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Die neue französische Entspanntheit Madame, wir lieben Sie!

20.04.2010 ·  Paris ist schöner, die Franzosen sind entspannter denn je. Die Wirtschaftskrise wird nicht als nationales Drama wahrgenommen. Die kulturelle Arroganz ist einer sympathischen Lockerheit gewichen, die auch das weniger Brillante zu schätzen weiß.

Von Hans Ulrich Gumbrecht
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Hundert Euro für das von zu vielen Büchern verursachte Übergewicht berechnete die Angestellte der spanischen Linie am Flughafen Prats in Barcelona und wies streng darauf hin, dass es sogar noch zehn Euro mehr sein könnten, wenn sie ganz genau auf die Waage sähe. Am Tag vorher hatte ihre französische Kollegin in Paris-Orly denselben Koffer mit einer charmant klingenden Frage auf den Weg durch das Gepäcklabyrinth geschickt: „Beim nächsten Mal etwas weniger vielleicht?“ Anders als über das früher in Deutschland so beliebte französische Wort „charmant“ lässt sich die Geste und ihr Ton eigentlich nicht beschreiben, es war, als wollte sie sagen, der Kunde sei ihr sympathisch - während das Einchecken in Barcelona zum kleinlichen Ausspielen einer noch kleineren Macht wurde. Also kehrten sich ein paar längst geformte Erfahrungen und die daraus gewachsenen Vorurteile um zwischen Orly und Prats.

Fünf gerade sein und daraus vielleicht etwas Freundlichkeit entstehen zu lassen - das war doch früher gerade nicht die Stärke des französischen Alltags gewesen? Waren ausländische Touristen in Paris nicht immer so sehr von der Sorge geplagt, gerade nicht das richtige Wort gewählt oder den richtigen Schritt gemacht zu haben, dass sie leugnen wollten, Touristen zu sein?

Nation in Paradeuniform

Wenn die vierzig „unsterblich“ genannten Mitglieder der Académie zu ihren Sitzungen „unter der Kuppel“ des Institut de France am Seine-Ufer zusammenkommen, dann legt die Nation eine Paradeuniform an. Auch hier sollte das treffende Klischee erst gar nicht vermieden werden, denn darum geht es ja gerade bei Ritualen: das zu verkörpern, was allen bewusst ist, in Formen, die jedermann kennt. Die Ästhetik der Académie française bringt Staat und Kultur als nationale Traditionen zur Synthese. Von Ludwig XIII. wurde sie 1635 gegründet, und heute öffnet sich ihr Portal ausschließlich für den Präsidenten der Republik, der am 18. März dieses Jahres zum Institut de France kommt, um, was die Ausnahme ist, der Aufnahme eines neuen Mitglieds in die Académie beizuwohnen. Viel war spekuliert worden über die innenpolitisch-strategischen Gründe dieser Geste, doch als Nicolas Sarkozy - unter den zweihundert geladenen Gästen und doch herausgehoben: auf einem einzelnen Sessel gegenüber den Académiciens in der Mitte des Hauptganges - Platz nimmt, da ist er allein die Präsenz der einen nationalen Geschichte.

Und diese nationale Geschichte nun enthält - mit Ausnahme der Jahre zwischen 1940 und 1944 (und selbst im Blick auf sie gibt sich das offizielle Frankreich bis heute nicht ganz geschlagen, wie die immer neuen Ausstellungsstrategien im Musée de l'Armée belegen) -, diese nationale Geschichte also enthält kaum eine Zeitschicht, die verlangt, eingeklammert oder gar ausgeschlossen zu werden: feudale und absolute Monarchie, Revolution, napoleonisches Empire, Restauration, Bürgerkönigtum, Zweites Empire, Dritte und Vierte Republik, bis zu der von Charles de Gaulle geformten und in unsere Gegenwart ragenden Fünften Republik.

