29.04.2005 · Der Jubel über ihre „Entschlüsselung“ war voreilig: Die Oxyrhynchus-Papyri in Oxford bewahren zahllose Geheimnisse. Die Lektüre steht noch aus. Was wir von der Entschlüsselungsarbeit erwarten dürfen.
Von Joachim Latacz"Endlich entschlüsselt", jubelte am 20.April der Londoner "Independent". Wer oder was entschlüsselt, bitte? "Der ,Heilige Gral der Antike', der die Weltgeschichte umschreiben könnte." Der "Heilige Gral der Antike" enthüllte sich dem erschauernden Leser allerdings "nur" als die altehrwürdige Oxforder Sammlung der Oxyrhynchus-Papyri - denen nun durch eine neue Entzifferungsmethode alsbald umstürzende weltgeschichtliche Erkenntnisse entlockt werden würden.
Die Wirkung dieser Nachricht war beachtlich. Altertumswissenschaftler in aller Welt zuckten zusammen, besonders die jüngeren. Setzte sich die Botschaft doch fort mit Sätzen wie: "Akademiker preisen (die neue Technik) als eine Entwicklung, die zu einem Zuwachs von zwanzig Prozent zum vorhandenen Bestand der großen griechischen und römischen Literaturwerke führen könnte. Einige sagen sogar eine ,zweite Renaissance' voraus." Da sah so mancher schon das Ende seiner kaum begonnenen Karriere kommen. Würde man seine fast vollendete Dissertation jetzt dem Papierkorb übergeben müssen?
Zwischen Euphorie und Grauen
Andererseits: Was für Perspektiven! Die kaum noch wahrgenommene Altphilologie als Weltenretter? Als Träger einer neuen Weltkultur? Wie viele neue Professuren wären da wohl zu erwarten? Ungeahnte Horizonte taten sich auf. Die Zunft war hin und her gerissen zwischen Euphorie und Grauen. Sie ist es weithin noch immer. Die breite Öffentlichkeit ihrerseits verharrt, so sie denn Kenntnis nahm, in freudiger Gespanntheit.
Was ist wirklich geschehen? Was ist zu erwarten? Dem hier unternommenen Versuch einer ersten Bewertung der bisher überschaubaren Fakten liegen Auskünfte zahlreicher, besonders Oxforder Kollegen zugrunde, darunter auch von Dirk Obbink (Christ Church/Oxford), dem "General Editor" der Oxyrhynchus-Papyri, im zentralen internationalen Papyrologen-Forum "PAPY-LIST" vom 21.April (jetzt zugänglich unter http://groups.yahoo.com/group/textualcriticism/message/745) sowie ein persönlicher E-Mail-Wechsel mit Obbink.
Lange Zeit nur Zufallsfunde
Zunächst jedoch als Fundament ein kurzer Überblick über den größeren Sachzusammenhang. Zu den vielfältigen Gründen für den unerhörten Aufschwung der Altertumswissenschaft in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts gehörte auch das unvorhergesehene Anwachsen der Menge antiker Texte durch Papyrusfunde.
Zwar war schon immer vermutet worden, daß gerade in Ägypten, wo seit etwa 300 vor Christus in Gestalt des "Museions" von Alexandria das Forschungszentrum der Antike lag, noch ungehobene Schätze von beschriebenen Papyrusrollen und -resten im konservierenden Trockensand verborgen liegen müßten. Doch über Zufallsfunde war man lange nicht hinausgekommen. Das änderte sich erst, als einige spektakuläre Funde diverse Reste längst verloren geglaubter griechischer Meisterwerke ans Tageslicht brachten, von denen man bis dahin nur durch spärliche Zitate in der schriftlichen Überlieferung gewußt hatte.
Ein Prozent in hundert Jahren
Als im Jahre 1855 ein Papyrus 66 Verse aus einem "Partheneion" des Dichters Alkman von Sparta (siebtes Jahrhundert vor Christus) zutage gefördert hatte, begannen sich in Europa wissenschaftliche und private Gesellschaften zum Zwecke der Papyrussuche zu konstituieren. Eine davon war die Londoner "Egypt Exploration Society". Ihr ist die Bergung der bisher größten Einzelmenge von Papyri aus der einstigen Mülldeponie der unterägyptischen griechischen Verwaltungsstadt Oxyrhynchus zu verdanken.
