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Donnerstag, 20. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Die Krisenkinder Freiheit ist die Freiheit der Schlechtergestellten

 ·  Die Dreißigjährigen sind qualifizierter, mobiler und flexibler als ihre Eltern, die in Frieden und Wirtschaftswachstum hineingeboren wurden. Was machen sie daraus? Eine Bestandsaufnahme.

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© Fricke, Helmut „Ihr spekuliert mit unserem Leben“: Die Occupy-Generation fühlt sich genötigt, selbst zu handeln, um ihre Zukunft zu sichern. Doch ist sie damit auch freier?

Es gab einmal ein Versprechen. Es lautete, dass es der nachfolgenden Generation immer besser gehen wird als der vorherigen. Und weil es dieses Versprechen einmal gab, rief zum Beispiel François Hollande neulich seine Mitbürger dazu auf, die Annahme zu bekämpfen, dass unsere Kinder dazu verurteilt seien, schlechter zu leben als wir. Die Kinder, die der sozialistische Präsidentschaftskandidat meint, werden nicht erst geboren, sie leben schon, in Frankreich, in Deutschland, weltweit. Und sie sind erwachsen.

Zum Beispiel Daniel Weis. Er ist neunundzwanzig, groß und schlank, er trägt einen dunklen Mantel, Jeans und einen Hut. Wenn er ihn tief in sein winterblasses Gesicht zieht, das etwas Kritisch-Distanziertes hat, könnte er einer dieser Ermittler aus den amerikanischen Fernsehserien sein. Vergangene Nacht, als das Thermometer minus dreizehn Grad zeigte, hat Daniel Weis in einem kleinen Zelt geschlafen, in das nicht mehr hineinpasst als eine Matratze. Er hat es zu Beginn der Occupy-Bewegung im Frankfurter Camp mit Blick auf die Europäische Zentralbank aufgeschlagen. Nun übernachtet er manchmal dort, je nach Stimmung.

Später, vielleicht, irgendwann

Die Eltern von Daniel Weis (Name von der Redaktion geändert) sind Ende fünfzig. Als sie neunundzwanzig waren, hatten sie zwei Kinder, Daniel und seine ältere Schwester. Sie lebten in einem Haus in Fulda, das der Großmutter gehörte. Die Großmutter wohnte im Erdgeschoss, ihr Mann war kurz nach Kriegsende gestorben. Im Garten stand eine Schaukel. Sobald es das Wetter zuließ, grillte die Familie mit den Nachbarn, man fuhr auch gemeinsam in den Urlaub, immer nach Italien, immer in denselben Ort. An drei Vormittagen in der Woche half Daniels Mutter im Sekretariat eines Architekturbüros aus, das zu Fuß keine zehn Minuten entfernt lag, ansonsten kümmerte sie sich um den Haushalt und die Kinder. Sein Vater stieg morgens um acht in seinen Ford, dessen Heizung immer erst richtig warm wurde, wenn man schon angekommen war. Abends um fünf kam er wieder nach Hause. Er hatte eine kaufmännische Lehre bei einem Versicherungskonzern absolviert, und weil es ihm dort gefiel, sah er keinen Grund, das Unternehmen zu wechseln, und es war auch gar nicht vorgesehen. Er wurde Abteilungsleiter. Zu seinem fünfzehnjährigen Dienstjubiläum überreichte ihm sein Chef einen Geschenkkorb, und die Kollegen klatschten.

Daniel Weis studiert im neunten Semester Geowissenschaften und Skandinavistik in Frankfurt. Er spricht fließend Englisch, Französisch und Schwedisch. Er lebt in einer Altbauwohnung, die er sich mit zwei Freunden teilt, was günstiger ist, als allein zu wohnen, besonders in Frankfurt, wo der Platz knapp ist und die Mieten hoch sind. Außer einem Schrank, einem Schreibtisch und einer Couch besitzt er keine Möbel. Die Matratze liegt auf dem Fußboden. Seine Großmutter hat ihm eine Wanduhr vererbt. Da die finanzielle Unterstützung seiner Eltern nicht zum Leben reicht, arbeitet er nebenher in verschiedenen Jobs, zum Beispiel als Übersetzer oder Elektriker, wozu er ausgebildet wurde. Auf diese Weise hat er sich ein Auslandssemester in Stockholm finanziert. Damals hatte er eine Freundin, sie wohnte in Hamburg, die beiden sahen einander nur an den Wochenenden, ihre Liebe hielt drei Jahre. Im Moment ist Daniel Weis Single. An Kinder denkt er nicht. Die meisten seiner Freunde haben auch noch keine. „Später“, sagt er. „Vielleicht.“

