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Nationalkathedrale : Die Erlösung des Volkes misst hundertdreißig Meter

Sie soll so hoch werden wie der Stephansdom, nur nicht ganz so schön: Die Baustelle der Nationalkathedrale, vom Palast aus gesehen, am gestrigen Mittwoch. Bild: Andrei Pungovschi

In Bukarest entsteht der größte orthodoxe Kirchenbau der Welt. Mit ihm will das Patriarchat den benachbarten Ceauşescu-Palast überragen. Doch das Vorhaben bricht mit Tradition und Vernunft.

          Am Morgen eilen gläubige Bukarester zu den vielen kleinen orthodoxen Kirchen in der Innenstadt. Wie winzige Ruheinseln sind sie in das chaotische Erscheinungsbild der rumänischen Hauptstadt gesetzt, bisweilen mangels Stadtplanung auch unmittelbar Rücken an Rücken wie im Falle der Ikonen-Kirche an der östlich vom Zentrum gelegenen Strada Icoanei, die in direkter Nachbarschaft zur Schitul Darvari liegt, der früheren Privatkirche eines reichen Clans, die noch etwas kleiner als üblich, aber im Garten des Familienanwesens umso lauschiger geraten ist. Das wurde zu kommunistischen Zeiten ebenso enteignet wie das Kirchlein, und seitdem steht es allen Gläubigen offen. Denn mit der Orthodoxen Kirche hatte der Diktator Nicolae Ceauşescu ebenso wenig Schwierigkeiten wie die jetzige Regierung, die weiten Teilen der Bevölkerung als korrupt gilt. Die Orthodoxe Kirche sieht sich allein fürs Jenseits zuständig und hält sich deshalb aus dem Diesseits heraus – aus praktischer Politik, aber auch aus Sozialfürsorge oder Alten- und Krankenpflege.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Trotzdem sammelt sie Spenden, derzeit sogar systematisch. In den Mitteilungskästen der Gotteshäuser von Bukarest, so auch in dem der Schitul Darvari, hängt die Planskizze für einen Kirchenneubau. Er scheint sich an der typischen Gestalt hiesiger Gotteshäuser zu orientieren, doch dann sieht man die Größenskala: hundertdreißig Meter soll die Kirche hoch werden, die man auf den Namen Catedrala Măntuirii Neamului (Kathedrale der Erlösung des Volkes) weihen will. Der inoffizielle Name ist griffiger: Nationalkathedrale. So wird für sie auch geworben. Wenn sie fertig ist, was, wie jüngst verkündet, Ende November geschehen soll (die Plakate sprechen noch vom Sommer), wird Bukarest die größte orthodoxe Kirche der Welt besitzen.

          Zwei Monströse Bauwerke in direkter Nachbarschaft

          Der Superlativ ist Pflicht, denn der Bau befindet sich in Nachbarschaft zum je nach Slogan wahlweise zweitgrößten Gebäude der Welt (nach dem Pentagon) oder schwersten Gebäude der Welt (noch vor den Pyramiden): dem ehemaligen Präsidentenpalast, den sich Ceauşescu in den achtziger Jahren errichten ließ. Dafür ließ er ein ganzes altes Stadtviertel abreißen, kleine Hügel einebnen und einen großflächigen aufschütten, auf dem der megalomanische Bau nun im Süden der übrig geblieben Innenstadt thront. Wobei die Palastgrundfläche von 65.000 Quadratmetern nur einen Bruchteil des geschaffenen Freigeländes einnimmt. Um die komplett ummauerte Anlage zu umrunden, braucht man bei flottem Schritt eine Dreiviertelstunde. Im südwestlichen Eck des Geländes entsteht seit 2010 die Nationalkathedrale, deren hochbunkerartiger Rumpf – die zehn goldenen Kuppeln fehlen noch – bislang auf etwa hundert Meter Höhe angewachsen ist.

          Es darf gerne noch ein bisschen höher sein: Der Parlamentspalast in Bukarest.

          Das reicht aber nicht, um die Wirkung zu erzielen, die sich das rumänisch-orthodoxe Patriarchat als Bauherr erhofft: Die Kathedrale soll den selbst schon achtzig Meter hohen Palast, in dem heute Parlament und Senat Rumäniens residieren (ihn aber bei weitem nicht füllen), nicht nur deutlich überragen. Man soll das auch dann sehen, wenn man frontal vor der Palastanlage steht, also deutlich tiefer als diese selbst. Was das bedeuten wird, lässt sich an den Kränen der Kathedralenbaustelle ablesen, die tatsächlich Ceauşescus Prestigeprojekt auch aus Untersicht optisch überragen: Die neue Kirche wird ein zweites Monster, weil ihre nächste Nachbarschaft einen halben Kilometer weiter eben der genauso monströse Palast ist.

          Rumänien ist arm, es braucht keine Riesenkirche, deren Kosten niemand kennt, die aber bei Baubeginn schon auf zweihundert Millionen Euro veranschlagt waren. Doch das Patriarchat braucht eine Selbstbestätigung, auch weil es nie in Opposition zum Regime stand, auch nicht, als Dutzende Kirchen in den achtziger Jahren mit dem Altstadtviertel abgerissen wurden. Eine davon, die kleine Schitul Maicilor, verfrachtete man damals in Gänze über Schienen in eines der ans Palastgelände grenzenden Neubaugebiete. Man hätte dieses Gotteshaus zurückholen können – als symbolischen Akt des Sieges des Glaubens über den Kommunismus. Doch die Seelenhirten bevorzugten eine Kathedrale im gigantomanischen Geist von Nicolae Ceauşescu.

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