Duft der Zitrusfrüchte“ - unter derart poetischem Titel konnte man mitten im Januar auf eine Kreuzfahrt ins Tyrrhenische Meer aufbrechen. Genua und die Küste Liguriens, romantische Ausblicke auf Elba und Olivenhaine bei Portofino. Abrupt hat der Winterwind sich gedreht. Der Zitronenduft ist auf tragische Weise dem Leichengestank gewichen. Und einem ganzen Kontinent von Pauschalurlaubern wird auf einen Schlag klar: Ein Riesenhotel mit viertausend Menschen, Diskotheken, Schwimmbädern, Restaurants und Spielcasinos erweist sich am Ende als ein schwer zu navigierendes Schiff voller Rohdiesel, das in Minuten kentern und mit Mann und Maus untergehen kann.
Kreuzfahrten sind in den vergangenen fünfzehn Jahren zu einem Ausflugsvergnügen für jedermann geworden. Wer Lust, Zeit und Geld hat - also fast alle deutschen, holländischen, französischen, italienischen Senioren -, kann für ein paar hundert Euro die Grand Tour der einstigen Luxusreisenden absegeln - ohne jede Mühe mit Unterkunft, Straßen, Restaurants, Eintrittkarten, Fremdsprachen. Von Livorno aus bespielt die internationale Kreuzfahrtflotte den Schiefen Turm von Pisa. Von Neapel aus werden während der Saison täglich Tausende auf Booten für Kürzestbummel nach Capri geschippert. Von Civitavecchia geht es unter generalstabsmäßiger Planung des Marktführers Costa mit Busflotten ins antike Rom. Wenn sich dort morgens um neun vor den Vatikanischen Museen ein halber Kilometer Schlange angestaut hat, wissen alle: Die Kreuzfahrer sind da.
Eine Branche auf Wachstumskurs
In geplagten mediterranen Gemeinwesen wie Venedig, Dubrovnik, Malta kann man miterleben, wie sich die Dimensionen verschieben. Wenn auf einen Schlag zehntausend Menschen aus drei, vier ankernden Hotelschiffen in die engen Gässchen der Altstadt einfallen, allesamt geballt in grimmigen Hundertergruppen hinter bunten Schildern, dann ist für niemanden mehr ein Durchkommen. Dass die friedliche Kreuzfahrerei für etliche Orte eine Gefahr darstellt, ist am Beispiel von Dubrovnik bereits wissenschaftlich erforscht worden. In Venedig kämpfen Lokalpolitiker gegen die fotogene Passage durch den Canale della Giudecca entlang Dogenpalast und Markusdom, weil die vielstöckigen Dampfer mit ihrem Tiefgang tausendjährige Fundamente unterhöhlen und bei einem Motorschaden locker ganze Kais, Kirchen und Paläste wegradieren würden. Eine ähnlich überflüssige Paradefahrt war es wohl auch, die am Freitag, dem Dreizehnten, die „Costa Concordia“ zum Scheitern brachte.
Doch was richten alle Bedenken von Denkmalschützern und Ökologen gegen die schiere Finanzmacht des boomenden Gewerbes aus? Auf die sechsstelligen Liegegebühren pro Tag möchte keine darbende Stadtkasse verzichten, von den Heuschreckenschwärmen der Hurtigtouristen leben Nippesverkäufer und Busfahrer. Mit sagenhaften Zuwächsen von jährlichen zehn, fünfzehn Prozent hat die Branche die mediterrane Idylle sogar noch dem Prekariat zugänglich gemacht.
Das ist eine für die Kunden positive Begleiterscheinung zweier Riesenprobleme europäischer Gesellschaften: gemeinsame Währung und Überalterung. Der Euro beschert den Touristikkonzernen die Valuta-Bequemlichkeit bis nach Kreta, Las Palmas und Madeira; die galoppierende Vergreisung sorgt für einen bis ins Grab treuen Kundenstamm. Am Ende landet der Profit zwar bei der globalen Muttergesellschaft in Miami, doch gehört heute bei uns die Kreuzfahrerei durch ein konsequent diversifiziertes Angebot fest zum Lebensstil fideler Achtzig- oder Neunzigjähriger. Konzerne wie Costa haben eine schwimmende Altentagesstätte auf dem Mittelmeer errichtet, auf dem in der Hochsaison eine ganze deutsche Großstadt die sinkende Capri-Sonne feiert.
Jetzt zum Sonderpreis!
Dass es sich bei solch einer Sekt- und Kaffeefahrt um eine unwägbare Seereise handelt, vermögen die Veranstalter hinter ihren poetischen Titeln wacker zu verschleiern. Das scheinbar harmlose Mittelmeer gehört unter Kapitänen wegen wechselnder Winde zu den unbequemsten Revieren. Wenn dann wie unlängst vor Barcelona eine Kawenzmannwelle ein ganzes Café samt Gästen aus dem siebten Stock weghaut oder nun ein Hotelschiff unter einem unfähigen Capitano absäuft, so dürfte die Branche dies nicht langfristig schädigen. Im Preiskampf der Linien ist der Aufwand nicht nur für Last-Minute-Touren zuletzt immer weiter gesenkt worden. Ob sich eine Mannschaft aus Südamerikanern und Filipinos ohne Sprachkenntnisse auch für Rettungsmanöver eignet, ist da weniger wichtig als billige Saläre.
Wer also Lust auf Frühlingsluft verspürt, kann jederzeit wieder in See stechen. „Le isole del sole“ (Inseln der Sonne) heißt die Tour, die Costa ab morgen zum Sonderpreis anbietet. Für schlappe 630 Euro elf Tage westliches Mittelmeer, dann Casablanca bis Teneriffa und hoffentlich retour.