Das große Ziel war die sichere Rente

Als seine Eltern neunundzwanzig waren, hieß der Bundeskanzler Helmut Schmidt, das Land wurde von einer sozialliberalen Koalition regiert, und der RAF-Terrorismus erlebte gerade seinen Höhepunkt. Die Anti-Atomkraftbewegung und die Partei Die Grünen entstanden. In Iran stürzte der Schah. Steve Jobs und Steve Wozniak brachten den Rechner Apple II auf den Markt, er kostete 1300 Dollar, sein Arbeitsspeicher betrug 64 KB. Damals stand das World Trade Center noch, und kein Mensch dachte bei dem Wort Schläfer an islamistische Terroristen. Der Begriff Raubtierkapitalismus war noch nicht erfunden, Oliver Stones’ Film „Wall Street“ noch nicht gedreht. Die internationale Klimakonvention existierte nicht. Im Fernsehen warb der schlaue Sparfuchs für „Schwäbisch Hall“.

Den Eltern von Daniel Weis war es wichtig, sich im Alter etwas leisten zu können, ein Leben ohne finanzielle Sorgen zu führen. Es ging ihnen um Sicherheit, um ihre Sicherheit. Dieses Sicherheitsbedürfnis überlagerte ihr Bedürfnis nach Freiheit und aktiver Gestaltung der Welt. „Die Rente war das große Ziel. Ich glaube nicht, dass ich irgendwann eine Rente bekomme, von der ich leben kann“, sagt Daniel Weis.

Keine Angst vor der düsteren Zukunft

Vor einiger Zeit erschien im „New York Magazine“ ein Artikel unter der Überschrift „The kids are actually sort of alright“. Darin bezeichnet die Autorin Noreen Malone, die Mitte zwanzig ist, ihre Generation als „post-crash“. Sie erzählt Geschichten von Menschen mit hervorragenden Universitätsabschlüssen, die ein Praktikum nach dem nächsten absolvieren, die frustriert zu den Eltern in ihr früheres Kinderzimmer zurückziehen, weil sie keinen Job finden und nicht wissen, wie sie jemals ihre Studienkredite zurückzahlen sollen. Zum ersten Mal in der Geschichte glauben die meisten Amerikaner, dass es dieser Generation nicht besser gehen wird als ihren Eltern. Aber das ist nur der materialistische Blick.

Daniel Weis hat keine Zukunftsangst. Dieses Gefühl hat er hinter sich gelassen, wie man einen Menschen hinter sich lässt, mit dem man für immer gebrochen hat. Er ist pragmatisch. Er sieht die Welt, wie sie ist, unsicher eben. „Die Krisen überschlagen sich“, sagt er. „Es gab auch schwierige Zeiten, als meine Eltern in meinem Alter waren, die beiden Ölkrisen zum Beispiel, aber zwischen den Krisen lagen Erholungsphasen. Die gibt es nicht mehr. Wir haben immer noch ein Erdölleck im Golf von Mexiko. Es strömt nicht mehr so viel Öl ins Meer wie am Anfang, aber es tritt immer noch welches aus. Wir verschieben die Probleme einfach in die Zukunft.“ Zum Beispiel in seine Zukunft.

„Der Mensch ist, wie er ist, man kann die Welt nicht verändern“, sagen seine Eltern. „Doch, das kann man“, sagt Daniel Weis.

