Welche Lebenswelten trafen am Freitag in Oslo und auf Utoya aufeinander? Auf der einen Seite die hauptstädtische Zivilgesellschaft und sozialdemokratische Jugendliche in Ferienstimmung, auf der anderen Seite ein Schreckensmann, eine Unruhefigur. Unruhe durchzieht das Manifest von Andrew Berwicks (so Breiviks Pseudonym) Manifest. Er denkt seiner Zeit weit voraus. Doch läuft sie ihm davon.
Er beginnt wie ein Schüler George P. Lakoffs, des kalifornischen Theoretikers der linguistischen Kriegsführung. Breivik ist irritiert angesichts der kulturellen Übereinkünfte dieser Zeit, er sieht sich um das Recht gebracht, sich ein eigenes Bild von der Welt zu machen. Die Menschen seien nicht so gleich, wie man ihn glauben machen will. Männer und Frauen erfüllten eine ihnen von der Natur aufgegebene Rolle, Homosexualität sei verwerflich. Nur um den Preis elender Selbstdemütigung dürfe man das zur Sprache bringen. Er sieht die Codes gegen sich, begibt sich an die Arbeit, seinen eigenen Code zu schreiben, etwas, woran er sich festhalten kann.
Ein kalter Blick auf die herrschenden Codes
Das ist es im ersten Durchgang: festhalten. Woran? Das scheint nicht so klar. Wogegen aber schon: gegen das vielgeschmähte Wort von der politischen Korrektheit, ein Kampfbegriff, der jeden zum Vorkämpfer einer in Blut getauchten Freiheit erhebt, der sich dagegen auflehnt. So scheint er zunächst bloß ein Adept, ein Follower, ein Kommentierer, ein Sammler, ein Kompilator zu sein. Das aber todernst. Wer die Sprache kontrolliere, kontrolliere das Denken. Noch bewegt er sich in semiotischen Operationen. Darin zucken Blitze und Synapsenstürme. Wer wage es noch, von Frauen als Damen zu sprechen?
Auf den ersten 250 Seiten seines Manifests entwickelt Breivik in großen Zügen seine Anklage gegen den kulturellen (Selbst-)Verrat unter dem Signum des kulturellen Marxismus, der Multikultiwelt. Kalter Hass schärft seinen Blick auf die Codes. Hat Breivik Walter Benjamin gelesen? Darauf kommt es nicht an. Das Manifest ist eine Kolportage des Materials, mit dem er ganze Arbeit leisten will. Ihm geht es um das Vernichten. Seine Operation wirkt wie ein Standardwerk des Guerrilla-Marketings. Nicht von Rasse sprechen, von Weißen, von Ethnien. Die Wörter sind historisch befleckt, sind durch den marxistischen multikulturellen Mainstream stigmatisiert. Die Wundmale der Wörter drohen sich in Wunden dessen zu verwandeln, der sie gebraucht. Er wappnet sich als Rhetoriklehrer, orientiert sich an den linguistischen Codes seiner Gegner, passt sich ihnen an, um sie aus den Pantinen zu kippen. Man muss doch wohl noch fragen dürfen!
Semantische Kriegsführung
Das am besten geeignete Feld für diese Strategie sei die Demographie. Wenn Westeuropa nicht das Schicksal des Libanon erleiden wolle, dann müsse man sich doch wehren dürfen. Nein? Oder das beliebte tibetische Argument der Selbstbehauptung – dem Dalai Lama sei Dank! –, was dem Tibeter gegen den Chinesen recht sei, dürfe doch wohl auch der Europäer zur Geltung bringen. Nein? Er will die Heuchler überführen, und noch bewegt er sich im semantischen Kampf. Aber auch da will er töten: Als Fragen getarnte Argumente seien tödlich.
Sein Facebook-Schleppnetz managt er wie einen Framing-Crashkurs. Breivik provoziert mit Fragen zum drohenden europäischen Selbstmord und löscht alle Kommentare mit Wörtern, die auf dem Index des Mainstreams stehen, er panzert so den eigenen semantischen Leib im Drachenblut des Gegners. Die aus der Welt der politischen Korrektheit genährte Furcht sei sein Spießgeselle, treibe ihm die Adepten wie von allein ins Schleppnetz. Ich möchte, möchte, darf nicht – so durchzuckt es den Gesinnungsgenossen, aber dann postet er doch einen Kommentar, durchläuft eine innere Feuertaufe, ja, da steht es auf dem makellosen Bildschirm, unter seinem Kampfnamen, wie auch immer der heißt, in glorioser Überwindung der von ihm gehegten Zweifel, jetzt ist es raus, jaaaaaaaa. So lockt er online Kumpane aus der Reserve.
