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Zukunft des Autos : Auf Konfrontationskurs

Wenn Patriotismus und Automobilleidenschaft kollidieren: Beflaggte Autos bekommt man inzwischen nicht nur zu großen Fußballturnieren zu Gesicht. Bild: AP Photo/Franka Bruns

Die Liebe des Deutschen zu seinen eigenen vier Rädern kennt oft keine Grenzen. Das beobachtet man auch schmerzlich im alltäglichen Miteinander.

          Das Ereignis hätte einen Ehrenplatz in der Reihe „Mein schönster Fahrradunfall“ verdient. Es war allerdings nicht „mein“ Unfall, sondern der eines anderen. Deswegen auch „mein schönster“. Wir waren nur privilegierter Zeuge. Dieser Zeuge radelte kürzlich an einem warmen Berliner Morgen auf den Ludwigkirchplatz zu. Das Bild: Tempo 30, rauschende Bäume, Menschen im Café. Da schlagen Geräusche an unser Ohr. Ein Auto und ein Fahrrad kommen uns entgegen, nebeneinander und gleichsam ineinander verhakt: Der Autofahrer beschimpft den Fahrradfahrer aus dem offenen Fenster heraus, der Fahrradfahrer beschimpft den Autofahrer in das offene Fenster hinein.

          Fast könnte der Fahrradfahrer sich ziehen lassen. Er hat die kräftigere Stimme, wir hören einen beliebten Zweisilber, der mit „A“ beginnt, dann weiteres Erklären und Rechthaben, alles im Fahren, und als wir nahe bei den beiden Streithähnen sind (der Autofahrer ist jung und hat elegant nach hinten gekämmtes Haar, eine junge Frau sitzt neben ihm), da lässt der Fahrradfahrer einen finalen Fluch hören und schlägt mit der Hand kräftig auf den Außenspiegel des Autos. Dann beschleunigt er und zieht an dem Autofahrer vorbei. Als wir die beiden schon passiert haben, hören wir auch den Wagen beschleunigen, und dann gibt es einen Knall. Wir halten an und sehen uns um. Da ist kein Fahrrad und auch kein Fahrradfahrer mehr, nur ein stehendes Auto. Der junge Mann mit dem eleganten Haar ist ausgestiegen. Seine Freundin auch. Wir treten hinzu und sehen, dass er seinen Gegner tatsächlich auf die Hörner genommen hat. Klassisch gerammt!

          Der Fahrradfahrer liegt am Boden und hat aufgehört zu schimpfen. Samt Fahrrad hängt er unter dem Auto fest. Sein Bein ist nicht im Bild. Einen Augenblick macht sich Schrecken breit. Wie mag das Bein aussehen? Noch alles dran? Als man es aus dem Gewirr befreit, sehen wir: Bein unverletzt. Ein Wunder. Sobald der Fahrradfahrer wieder auf den Füßen steht, geht das Rechthaben weiter. Dass mäßigender Einfluss gefragt sein könnte, die Idee haben wir gleich aufgegeben. Erforderlich: ja. Möglich: nein. Wir hören dem Schimpfen eine Weile zu und denken über uns als Volk nach, uns Deutsche. Ob wir so sein müssen, wie wir offenbar sind. Dann dringt wieder ein Satz an unser Ohr. Der Autofahrer hat ihm gesagt, er will jetzt rechtfertigen, warum er an dem Fahrradfahrer Rache nehmen musste, er nennt es anders: Warum er sich „das nicht bieten lassen“ durfte und mit seiner Waffe, dem Auto, zurückschlagen musste. Er sagt im Ton berechtigter Empörung: „Haben Sie eine Ahnung, was die Elektronik beim Außenspiegel kostet? Beim Passat?“ Nein, haben wir nicht. Wir wissen nur, dass mit solchen jungen Bürgern die Autoindustrie in diesem Land nie untergehen wird.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

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          Quelle: F.A.Z.

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