Die Elterngeneration dachte nicht global

Er möchte nicht in einer Welt leben, in der jedes Handeln dem Effizienzgedanken unterliegt, weil das System nicht darauf aufgebaut ist, verantwortungsvoll zu agieren, sondern gewinnorientiert. In der Begriffe wie soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit wie Hohn klingen. In der die Politik gigantische Schuldenberge anhäuft, die sie dann schulterzuckend bei der nächsten Generation ablädt. Bei diesem Gedanken, sagt er, komme ihm ein Lastwagen in den Sinn, der ihm tonnenweise Müll vor die Füße kippe. „Als rational denkender Mensch muss man handeln, wenn man eine Zukunft haben möchte. Es bleibt uns keine andere Wahl.“ Dass er sich für die Occupy-Bewegung engagiert, ist nur logisch. Mit den Träumereien eines Utopisten hat das nichts zu tun.

Es ist noch längst nicht entschieden, ob „Occupy“ tatsächlich den Weg in eine bessere Zukunft ebnen wird, aber die Bewegung ist eine Chance für alle, die am Ende nicht chancenlos dastehen möchten. „Ich“, sagt Daniel Weis, „mag keinen kleinteiligen Aktionismus wie Stuttgart 21; es geht hier nicht um ein Stück Kuchen, es geht um die ganze Bäckerei.“ Diese Bäckerei wird gerade geplündert. Vor gar nicht so langer Zeit geschah das schon einmal, das war 2008, aber damals haben die meisten nur irritiert zugesehen.

Als die Eltern von Daniel Weis neunundzwanzig waren, besaßen sie keinen Computer. Ihr Wählscheibentelefon war dunkelgrün, es hatte einen Einheitenzähler und ließ sich abschließen, was die Mutter tat, wenn die Tochter zu viel telefonierte. Beim Frühstück überflogen sie die Zeitung, besonders den Regionalteil, abends sahen sie hin und wieder die „Tagesschau“. Alles, was nicht zu Europa gehörte, empfanden sie als fremd. Was irgendwo in Afrika geschah, betraf sie nicht. Sie dachten nicht global. Sie waren zufrieden. Sie vertrauten dem Sozialstaat und fühlten sich nicht ungerecht behandelt. Die Politik lief scheinbar ganz gut, trotz einiger wirtschaftlicher Probleme erreichte Helmut Schmidts Ansehen 1978 demoskopische Spitzenwerte: Mehr als sechzig Prozent der Bürger beurteilten die Koalition positiv. „Meine Eltern haben in ihrem Leben nie darauf hingearbeitet, eine Gesellschaft zum Positiven zu verändern.“ Sie sind aber auch nicht in einer Zwangslage gewesen. Diese Generation hatte das Glück, in eine Zeit des Friedens und stetigen Wachstums hineingeboren zu sein. Ein historischer Ausnahmefall.

„Irgendwo gibt es einen Ort für mich“

Vielleicht, sagt Daniel Weis, sei das der größte Unterschied zwischen ihnen und ihm. Trotzdem findet er nicht, dass seine Eltern, als sie jung waren, ein besseres Leben führten als er, aber die Gesellschaft, in der sie damals lebten, sagt er, „war wohl menschlicher“. Dennoch würde er nicht mit ihnen tauschen wollen, weil das bedeuten würde, dass er seine Freiheit aufgeben müsste.

Daniel Weis besitzt einen Führerschein, aber kein Auto. Er hat ein Notebook, ein iPhone, ein Outdoor-GPS-Gerät und er ist in sozialen Netzwerken wie Facebook aktiv. Er skypt, chattet, mailt. Sein Bewegungsradius schließt keinen Teil der Welt aus. Wenn er nach Asien, Südeuropa oder auf die pazifischen Inseln reist, übernachtet er in günstigen Unterkünften. Er sagt: „Ich kann mir vorstellen, in Schweden zu leben oder in Neuseeland. Irgendwo gibt es einen Ort für mich, und irgendwo gibt es auch eine Arbeit.“ Das größte Kapital seiner Eltern war ihr Sparbuch. Sein größtes Kapital ist er selbst.

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Jahrgang 1976, Redakteurin im Feuilleton.

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