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Die Linkspartei und ein Stalin-Opfer : Der doppelte Fall des Doktor Linse

  • -Aktualisiert am

Der Jurist Doktor Walter Linse Bild: picture-alliance/ dpa

Folteropfer in Moskau, Arisierer in Chemnitz: Die Linkspartei versucht in Berlin, ein geschichtspolitisches Exempel an einem Opfer des Stalinismus und der DDR zu statuieren. Und verlangt die Umbenennung der „Walter-Linse-Straße“ in Berlin.

          Alles ruhig an der Linsefront? Die Gemüter scheinen besänftigt, im holzgetäfelten BVV-Saal des Rathauses Schöneberg, in dem einst Theodor Heuss als Stadtverordneter saß, herrschte bei der Podiumsdiskussion zum Thema „Dr. Walter Linse und der Umgang mit der historischen Wahrheit“ schönste Einigkeit. Vor gut einem Jahr war es noch anders. Da hatte Dr. Linse, als LDPD-Mitglied zeitweilig ein sächsischer Parteifreund von Heuss, die Gemüter erhitzt.

          Bis 2007 war Linse vor allem den Berliner Taxifahrern bekannt, denn in Berlin-Lichterfelde erinnert seit 1961 eine Straße an ihn, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges war sie benannt worden. In dieser lauschigen Villenstraße hatte der gebürtige Leipziger bis 1952 gewohnt, und aus dieser Straße war er am 8. Juli 1952 von bezahlten Gangstern entführt und zunächst in die DDR, dann in ein Moskauer Gefängnis verschleppt worden. Er wurde gefoltert, wegen vermeintlicher Spionage zum Tode verurteilt und hingerichtet.

          Von Linses Schicksal wussten die 50.000 Berliner, die am 10. Juli 1952, angeführt von Ernst Reuter, vor dem Rathaus Schöneberg für die Freilassung des Doktor Linse demonstrierten, noch nichts. Auch seine Familie erfuhr erst Jahrzehnte später von der Hinrichtung. 1996 rehabilitierte der Generalstaatsanwalt der Russischen Föderation Linse vollständig. Linse war der Sowjetunion als Mitarbeiter des „Untersuchungsausschusses Freiheitlicher Juristen“ suspekt, einer teilweise von der CIA finanzierten Organisation, die die Unrechtsjustiz der DDR zu dokumentieren versuchte. Die Untersuchungen des Ausschusses halten noch heute wissenschaftlichen Kriterien stand.

          Zuständig für „Arisierung“

          Persönliche Erfahrungen mit der Justiz in der SBZ hatte der Sachse Linse reichlich gemacht, als Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Chemnitz sowjetische Enteignungen im traditionsreichen mitteldeutschen Industrierevier unmittelbar miterlebt und daraus 1949 die Konsequenz einer Flucht nach West-Berlin gezogen.

          Für die IHK Chemnitz war Linse aber schon vor 1945 tätig gewesen und hatte dabei erwiesenermaßen die „Arisierung“ von Fabriken vorgenommen. Das war jahrzehntelang nicht bekannt. In West-Berlin war Linse rasch in Vergessenheit geraten, die Erinnerung an das Opfer stalinistischen Terrors passte nicht in die Stimmung der Entspannungspolitik. Die Akten lagen in der DDR. Nach der Wende wurde zaghaft an Linse erinnert, etwa in einem 2002 von Karl Wilhelm Fricke, Peter Steinbach und Johannes Tuchel herausgegebenen Sammelband zu „Opposition und Widerstand in der DDR“; der Historiker Wolfgang Schuller, 1968 mit einer Dissertation über politisches Strafrecht in der DDR promoviert, stellte dort Linse vor.

          Erst Täter, dann Verfolgter

          Auf Linses NSDAP-Mitgliedschaft (seit 1941) wies Schuller hin, die Tätigkeit als Arisierer, von einem Mitarbeiter des Chemnitzer Stadtarchivs entdeckt, war damals noch nicht bekannt. Gleichwohl, so Tuchel gegenüber dieser Zeitung, würde man auch heute Linse in die Anthologie wiederaufnehmen, ergänzt um den heutigen Wissensstand. 2007 legte der Politikwissenschaftler Benno Kirsch eine kurze Biographie Linses vor, die auf eigenen Archivstudien beruhte und im Verlag der Stiftung Sächsische Gedenkstätten erschien. Kirsch verschwieg Linses Tätigkeit als Arisierer keineswegs, war aber zugleich bemüht, Linse auch vor 1945 ein gutes Zeugnis auszustellen; er habe Juden geholfen und sogar 1944 einer Widerstandsgruppe angehört.

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