Die etwa 400.000 Papierfetzen - verschmutzt, zerknittert, zerlöchert, oft nur flüchtig abgewaschen und neu beschrieben, als Einkaufstüte, Babywindel und so weiter verwendet und danach entsorgt -, diese Überreste also werden heute in Oxford im Ashmolean Museum verwahrt. Zwar sind sie beileibe nicht die einzigen, die wir besitzen. Aber keine andere Institution hat bisher ihren Bestand derart kontinuierlich und systematisch aufgearbeitet, wie es im Falle des Oxforder "Heiligen Grals" geschehen ist. Seit 1898 der erste Band der Reihe "The Oxyrhynchus Papyri" publiziert wurde, sind 68 Bände mit 4704 Texten zusammengekommen. Sie stehen in jeder Universitäts- und klassisch-philologischen Seminarbibliothek. Das ist freilich nur etwas mehr als ein Prozent des Oxforder Bestandes. Der Laie wird fragen: Wie das? In mehr als hundert Jahren nur ein Prozent?
Der eigentliche Akt der Divination
Die Edition der Schriftreste - oft sind es nur wenige Textzeilen, vielfach lückenhaft sowohl im Innern der Zeilen und Wörter als auch in der Zeilenabfolge, manchmal nur wenige Buchstaben pro Zeile oder reiner Leerraum - stellt sich als Konzentrat von Gipfelleistungen menschlichen Scharfsinns dar. Die Lesbarmachung durch Säuberung und konservatorische Behandlung ist ja nur die Basis. Der zweite Schritt, das Lesen der oft höchst individuellen Handschrift - in den Anfängen der Papyrologie mit bloßem Auge, unterstützt durch Lupen, später mittels Infrarotlichtlampen -, erfordert schon weit größere geistige Kapazitäten.
Der dritte Schritt, die versuchsweise Ergänzung von nicht völlig aussichtslosen Lücken, ist der eigentliche Akt der Divination: Hier müssen weit überdurchschnittliche Kenntnisse der betreffenden (meist griechischen) Sprache, der Gattungs-Idiomatik und -Terminologie - Epos, Lyrik, Drama, Historiographie, Philosophie, Roman und so weiter -, Kenntnis der individuellen Diktion (etwa Sappho, Pindar, Sophokles, Kallimachos, Epikur), Kenntnis der antiken Literaturgeschichte und viele weitere Faktoren im Gehirn des Entzifferers zusammenkommen und zusammenspielen, um aus dem jämmerlichen Rest, der vor ihm liegt, durch Lückenergänzung den vermutlich ursprünglich gemeinten Zusammenhang und Sinn herauszuholen. Gelingt noch die Zuordnung zu einem Autor oder gar die Sicherung, daß ein bis dahin unbekannter Text - womöglich einer von Bedeutung - vorliegt, dann ist ein Meisterstück geglückt.
Erste Aufnahmen mit Multi-Spectral-Imaging-Technik
Auf diese Weise sind Einblicke in verloren geglaubte antike Werke von höchster Qualität gelungen, besonders in der frühgriechischen Lyrik (Sappho, Alkaios, Archilochos, Pindar), im klassischen griechischen Drama - die neueren Ausgaben der Tragiker- und Komiker-Fragmente sind intellektuelle Meisterwerke - und in der hellenistischen Dichtung (Kallimachos, Menander). Der geschärfte Überblick, den wir heute über die Vielfalt, die Entwicklung und die literarische Qualität der antiken Literatur zu haben glauben, wäre ohne die beharrliche Geistesarbeit unserer - weltweit relativ wenigen - Papyrologen in der Tat nicht möglich geworden.
Daß die Nachricht von der "Oxforder Sensation" elektrisierend wirkte, kann danach niemanden verwundern. Was aber sind die Fakten? In der Woche vom 11. bis zum 16.April hatte ein Forscherteam der Brigham Young University aus Utah (BYU) in der Bodleian und der Sackler Library in Oxford Aufnahmen von Papyri mit der MSI (Multi-Spectral-Imaging)-Technik gemacht. Diese Technik ist nicht neu. Sie ist bereits 1999 an Herculaneum-Papyri erprobt worden; ihre Funktionsweise, die im Internet genauer erläutert wurde (http://www.papyrology.ox.ac.uk/multi/), ist grundsätzlich bekannt. Seit 2002 wurde sie innerhalb eines Sonderprojekts auch an Oxford-Papyri erprobt und weiterentwickelt. Eine Kurzbeschreibung der technischen Einzelheiten kann dem zitierten Internet-Beitrag von Obbink entnommen werden. Wichtig sind die jetzt erzielten Resultate.
