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Die Passion Christi : Geistlicher Beistand für Kinogänger

  • -Aktualisiert am

Kontroverser Skandalfilm: Mel Gibsons „Die Passion Christi” Bild: dpa

Allein die im Kino von jeher übliche Identifikation des Zuschauers mit dem Filmhelden wirft im Fall der Passion von Mel Gibson theologische Fragen auf, deren Beantwortung zu den ältesten Aufgaben der Kirche zählt.

          Für Ikonenwunder ist das Bonner Münster nicht berühmt. Blutende Bilder braucht der Besucher, der die schattige Basilika am späten Abend betritt, also nicht zu fürchten. Wer aus Mel Gibsons "Die Passion Christi" im "Metropol" kommt, spürt dennoch eine geheime Verwandtschaft zwischen Kirche und Kino. Nicht allein, weil der Film mit seinen zahlreichen Überblendungen den Blick für typologische Ähnlichkeiten schärft - wurde aus dem blassen Eichenholz der Bänke nicht das Kreuz gezimmert, floß über den narbigen Marmorboden nicht eben noch das Blut des Heilands? Auch nicht deshalb, weil sich die spärlichen Besucher im gewaltigen Hauptschiff verlieren wie zuvor das verstreute Publikum im riesigen Prachtsaal des Lichtspielhauses.

          Nein, die wichtigste Analogie zwischen dem profanen und dem sakralen Raum liegt offen vor Augen. Denn wer das katholische Gotteshaus abschreitet, setzt die Bilder des Films ein zweites Mal in Bewegung. Er kann am Kreuzweg die dritte Station - "Christus fällt das erste Mal unter dem Kreuze" - aufsuchen und sich an den in brutaler Zeitlupe festgehaltenen Sturz von Jim Cazievel erinnern. Und er kann am beleuchteten Kruzifix vor dem Hochaltar den alabasterfarbenen Leib Christi betrachten, anders als der blutüberströmte Schauspieler nur durch die klaffende Seitenwunde entstellt. Denn einzig und allein die Kirche besitzt eine zweitausendjährige Erfahrung in der Darstellung der Martern - auch wenn sie dabei Blattgold statt Zelluloid benutzte.

          Kinosessel gegen Kirchenbank

          Es ist also eine unmittelbar einleuchtende Idee, wenn die Münsterbasilika jeden Abend von 22.15 Uhr an ihre Pforten für die Besucher der 20-Uhr-Vorstellung öffnet und Kinogängern geistlichen Beistand anbietet. Die Seelsorger der "Citypastoral", der Gemeinde für die Passanten der Innenstadt, stehen für Gespräche zur Verfügung. Nicht viele Kinogänger schlagen den kurzen Weg vom Marktplatz zum Münsterplatz ein, und doch kommt jeden Abend eine kleine Schar von Gläubigen, um den weichen Kinosessel gegen die harte Kirchenbank auszutauschen und die Zwiesprache mit Gott zu suchen.

          Das "Aushalten der Grausamkeit", berichtet Pfarrer Michael Dörr, sei das wichtigste Motiv der Besucher. Bewußt setze die Kirche nicht auf das sozialpädagogische Modell des Gesprächskreises, sondern auf den "Wunsch nach Stille". Und anders als moderne Kirchenbauten, welche den "Gedanken der Versammlung" überstrapazierten, stelle die dreischiffige Basilika, vom Übergang zwischen Romanik und Gotik geprägt, auch "Nischen für die Einsamkeit" bereit. An diesem Abend kniet nur eine kroatische Familie aus Vater, Mutter und Tochter ganz hinten im Hauptschiff. Beim Hinausgehen erklärt der fünfundfünfzigjährige Vater, daß er das Kino am liebsten vor dem Ende verlassen hätte: "Irgendwie ist man auch selbst gekreuzigt worden." In der Kirche wolle er "ein bißchen Abstand" nehmen. Trotzdem habe der Film "nur die Wahrheit" gezeigt: "Diese Brutalität kann man mit dem heutigen Verstand nicht begreifen."

          Resonanzraum deutscher Innerlichkeit

          Auch die Franziskanerschwester Stella, als Betreuerin eingesetzt, will das Leiden Christi "nicht auf Großleinwand", sondern nur im Kloster am Computerbildschirm sehen. Pastoralreferent Norbert Schmitz schließlich erkennt im Film die Möglichkeit zum "Umgang mit dem eigenen Leid". Die extrovertierte Frömmigkeit amerikanischer Christen, die mit "Massenhysterie" reagiert hätten, sei hiesigen Gemeinden fremd - ihr Verhältnis zum Gottessohn sei meist auf "abstraktem Niveau" angesiedelt und "eher christologischer als jesulogischer Natur". Auch das Halbdunkel der Kinos und der Kirchen verwandelt sich so in einen Resonanzraum deutscher Innerlichkeit - vielleicht ein Grund für den verhaltenen Publikumszuspruch in Deutschland.

          Näher an Gibsons Mission eines nach außen getragenen Glaubens stehen die Freikirchler, die in der vornehmen Zurückhaltung der evangelischen Amtskirche ihre Chance erkennen. Je zwei Ehrenamtler in vier Schichten an zwei Spielstätten, also sechzehn Boten des Evangeliums, schickt die "Evangelische Allianz" jeden Abend in die Nacht. Der Mitarbeiter vor dem "Metropol" steht bibbernd und etwas verlassen in der Kälte und verteilt Hochglanzbroschüren mit einem Text des Chemnitzer Evangelisten Theo Lehmann: "Am Kreuz hat Jesus wie ein Blitzableiter die Strafe auf sich gezogen", heißt es dort, "die eigentlich uns als Schuldige hätte treffen müssen." Als Hilfe zur Gesprächsführung erstellte die "Allianz" sogar einen Fragebogen. Auf die Frage "Was war Ihre Motivation?" gibt es dort die möglichen Antworten "Ich suchte einen Nervenkitzel" oder "Ich wollte das Leiden Jesu besser verstehen".

          Identifikation wirft theologische Fragen auf

          Peter Heyderhoff von der "Evangelischen Allianz" vernahm in den Gesprächen mit schockierten Kinogängern am häufigsten eine Frage: "Warum mußte Christus so viel leiden?" Sogar ein junger Muslim habe ihn angesprochen und seine Irritation über die Torturen zum Ausdruck gebracht - immerhin habe Mohammed, anders als Christus ein "umjubelter König", nie gelitten. Als Antwort auf die Kernfrage hat Heyderhoff den Leuten stets "auf den Kopf zugesagt", daß nicht die Schuld der Juden oder der Römer, sondern "die Schuld aller Menschen" Gegenstand des Films und Grund der ausgemalten Qualen sei. Auch wenn sich nicht jeder Kinogänger wie Heyderhoff "in der Nachfolge Christi" sieht - allein die im Kino von jeher übliche Identifikation des Zuschauers mit dem Filmhelden wirft im Fall der Passion von Mel Gibson theologische Fragen auf, deren Beantwortung zu den ältesten Aufgaben der Kirche zählt.

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