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Kunstgeschichte : Die Lehren Gurlitts

In Bonn diskutieren Kunsthistoriker den Fall Gurlitt. Zur Sprache kommt auch die Qualität der Lehre an den kunsthistorischen Instituten der Bundesrepublik.

          Wenn der Inhaber einer alteingesessenen Galerie sich auf einem Symposion hinstellt und erklärt: „Der Handel mit Kunst ist insgesamt von hoher Transparenz gekennzeichnet“, dann ist das - ja, was eigentlich: Chuzpe, Ignoranz, Interessenbehauptung oder nur ein schlechter Witz?

          Andreas Rossmann

          Feuilletonkorrespondent in Köln.

          Wo der Fall Beltracchi doch, mit nachlässigen Provenienzrecherchen und gekauften Expertengutachten, facettenreich das Gegenteil ausgebreitet hat, wo der Fall Achenbach offenbart, wie schwer sich die Justiz damit tut, die Verfilzungen des Marktes zu durchleuchten, und wo Isabel Pfeiffer-Poensgen, Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder, erst vor einer Woche, auf einem Kolloquium des Zentralinstituts für Kunstgeschichte in München, ein größeres Engagement bei der Aufklärung angemahnt hat: „Wenn der Kunsthandel seine Türen öffnen würde, wäre das der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.“

          Pauschale Medienschelte und Zurückweisung

          Doch Johannes Nathan, Geschäftsführender Gesellschafter der Nathan Fine Art, Berlin/Zürich, der seine Ausführungen mit Gemeinplätzen („alles ist viel komplexer“), schiefen Vergleichen („über den Tamiflu-Skandal wurde nicht so viel berichtet wie über Gurlitt“) und einem pauschalen Medien-Bashing garnierte, war schon die zweite Fehlbesetzung, die der Verband Deutscher Kunsthistoriker für ein Impulsreferat zu einem Thema nach Bonn eingeladen hatte, zu dem er sich, so sein Vorsitzender Kilian Heck (Greifswald), „mit immer größerer Intensität vorgetragenen Fragen“ ausgesetzt sieht: „Der Fall Gurlitt - Was hat die Kunstgeschichte daraus gelernt?“.

          Denn auch Ulrich Großmann, Generaldirektor des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg, der die Rolle der Museen darlegen sollte, hatte dazu nicht viel mehr zu sagen, als die Auseinandersetzung mit dem ehemaligen Kulturstaatsminister Michael Naumann über Raubkunst an seinem Haus zu rekapitulieren und dessen (schon vor Monaten geäußerte) Kritik zurückzuweisen.

          Eigene Kritik an Defiziten in der Lehre

          Wenig problemorientiert und konkret, war diese Einführung dennoch lehrreich: Bekamen die Kunsthistoriker doch gleich doppelt vorgeführt, worauf sie sich nicht beschränken dürfen. Statt die eigenen Interessen zu verteidigen, sind sie, daran erinnerte Bénédicte Savoy (TU Berlin) in einem temperamentvollen (und von der fast gleichzeitig besiegelten Niederlage der „Équipe tricolore“ ungetrübten) Einwurf, als Wissenschaftler der Wahrheit verpflichtet.

          Kilian Heck tat denn auch gut daran, die bestehenden Defizite des „in den letzten Jahrzehnten weitgehend theoretisch ausgerichteten Faches“ sachlich zu benennen und selbstkritisch anzusprechen. Können etwa neue Studiengänge oder -module zur Provenienzforschung neben den kunsthistorischen auch juristische und ethische Kompetenzen vermitteln? In der Diskussion bestand schnell Einigkeit darüber, dass Provenienzforschung nicht als eigenes Fach, sondern innerhalb der Kunstgeschichte im Verbund mit zeitgeschichtlicher und juristischer Kompetenz etabliert werden müsse.

          „Mehr Offenheit, weniger Akademisierung“

          Isabel Pfeiffer-Poensgen wünschte sich, „dass Museen und Kunsthistoriker erkennen, dass es Teil ihrer Arbeit ist, die Geschichte der Sammlungen zu erforschen“, und die kunsthistorisch beschlagene Berliner Anwältin Friederike Gräfin von Brühl problematisierte den Spagat von Experten, die aus der Freiheit der Wissenschaft in die Wirtschaft wechseln, um als Dienstleister von Erben deren Interessen zu vertreten. Die unausgesprochen suggerierte Vorstellung freilich, dass die Universität die Studenten mit einem Wissen ausstatten kann, das sie für alle anstehenden Aufgaben qualifiziert, erscheint wenig wirklichkeitsnah.

          Der Sprung ins kalte Wasser, an den (sich) Gilbert Lupfer, Leiter der Abteilung Forschung an den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, erinnerte, dürfte den produktiveren Zugang eröffnen: Noch zu Beginn des Jahrtausends, so Lupfer, habe er keine Ahnung von dem Thema gehabt und die paar Einzelkämpfer, die dazu arbeiteten, seien als Exoten angesehen worden.

          Die Forderung „Mehr Offenheit, weniger Akademisierung“ des Kölner Journalisten Stefan Koldehoff, der als ein solcher Einzelkämpfer auf diesem Feld mehr geleistet hat als die meisten kunsthistorischen Institute, ist insofern weit zu fassen. Denn schon die Beschäftigung mit ein paar Gemälden aus der Sammlung Gurlitt lässt erkennen, dass jedes eine individuelle Biographie hat, die die Recherche vor immer neue Aufgaben stellt. Ist es einmal notwendig, Sütterlinschrift lesen zu können oder Ahnenforschung zu betreiben, so erfordert das nächste Bild vielleicht das Hinzuziehen eines Judaisten oder eines auf Erbrecht spezialisierten Juristen. Solides wissenschaftliches Rüstzeug ist Voraussetzung, aber unabdingbar sind auch Eigenschaften, die, auch wenn sie in keinem Curriculum stehen, die Universität vermitteln kann: Neugier, Skepsis, Hartnäckigkeit und, auch das, kriminalistischen Spürsinn.

          Quelle: F.A.Z.

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