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Die Medien und der Amoklauf Fassungslos und hilflos

Der Amoklauf von Newtown beschäftigt seit Tagen die Medien wie kein anderes Thema. Doch in einer Nachrichtenlandschaft, in der nur noch die Geschwindigkeit zählt, geraten Genauigkeit und Feinfühligkeit unter die Räder.

© dpa Vergrößern Keine Presse: Die katholische Kirche in Newtown versucht, den Medienrummel fernzuhalten.

Weißt du eigentlich, wie sehr ich dich liebe?“, fragte ein guter Freund am Freitag seinen dreizehnjährigen Sohn, als der aus der Schule kam. Den Fernseher hatte er ausgeschaltet. Die Berichterstattung der Sender über das Schulmassaker war für manche schier nicht auszuhalten - die Kinder, die vor der Kamera schilderten, was sie gerade erleben mussten, die Bilder von weinenden Eltern, die Trauermusik, mit der CNN und Fox News ihre Werbepausen einleiteten, es war zu viel. „Wie viel Wut, wie viele Rachegedanken hat dieser Mann in die Welt gesetzt?“, fragte eine kinderlose Freundin fassungslos. „Ich habe den Fernseher ausgelassen und mich stattdessen im Internet informiert. Ich hätte das nicht ausgehalten“, bekannte ein weiterer Freund und dreifacher Vater.

Vielleicht war es das zu oft wiederholte Ritual der Berichterstattung von Amokläufen, die immergleichen Fragen, Augenzeugenberichte, Polizeipressekonferenzen, die hilflose Erklärung der Toten zu Helden, die Wiederholung von Begriffen wie „Desaster“ und „Katastrophe“, die dem Geschehen einfach nicht gerecht werden wollten. Doch Fassungslosigkeit schien zunächst stärker zu wiegen als der Drang, das Schreckliche einzuordnen, die Hintergründe zu erforschen und irgendwie zu verstehen, warum dies passiert war. Präsident Obama war die Erschütterung anzumerken, als er mit einer Stellungnahme vor die Presse trat. „Wir haben schon zu viele solcher Tragödien erlebt“, sagte er und rang sekundenlang um Fassung. Anschließend verließ er abrupt das Podium, ohne Fragen entgegenzunehmen. Es schien die Kapazitäten vieler schlicht zu überfordern.

Spekulationen und Fehler prägten die Berichterstattung

Der Sender CNN, der seinen Chefkorrespondenten Wolf Blitzer sowie seinen Star-Reporter Anderson Cooper nach Sandy Hook geschickt hatte, zeigte einen erschütterten Gerichtsmediziner, der sich bei der Beschreibung der Lage unterbrach und sagte: „Es ist alles sehr klinisch, ich sollte das alles vielleicht nicht schildern.“ Mehrere Fernsehreporter kämpften damit, die Contenance zu wahren. Der Onkel des Todesschützen, ein Polizist, musste eine angekündigte Stellungnahme vor der Kamera seinen sichtlich schockierten Kollegen überlassen, weil er zu aufgewühlt war.

158560125 Belagerung: Von Polizeisprecher Paul Vance erwarten sich die Medienvertreter neuste Erkenntnisse. © AFP Bilderstrecke 

Zugleich warf die Tragödie ein Schlaglicht auf die Konsequenzen der „Breaking News“-Berichterstattung, die Geschwindigkeit höher bewertet als Genauigkeit. Spekulationen und Fehler häuften sich quer durch die Nachrichtenlandschaft und setzen sich im Internet fast ungebremst fort. Stundenlang kursierte der Name Ryan Lanza als der des Schützen - mehrere Nachrichten-Organisationen, darunter auch die Huffington Post und Fox News, verlinkten auf die Facebookseite eines gleichnamigen Mannes, sein Foto und Profil kursierten im Netz. „It wasn’t me I was at work it wasn’t me“, postete der Beschuldigte auf Facebook, als er massenweise Hassmails und Todesdrohungen erhielt.

Platz für Behauptungen und Inszenierungen

Erst später korrigierten die Medien den Namen zu Adam Lanza, erst allmählich wurde klar, dass es sich um Ryan Lanzas jüngeren Bruder handelte und Ryan zum Zeitpunkt der Anschuldigungen noch nichts von dem Drama wusste, das auch seine Mutter das Leben kostete. CBS, ABC und Fox News berichteten außerdem zunächst von einem zweiten Schützen, der in angrenzenden Wäldern festgenommen wurde, und es herrschte Verwirrung über die Frage, ob Adam Lanzas Mutter Nancy, die ebenfalls erschossen wurde, in der Sandy Hook-Grundschule gearbeitet hat oder nicht.

Zudem führte der allzu große Druck einer Dauerberichterstattung aus Sandy Hook auch zu idiotischen Grobheiten. Fox News bot dem gern dramatisch auftretenden Journalisten Geraldo Rivera ein Forum für die Behauptung, der Schütze sei ein „Agent der Apocalypse des Satans“, zudem verstieg er sich zu der Bezeichnung des Massakers als „wahrhaftigen Mini-Holocaust“. CNN zeigte ein Foto eines der Kinder, untermalt von einem Namenszug in Schnörkelschrift und trauriger Musik.

Zwischen „Kultur des Friedens“ und Aufrüstung an Schulen

Im Schatten der Berichterstattung vom Ort des Geschehens wurde in den amerikanischen Medien Kritik an einer „gewalttätigen Kultur“ laut, wie der Christian Science Monitor titelte. „Wir müssen eine Kultur des Friedens schaffen“, sagte der ortsansässige Rabbi Shaul Praver auf CNN, „wir sind überflutet von Symbolen der Gewalt.“ Sogar Bill O’Reilly, der Chef-Stimmungsmacher von Fox News, beklagte, das Massaker stufe die gesamte Nation herab.

Andernorts wurde Aufrüstung gefordert. Die „Gun Owners of America“, die zweitstärkste Waffenlobby in den Vereinigten Staaten, forderte die Bewaffnung von Lehrern, auf Facebook rief ein mit der Autorin befreundeter Rancher aus Arizona zur Initiative auf: „Ich melde mich freiwillig dafür, zur Schule meiner Kinder zu fahren und die Schüler zu beschützen, wenn die Schulen das nicht können oder wollen. Wer macht mit?“ Und bei Fox News bekannte Geraldo Riviera: „Ich will einen bewaffneten Polizisten an jeder Schule.“

In Sandy Hook scheint man zu einem anderen Schluss zu kommen. Ein Einwohner sagte in die CNN-Kamera: „Unsere Grundschulen zu Festungen ausbauen? So sollte unsere Gesellschaft nicht sein!“

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Quelle: F.A.Z.

 
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