Eine Nation verneigt sich vor einer großen Dame

All diese Zeiten haben in je anderen Formen die Kontinuität der Nation nur artikuliert und fortgesetzt. Simone Veil wird den dreizehnten „Stuhl“ („fauteuil“) unter der Kuppel der Académie besetzen, welcher einst Jean Racine, dem größten Tragödienautor der französischen Literatur, gehörte, aber nach ihm auch vielen Autoritäten der Vergangenheit, deren Erinnerung mittlerweile bis zur Anonymität verblasste. Simone Veil ist heute weit über achtzig Jahre alt, wurde in eine säkulare jüdische Familie aus Nizza geboren und gehört zu den kaum zweieinhalb Tausend in Konzentrationslager verschleppten französischen Juden, die überlebt haben. Als Juristin wurde sie Mitglied der Regierungen von Valéry Giscard d'Estaing und von Jacques Chirac, und als Giscards Gesundheitsministerin hat sie mit ebenso eleganter wie kompetenter Entschlossenheit die Legalisierung der Schwangerschaftsunterbrechung im Parlament durchgesetzt. Heute gilt sie nach soziologisch ernstzunehmenden Meinungsumfragen als die beliebteste Frau ihres Landes.

Mit Überraschung wurde zunächst aufgenommen, dass unter den Académiciens gerade Jean d'Ormesson, der aus dem Hochadel stammt und in der Generation von Simone Veil als Autor der gehobenen Unterhaltungsliteratur gilt, die Aufnahme- und Lobrede auf die fünfte Frau unter den Unsterblichen halten sollte. Wie er jedoch die Akzente setzte, machte d'Ormesson deutlich, dass es nicht immer die ganz großen Autoren sein müssen, welche die Ästhetik des Staates tragen.

Die Deportation von Simone Veil und die Unwahrscheinlichkeit ihres Überlebens in Auschwitz und Bergen-Belsen beschrieb er mit schmerzender Genauigkeit und ohne Worte des Mitleids; über ihre Karriere sprach er mit der nach Objektivität heischenden Distanz des politischen Historikers; und um die Gefühle der Nation für Simone Veil gegenwärtig zu machen, übernahm Jean d'Ormesson die allegorische Rolle eines Liebhabers, der - im fiktionären Gestus der Intimität und in der Sprache Racines, „des großen Autors der Leidenschaft“ - zu seiner Geliebten spricht: „Madame, nous vous aimons“ („Gnädige Frau, wir - wir, die Académie, und wir, die französische Nation - lieben Sie“): das waren die Worte, welche seine Rede zu Ende brachten. Vergegenwärtigt und gefeiert wurde in treffender Konkretheit und ohne abstraktes Menschheitspathos die Zuneigung der Nation zu einer ihrer großen Gestalten.

Verwaiste Sockel des Intellekts

Diese Nation und ihre Hauptstadt erleben heute zweifellos einen der weniger intensiven Momente in der Geschichte ihrer Kultur - vielleicht war sogar die Bühne der intellektuellen Öffentlichkeit in Paris noch nie seit der Zeit des Empires um 1800 ähnlich leer wie jetzt. Bloß vor einem Dritteljahrhundert noch schrieben, lehrten und dachten in Paris Michel Foucault und Jacques Derrida, Gilles Deleuze und Jean-François Lyotard, Roland Barthes, Pierre Bourdieu, François Furet und Claude Lévi-Strauss. Die wenigen unter den Protagonisten dieses goldenen Zeitalters, welche bis heute überlebt haben, Jacques Le Goff und Michel Serres zum Beispiel, melden sich weiter in den französischen Medien zu Wort, wo sie gehört, bewundert und selbstverständlich respektvoll kritisiert werden.

Auch in anderen Ländern scheinen derzeit Meisterdenker zu fehlen, doch der Kontrast zwischen der gegenwärtigen Szene und der jüngeren Vergangenheit zeigt nicht dieselben - beinahe grotesken - Proportionen wie in Frankreich. In den immer dünner werdenden Pariser Tageszeitungen hat Daniel Cohn-Bendit eine erstaunliche Präsenz, an Werner Herzog oder Miguel Delibes erinnert man sich gerne und auch an die Erfindung der „Buchgeschichte“ als Forschungsgebiet. Doch nichts wirkt neu, überraschend oder gar provokant. Die Sensation dieser Saison war die Veröffentlichung der vollständigen Korrespondenz von Louis-Ferdinand Céline, dem trotz seiner faschistischen Exzesse immer höher geschätzten Romancier.