Breivik hat die Marketingidee verinnerlicht: schwellenfreier Zugang zu indiziertem Stoff. Nicht im rhetorischen Flecktarn der alten Kampfbegriffe auftrumpfen, sondern Umwege finden. Man kennt das aus manchen Online-Diskussionen und ist irritiert, wenn scheinbar in der Wolle gefärbte Altmarxisten plötzlich von Patriotismus reden, als wären sie bei Breivik zur Schule gegangen. Die Tarnung ist ein Thema, auf das der Autor immer wieder zurückkommt. Er will nicht als Rassist gebrandmarkt werden. Um keinen Preis. Die Angst habe ihn gelähmt. Also redet er von muslimischer Einwanderung und der Islamisierung. Auf diesem Weg gelinge es, die kulturelle Kontrolle der Marxisten und Multikultiadepten aus den Angeln zu hebeln: indem man die Tabus zur Sprache bringe und für verbindlich erklärte Wahrheiten auf die Probe stelle.
Innerer Monolog aus der gesellschaftlichen Mitte
Im taktischen Dispositiv übertrifft der Autor die Manifeste aus den sechziger und siebziger Jahren, auch die neuen französischen Aufstandsautoren bei weitem. Die Schreckensherrschaft ist auf seiner Seite. So will er den Feind überraschen, seine bessere Geländekenntnis nutzen, situative Vorsprünge und Entschlossenheit nutzen. Der Rest ist operatives Handbuch, Tagebuch, Logistik, Autobiographie, Sozialreform in reaktionärer Replik auf Ideen der Frühsozialisten. Das Manifest bezeugt einen umsichtigen Planer, als hätte er in einer Elitehochschule den MBA mit Bravour gemacht. Einkauf, Cash Flow, Lager, Assessment, Controlling, alles hat er auf dem Schirm. Sein Produkt aber, darauf läuft es hinaus, ist nicht der Schrecken. Der ist eine Beigabe.
Sein Produkt ist der auf 1516 Seiten niedergelegte innere Monolog aus der gesellschaftlichen Mitte, ein Echo der endlosen Tiraden gegen die Welt, wie sie ist, ein Echo aus den Foren in den Weiten des Netzes. Aus seinem Text spricht der Chor der Erniedrigten und Beleidigten, die im Ausdruck ihres Hasses auf alle und alles zu grandioser Form finden. Er ist ein gut erzogenes Kind aus der Mitte der Gesellschaft, der den Stolz der arabischen Straßenkämpfer bewundert, ihn sich zu eigen macht, um sie zu schlagen. Der Kämpfer, der aus ihm spricht, ist nicht zu schlagen – nicht wegen seiner Waffen, seiner Umsicht, seiner Klugheit, sondern weil er bloß ein Kopf unter vielen dieser Hydra ist, die sich aus dem Manifest erheben.
Die Idee der schärferen Überwachung, die gleich wieder erklang, noch ehe die Auswertung begonnen hat, verkennt den Befund am Ende der Lektüre. Breivik ist ein Kind der Mitte. Die Überwachung wäre der Versuch, dieser Selbsterkenntnis mit vergeblichem Aufwand aus dem Weg zu gehen.
@Weber Dieter, Schmidt
Wilhelm Friedrich (WillyF)
- 28.07.2011, 21:19 Uhr
@Weber
Wilhelm Friedrich (WillyF)
- 27.07.2011, 19:54 Uhr
Die Geister, die ich rief, werd´ich nicht los.
bernd ullrich (demokrat2)
- 27.07.2011, 14:29 Uhr
@ Friedrich Wilhelm
Dieter Weber (dieter.weber)
- 27.07.2011, 13:38 Uhr
Der Unhold soll also ein Christ gewesen sein? Ein Schelm, wer hier arges denkt!
Volker Spielmann (Schildwache)
- 27.07.2011, 00:54 Uhr