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Die Oxyrhynchus Papyri : Wir kennen erst ein Prozent

  • -Aktualisiert am

Bedeutendster Manuskriptfund vor den Papyri aus Oxford: Menanders Komödie „Dyskolos” Bild: Fondation Martin Bodmer

Der Jubel über ihre „Entschlüsselung“ war voreilig: Die Oxyrhynchus-Papyri in Oxford bewahren zahllose Geheimnisse. Die Lektüre steht noch aus. Was wir von der Entschlüsselungsarbeit erwarten dürfen.

          "Endlich entschlüsselt", jubelte am 20.April der Londoner "Independent". Wer oder was entschlüsselt, bitte? "Der ,Heilige Gral der Antike', der die Weltgeschichte umschreiben könnte." Der "Heilige Gral der Antike" enthüllte sich dem erschauernden Leser allerdings "nur" als die altehrwürdige Oxforder Sammlung der Oxyrhynchus-Papyri - denen nun durch eine neue Entzifferungsmethode alsbald umstürzende weltgeschichtliche Erkenntnisse entlockt werden würden.

          Die Wirkung dieser Nachricht war beachtlich. Altertumswissenschaftler in aller Welt zuckten zusammen, besonders die jüngeren. Setzte sich die Botschaft doch fort mit Sätzen wie: "Akademiker preisen (die neue Technik) als eine Entwicklung, die zu einem Zuwachs von zwanzig Prozent zum vorhandenen Bestand der großen griechischen und römischen Literaturwerke führen könnte. Einige sagen sogar eine ,zweite Renaissance' voraus." Da sah so mancher schon das Ende seiner kaum begonnenen Karriere kommen. Würde man seine fast vollendete Dissertation jetzt dem Papierkorb übergeben müssen?

          Zwischen Euphorie und Grauen

          Andererseits: Was für Perspektiven! Die kaum noch wahrgenommene Altphilologie als Weltenretter? Als Träger einer neuen Weltkultur? Wie viele neue Professuren wären da wohl zu erwarten? Ungeahnte Horizonte taten sich auf. Die Zunft war hin und her gerissen zwischen Euphorie und Grauen. Sie ist es weithin noch immer. Die breite Öffentlichkeit ihrerseits verharrt, so sie denn Kenntnis nahm, in freudiger Gespanntheit.

          Was ist wirklich geschehen? Was ist zu erwarten? Dem hier unternommenen Versuch einer ersten Bewertung der bisher überschaubaren Fakten liegen Auskünfte zahlreicher, besonders Oxforder Kollegen zugrunde, darunter auch von Dirk Obbink (Christ Church/Oxford), dem "General Editor" der Oxyrhynchus-Papyri, im zentralen internationalen Papyrologen-Forum "PAPY-LIST" vom 21.April (jetzt zugänglich unter http://groups.yahoo.com/group/textualcriticism/message/745) sowie ein persönlicher E-Mail-Wechsel mit Obbink.

          Lange Zeit nur Zufallsfunde

          Zunächst jedoch als Fundament ein kurzer Überblick über den größeren Sachzusammenhang. Zu den vielfältigen Gründen für den unerhörten Aufschwung der Altertumswissenschaft in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts gehörte auch das unvorhergesehene Anwachsen der Menge antiker Texte durch Papyrusfunde.

          Zwar war schon immer vermutet worden, daß gerade in Ägypten, wo seit etwa 300 vor Christus in Gestalt des "Museions" von Alexandria das Forschungszentrum der Antike lag, noch ungehobene Schätze von beschriebenen Papyrusrollen und -resten im konservierenden Trockensand verborgen liegen müßten. Doch über Zufallsfunde war man lange nicht hinausgekommen. Das änderte sich erst, als einige spektakuläre Funde diverse Reste längst verloren geglaubter griechischer Meisterwerke ans Tageslicht brachten, von denen man bis dahin nur durch spärliche Zitate in der schriftlichen Überlieferung gewußt hatte.

          Ein Prozent in hundert Jahren

          Als im Jahre 1855 ein Papyrus 66 Verse aus einem "Partheneion" des Dichters Alkman von Sparta (siebtes Jahrhundert vor Christus) zutage gefördert hatte, begannen sich in Europa wissenschaftliche und private Gesellschaften zum Zwecke der Papyrussuche zu konstituieren. Eine davon war die Londoner "Egypt Exploration Society". Ihr ist die Bergung der bisher größten Einzelmenge von Papyri aus der einstigen Mülldeponie der unterägyptischen griechischen Verwaltungsstadt Oxyrhynchus zu verdanken.

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