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Veröffentlicht: 26.07.2011, 13:01 Uhr

Die Normalität des Attentäters Ein Kind unserer Welt

Wer ist Anders Behring Breivik? Ein Extremist, ohne Zweifel. Aber seine Ideen stammen weniger aus obskuren Quellen als aus der Mitte, aus der Normalität des Internets.

von Hans Hütt
© dapd Ein Attentäter aus der Mitte der Gesellschaft: Anders Behring Breivik

Welche Lebenswelten trafen am Freitag in Oslo und auf Utoya aufeinander? Auf der einen Seite die hauptstädtische Zivilgesellschaft und sozialdemokratische Jugendliche in Ferienstimmung, auf der anderen Seite ein Schreckensmann, eine Unruhefigur. Unruhe durchzieht das Manifest von Andrew Berwicks (so Breiviks Pseudonym) Manifest. Er denkt seiner Zeit weit voraus. Doch läuft sie ihm davon.

Er beginnt wie ein Schüler George P. Lakoffs, des kalifornischen Theoretikers der linguistischen Kriegsführung. Breivik ist irritiert angesichts der kulturellen Übereinkünfte dieser Zeit, er sieht sich um das Recht gebracht, sich ein eigenes Bild von der Welt zu machen. Die Menschen seien nicht so gleich, wie man ihn glauben machen will. Männer und Frauen erfüllten eine ihnen von der Natur aufgegebene Rolle, Homosexualität sei verwerflich. Nur um den Preis elender Selbstdemütigung dürfe man das zur Sprache bringen. Er sieht die Codes gegen sich, begibt sich an die Arbeit, seinen eigenen Code zu schreiben, etwas, woran er sich festhalten kann.

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Ein kalter Blick auf die herrschenden Codes

Das ist es im ersten Durchgang: festhalten. Woran? Das scheint nicht so klar. Wogegen aber schon: gegen das vielgeschmähte Wort von der politischen Korrektheit, ein Kampfbegriff, der jeden zum Vorkämpfer einer in Blut getauchten Freiheit erhebt, der sich dagegen auflehnt. So scheint er zunächst bloß ein Adept, ein Follower, ein Kommentierer, ein Sammler, ein Kompilator zu sein. Das aber todernst. Wer die Sprache kontrolliere, kontrolliere das Denken. Noch bewegt er sich in semiotischen Operationen. Darin zucken Blitze und Synapsenstürme. Wer wage es noch, von Frauen als Damen zu sprechen?

breivik 03 © dpa Vergrößern Schwellenfreier Zugang zu explosivem Stoff: der Kunstdünger für den Sprengstoff auf Breiviks Bauernhof

Auf den ersten 250 Seiten seines Manifests entwickelt Breivik in großen Zügen seine Anklage gegen den kulturellen (Selbst-)Verrat unter dem Signum des kulturellen Marxismus, der Multikultiwelt. Kalter Hass schärft seinen Blick auf die Codes. Hat Breivik Walter Benjamin gelesen? Darauf kommt es nicht an. Das Manifest ist eine Kolportage des Materials, mit dem er ganze Arbeit leisten will. Ihm geht es um das Vernichten. Seine Operation wirkt wie ein Standardwerk des Guerrilla-Marketings. Nicht von Rasse sprechen, von Weißen, von Ethnien. Die Wörter sind historisch befleckt, sind durch den marxistischen multikulturellen Mainstream stigmatisiert. Die Wundmale der Wörter drohen sich in Wunden dessen zu verwandeln, der sie gebraucht. Er wappnet sich als Rhetoriklehrer, orientiert sich an den linguistischen Codes seiner Gegner, passt sich ihnen an, um sie aus den Pantinen zu kippen. Man muss doch wohl noch fragen dürfen!

Semantische Kriegsführung

Das am besten geeignete Feld für diese Strategie sei die Demographie. Wenn Westeuropa nicht das Schicksal des Libanon erleiden wolle, dann müsse man sich doch wehren dürfen. Nein? Oder das beliebte tibetische Argument der Selbstbehauptung – dem Dalai Lama sei Dank! –, was dem Tibeter gegen den Chinesen recht sei, dürfe doch wohl auch der Europäer zur Geltung bringen. Nein? Er will die Heuchler überführen, und noch bewegt er sich im semantischen Kampf. Aber auch da will er töten: Als Fragen getarnte Argumente seien tödlich.

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