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Desaströse Leichenschau : Was ist der Totenschein noch wert?

  • -Aktualisiert am

Die Todesbescheinigung ist eine öffentliche Urkunde und legt fest, wie mit dem Toten umzugehen ist. Bild: dpa

Totenscheine voller Fehler und Sterbefälle, die mit fadenscheinigen Todesursachen umschrieben werden: Die Leichenschau ist in Deutschland ein Desaster, wie neue Studien zeigen.

          Am Ende des Lebens steht der Totenschein, der unter anderem die Todesart und die Todesursache benennt. Der Arzt füllt ihn aus, nachdem er die Leiche entkleidet und sorgfältig untersucht hat. Was sich wie eine überschaubare Aufgabe anhört, entpuppt sich in der Realität als ein extrem fehleranfälliges Geschehen, das seit Jahrzehnten in der Kritik steht. Unleserliche Angaben, Todesfälle, die als natürlich eingestuft worden sind, obwohl ein nicht natürlicher oder ungeklärter Tod hätte attestiert werden müssen, fehlende Angaben zu sicheren Todeszeichen und eine Todesursache, die nicht zu den Vorerkrankungen passt, sind nur einige der schwerwiegenden Fehler, die regelmäßig in deutschen Totenscheinen zu finden sind.

          Dabei ist eine Todesbescheinigung keine Petitesse. Sie ist eine öffentliche Urkunde von erheblicher Relevanz. Der Totenschein legt fest, wie mit dem Toten umzugehen ist. Nur bei einem natürlichen Tod kann die Leiche ohne weiteres bestattet werden. Bei einem nicht natürlichen oder ungeklärten Tod müssen Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln, ob ein Fremdverschulden vorliegt. Auch die Angaben zur Todesursache sind von erheblicher Bedeutung, weil sie die Grundlage der amtlichen Todesursachenstatistik bilden und damit letztlich mit dafür verantwortlich sind, wie die Weichen in der deutschen Gesundheits- und Forschungspolitik gestellt werden. Auch die Lebensversicherungen klären Ansprüche anhand der Angaben im Totenschein.

          Nur wenige Scheine sind ohne Mängel

          Eine aktuelle Veröffentlichung von Fred Zack vom Institut für Rechtsmedizin der Universitätsmedizin Rostock und seinen Kollegen zeigt besonders klar, wie fehlerbehaftet das Ausstellen der Totenscheine in Deutschland ist („Rechtsmedizin“, doi: 10.1007/s00194-017-0193-7). Von den zehntausend Bescheinigungen, die Zack und seine Kollegen vor dem Kremieren der Leichen noch einmal unter die Lupe genommen haben, enthielt jede dritte bis vierte Urkunde einen schwerwiegenden Fehler. „Legt man eine rigorose Fehlerdefinition zugrunde, nach der alles, was nicht vorschriftsmäßig ausgefüllt worden ist, als Fehler gewertet wird, sind sogar 97 Prozent der Urkunden fehlerhaft“, sagt Zack im Gespräch. „Verwendet man eine weniger rigorose Definition und ignoriert zum Beispiel fehlende Angaben zum Geburtsort des Toten, zum Kreis oder zu einer möglichen Schwangerschaft bei älteren Frauen, sind noch 90 Prozent der Todesbescheinigungen fehlerhaft.“

          Nicht minder ernüchternd sind die Ergebnisse von Sabine Gleich und ihren Kollegen vom Referat für Gesundheit und Umwelt der Landeshauptstadt München. Gleich und ihre Kollegen haben geprüft, wie vollständig und plausibel die beim Gesundheitsamt München eingegangenen Totenscheine zwischen 2010 und 2013 und zwischen 2014 und 2015 waren. In beiden Zeiträumen musste die Behörde jede zehnte Urkunde mit Bitte um Korrektur an die Ärzte zurückschicken („Rechtsmedizin“, doi: 10.1007/s00194-016-0132-z).

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          Was sind die häufigsten schwerwiegenden Fehler? Bei zwölf Prozent der Totenscheine war laut Zack die Kette aus attestierter Todesursache und zum Tod führender Vorerkrankungen nicht plausibel. In einem solchen Fall hat der untersuchende Arzt entweder die Kausalkette falsch erfasst, was die Validität der amtlichen Todesursachenstatistik schmälert, oder der Tod war unnatürlich. Natürlich im Sinne des Totenscheins ist ein Ableben durch eine innere Krankheit, an dem kein rechtlich bedeutsamer, äußerer Einfluss beteiligt war. Stirbt zum Beispiel ein Grippe-Patient an einer Lungenentzündung, ist das ein natürlicher Tod. Die Todesursache ergibt sich aus der Grippe und ist ein Ereignis, mit dem man bei dieser Erkrankung leider rechnen muss. Stirbt aber jemand nach einem Oberschenkelhalsbruch an einer Lungenentzündung, weil er durch den Sturz bettlägerig wurde, ist das keine plausible Kausalkette für einen natürlichen Tod, sondern für einen unnatürlichen Tod. In diesem Fall muss die Ursache für den Sturz geklärt werden. Der Verstorbene kann ausgerutscht oder gestolpert sein, er kann aber auch geschubst oder gestoßen worden sein. Hinter einem nicht natürlichen Tod steht also nicht zwangsläufig ein Tötungsdelikt, aber die Umstände müssen geklärt werden. Dies wird durch das richtige Ankreuzen der Todesart veranlasst.

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