Lediglich signifikante Forschritte
Als erstes ist festzuhalten, daß es sich um eine Methode zur Verbesserung der Lesung handelt, also um eine Erleichterung ausschließlich auf den oben beschriebenen Stufen 1 und 2 der papyrologischen Erschließungsarbeit. Das ist nicht wenig. Es bedeutet aber zunächst nur, in den Worten Obbinks, daß die Methode "am besten bei eingedunkelten, verkohlten oder fleckigen Oberflächen funktioniert; sie kann durch bestimmte Oberflächenbestandteile hindurch abbilden, sie sieht aber nichts durch Lehm, Ton oder Schlamm hindurch. Sie hat hervorragende Ergebnisse erbracht bei Palimpsesten, Streichungen und Tilgungen und bei sich zersetzenden Oberflächen, wo die Tinte tief in die Fibern eingedrungen ist. Sie war weniger erfolgreich bei Oberflächen, die teilweise oder völlig ausgewaschen sind."
Weiter wird erklärt, daß jeder Papyrus und jede Oberfläche anders reagieren, mit Optimalergebnissen an völlig unterschiedlichen Punkten des Spektrums, die jeweils erst ausfindig gemacht werden müssen.
Das bedeutet harte Arbeit. Was ist der Mühe Lohn? Nicht, daß uns nunmehr plötzlich massenhaft komplette bisher unbekannte Werke in die Hände fallen werden. Dergleichen war auch bisher schon die große Ausnahme (etwa im Falle der Menander-Komödie "Dyskolos", die um 1958 - nicht einmal in Oxford, sondern in der Bodmerschen Sammlung - zum Vorschein kam). Was wir zu erwarten haben, umreißt Dirk Obbink in einer E-Mail so: "Was die neuen Erkenntnisse leisten werden, das ist, mehr neue (entzifferte) Fragmente dem Corpus der bereits vorhandenen hinzuzufügen, aber auch, neue (entzifferte) Fragmente mit schon zuvor publizierten in größeren Ensembles zusammenzubringen."
Der Artikel im "Independent", so stellt Obbink klar, "hätte lediglich sagen sollen, daß wir signifikante (und hinreichend spannende) Fortschritte in der Lesung und in der Bestätigung von Identifikationen bei bestimmten Stücken gemacht haben, daß weitere Stücke erstmals identifiziert wurden, davon manche, wie üblich, als (Teile von Werken) bestimmter klassischer Standard-Autoren - während andere nach wie vor komplette Rätsel bleiben."
Die unersetzliche Arbeit an der Sprache
Müssen wir nun enttäuscht sein? Keineswegs. Die Publikation der neu gelesenen Fragmente kündigt Obbink für die nächsten beiden Bände (Bd. 69 und 70) der "Oxyrhynchus Papyri" an. Darunter werden solche aus Hesiod, Archilochos, Sophokles, Euripides, einem Roman von Lukian und anderen Autoren sein. Dieser avisierte neue Wissenszuwachs ist schon als solcher erfreulich, wiewohl in der Reihe der Oxyrhynchus-Papyri nichts Ungewohntes.
Sollte sich aber entsprechend den Ankündigungen herausstellen, daß die Lesungen mit Hilfe der neuen Technik schneller möglich waren als zuvor, exakter sind und durch die Erleichterung von "joints" den vorhandenen Textbestand in Zukunft rascher verdichten werden, dann steht uns eine hocherfreuliche Beschleunigung der papyrologischen Arbeit an den weltweit gehorteten Papyrusschätzen bevor. Das wird uns zwar schwerlich auf einen Schlag eine Erhöhung des antiken Literaturbestands um zwanzig Prozent einbringen, aber es wird die Arbeit der Papyrologen erheblich erleichtern und dadurch unsere Kenntnis der antiken Literatur verbessern.
In einem Postscriptum betont Dirk Obbink, daß "keine Technologie (die uns als solche immer nur dazu befähigt, mehr vom Text zu lesen) die harte Arbeit an der Sprache, der Edition und an der Einpassung dieser Texte in das schon vorhandene Corpus ersetzen kann. Das ist es, was wir jetzt zu tun haben!" In der Tat - und dabei wünschen wir den Oxforder Kollegen und allen Papyrologen weltweit, erfreut über die neuen Möglichkeiten, Erfolg und Glück.