Tod als grausame, an einem unterdrückenden Gott geübte Rache zu feiern. Und wir wissen in der Tat, daß viele Christusdarsteller jener Zeit, von Steinwürfen getroffen, einen nichttheatralischen Tod am Kreuz starben.

Ähnliches Unglück wird der Passionsfilm von Mel Gibson gewiß nicht zeitigen. Wer sich heute vom christlichen Gott unterdrückt fühlt, kann seinen Forderungen fast überall mühelos entkommen. Kann jede Art traditioneller Frömmigkeit, jede Lust an starken Gebärden mit borniertem Fundamentalismus gleichgesetzt werden? Dies vorauszusetzen wäre ein Irrtum, zumal in einem Jahr, wo der "Herr der Ringe" mit dreizehn Oscars prämiert worden ist.

Am Donnerstag, vereinzelt auch schon Mittwoch nacht, startet in vierhundert deutschen Kinos Mel Gibsons umstrittener Film "Die Passion Christi". Außer Frage steht, daß er Passagen von bisher im Kino ungekannter Brutalität enthält, die bei den Aufführungen in anderen Ländern zahlreiche Zuschauer aus dem Saal getrieben hat. In Deutschland ist "Die Passion Christi" deshalb auch erst für Besucher von sechzehn Jahren an freigegeben worden. Der in Stanford lehrende Romanist Hans Ulrich Gumbrecht, Spezialist für die Geschichte der spanischen Passionsspiele, und der in München lehrende evangelische Theologe Friedrich Wilhelm Graf kommen in ihren Beiträgen zur Qualität von Gibsons Film zu vollkommen gegensätzlichen Ansichten. F.A.Z.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.03.2004, Nr. 64 / Seite 33
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