Alain Badiou, Jacques Rancière und jene anderen Philosophen hingegen, welche Intellektuelle außerhalb Frankreichs gerne auf die verwaisten Sockel für Barthes, Derrida und Foucault heben möchten, scheinen in Frankreich kaum Wirkung neben der Universitätswelt zu haben. Auf nationale Probleme, wie auf das tägliche Chaos an den öffentlichen Schulen oder auf die Explosionen rassistischen Ressentiments in den Fußballstadien konzentriert sich die Berichterstattung und auch, ganz anders als in Deutschland, auf die vor allem frankophonen Länder Afrikas. Ihre Literatur steht selbstverständlich in einer engen Beziehung zum nationalen Kanon, der ansonsten mit eher wenigen „globalen“ Referenzen erstaunlich homogen bleibt.

Die entspannte Nation

In den aus der Zeit der Existentialisten berühmten Cafés auf dem Boulevard Saint-Germain hört man heute so viel Italienisch, Spanisch und Deutsch wie Französisch (die für die erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts typischen „Amerikaner in Paris“ machen sich angesichts der Devisenwechselkurse eher rar), und die meisten Kellner warten mit Engelsgeduld, bis die Kunden von weit her ihr brüchiges Ein- oder Zweisatzrepertoire in der französischen Sprache losgeworden sind.

Niemandem muss es wirklich mehr peinlich sein, nicht „fehler- und akzentfrei“ („impeccablement“) Französisch zu sprechen, wie man früher voraussetzte. Jemand, der es wissen muss, ein ehemaliger „Direktor der französischen Sprache am Präsidialamt der Republik“ („Directeur de la langue française auprès du Président de la République“) behauptet, die Franzosen seien - nicht nur im Hinblick auf ihre Sprache - im vergangenen Jahrzehnt „weniger puristisch“ geworden. Zugleich haben sie den früher oft einschüchternden Habitus verloren, die eigene Sprache, Kultur und Politik als Normen für die Menschheit zu vertreten. Das etwas weniger brillante Frankreich von heute findet ein entspannteres Verhältnis zu sich selbst, während es Selbstachtung und Form dank seiner nationalen Rituale und Institutionen bewahrt.

Schöner Krisenfrühling

Auf denselben Boulevards, wo sich die selbstbewussten Touristen und Mitbürger aus den anderen Ländern der Europäischen Union tummeln, um Café Crème, Beaujolais und Steak Tartare für sich zu entdecken, gibt es nun auch mehr Obdachlose und Bettler als irgendwann in den letzten Jahrzehnten. Die Niederlage der politischen Bewegung um Präsident Sarkozy bei den Regionalwahlen hat man mit der Intensität einer Zukunftsangst in der französischen Mittelschicht erklären wollen, welche international offenbar ihresgleichen sucht. Nach der Existenzkrise der Kleinunternehmer in den neunziger Jahren fühlen sich heute auch hochqualifizierte Angestellte bedroht. Nur hat die jeweilige wirtschaftliche Lage auf die Selbstwahrnehmung der Nation in Frankreich einen viel geringeren Eindruck als in dem einst aus einem „Wirtschaftswunder“ erwachsenen und europäisch gewordenen Deutschland. Wirtschaftliche Engpässe werden in Frankreich erlebt als Not individueller Existenz, doch kaum je als nationale Krise.

Diese besondere Konfiguration mag erklären, warum man versucht ist, zu denken, Paris sei schöner und sympathischer in diesem Frühjahr als je zuvor. Die Nation ist entspannt und weniger ehrgeizig geworden; sie ist, wie man auf Französisch so gerne sagt, „auf sich selbst konzentriert“ („repliée sur elle-même“), ohne borniert geworden zu sein. Weil ihre Gäste weniger die Verpflichtung spüren, auf dem Laufenden und „geradezu französisch“ sein zu müssen, wird der Blick frei für die Anmut des Mittelalters auf der Île de la Cité, für die geometrische Weltsicht des Absolutismus an der Place des Vosges, für die Monumente der Revolution an der Place de la Concorde und für die Fassaden vergangenen Bürgertums entlang der Rue de Rivoli. All das hält die Ästhetik des Staates gegenwärtig. Und weil sich niemand mit der nationalen Wirtschaft identifiziert, ist es sogar erlaubt in diesem schönen Krisenfrühling, charmant ein Auge zuzudrücken bei Übergewicht im Luftverkehr.

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