11.08.2006 · Wie rekrutieren Terrorgruppen ihre Attentäter? Junge Muslime aus Großbritannien wenden sich von der Gesellschaft ab und folgen den Lehren dubioser Haßprediger. Ein Bericht aus London und Beirut von Souad Mekhennet.
Wenig mehr als ein Jahr nach den Anschlägen vom 7. Juli 2005 in London ist dort eine Gruppe festgenommen worden, die Bomben in Flugzeuge schmuggeln wollte. Wie rekrutieren Terrorgruppen ihre Attentäter? Souad Mekhennet, regelmäßige Mitarbeiterin dieser Zeitung, ist der Frage kurz nach dem 7. Juli sowohl in London als auch in Beirut nachgegangen. Ihr Bericht, den wir hier vorab veröffentlichen, stammt aus dem von ihr, Claudia Sautter und Michael Hanfeld, dem Medienredakteur dieser Zeitung, verfaßten Buch „Die Kinder des Dschihad - Die neue Generation des islamistischen Terrors in Europa“, das am 23. August im Piper Verlag, München, erscheinen wird. (F.A.Z.)
Von Souad Mekhennet
London im Juli 2005: Kurz nach den Anschlägen auf U-Bahnen und einen Bus, die sechsundfünfzig Tote forderten, lud die islamistische Hizb-ut-Tahrir (Partei der Befreiung) zu einer Konferenz ins Royal National Hotel. Im Saal drängten sich mehr als tausend junge britische Muslime, die ein politisches Signal setzen wollten: „Speaking against Bush and Blair's foreign policy is not Terrorism“ - wer gegen den Irakkrieg protestiert, ist kein Terrorist, so stand es auf dem Transparent über dem Podium. Die Veranstaltung schlug hohe Wellen in der Öffentlichkeit. Wie konnten junge Muslime ausgerechnet jetzt über die Außenpolitik Amerikas und Großbritanniens zu Gericht sitzen, wo doch aus ihren Reihen der Terror kam? Medien und Politiker hatten eine Verurteilung der Selbstmordattentate erwartet, keine Anklage.
Frauen und Männer saßen getrennt im Konferenzsaal. Bis auf eine trugen alle Kopftuch und lange Mäntel. Um so mehr fiel die junge Frau auf. Sie war geschminkt, trug Jeans und eine eng anliegende Bluse. Beauty, erfuhren wir, ist zwanzig Jahre alt, Psychologiestudentin, und ihre Eltern stammen aus Bangladesch. Als einer der Gastredner mit eindringlichen Worten das Leid der Muslime in Palästina, Tschetschenien, Afghanistan und im Irak beschrieb, brachen die Zuhörer in einen leidenschaftlichen Ruf aus: „Allah hu akbar! Allah hu akbar!“ Was suchte diese schöne junge Frau auf dieser Veranstaltung?
Bürgerin zweiter Klasse
„Ich bin hier, weil ich sauer bin.“ Beauty sagt das mit leiser, sanfter Stimme, die so gar nicht zur aufgewühlten Atmosphäre im Saal passen will. „Warum soll ich mich für das vergossene Blut von Briten entschuldigen? Wer entschuldigt sich denn für die Toten in der islamischen Welt?“ Für Beauty waren die Londoner Anschläge ein Erweckungserlebnis. Seither weiß die Zwanzigjährige, daß sie nicht zur britischen Mehrheitsgesellschaft gehört, sondern „Bürgerin zweiter Klasse“ ist. Bis zum 7. Juli, dem Tag des ersten Anschlags in London, war sie keine praktizierende Gläubige. Religion spielte in ihrem Leben keine Rolle. Danach sehr wohl. Erst als in der britischen Öffentlichkeit alle Muslime unter Generalverdacht gerieten, entdeckte Beauty den Islam. Aber nicht den traditionellen, unpolitischen Glauben ihrer Eltern aus Bangladesch, sondern den selbstbewußten, fordernden, wehrhaften, politischen Islam, wie ihn Hizb-ut-Tahrir vertritt.
Ihre Eltern wollten nicht, daß sie zu dieser Konferenz ging. Schon gar nicht in der aufgeheizten Atmosphäre nach den Anschlägen. Du sollst nicht auffallen! Du sollst dich anpassen! Neunzehn Jahre lang hatte Beauty auf die Mahnungen ihrer Eltern gehört. Seit dem 7. Juli nicht mehr. Ihre Eltern lebten die klassische Rollenteilung. Der Vater ist Fabrikarbeiter, die Mutter Hausfrau. Sie sparten jeden Penny, um den Kindern eine Karriere im Land der ehemaligen Kolonialherren zu ermöglichen. Beauty durfte selbstverständlich auf Klassenfahrten, zum Schwimmunterricht und zu Partys ihrer weißen Schulfreundinnen. Sie sollte dazugehören. Jetzt will Beauty aber nicht mehr dazugehören: „Ich bin Muslima. Der Westen arbeitet gegen meine Religion.“ Sie denkt jetzt sogar darüber nach, Kopftuch zu tragen, denn Frauen, die sich Hizb-ut-Tahrir anschließen, müssen es tun. Auch das wird ein Bruch mit der Familie. Ihre Mutter trägt in Großbritannien nie den Hijab.
Von den Idealen ihrer Eltern losgesagt
An diesem Tag saßen im Royal National Hotel über eineinhalbtausend junge britische Muslime, die sich wie Beauty von den Idealen ihrer Eltern losgesagt haben. Für die Beobachter dieser Konferenz lag die Parallele zu den Attentätern vom 7. Juli auf der Hand. Auch diese hatten sich in einem Akt gewalttätiger Dissidenz von der Welt ihrer Eltern gelöst. Sie waren junge muslimische Männer, die sich aus politischen und religiösen Gründen von der britischen Gesellschaft losgesagt hatten. In ihrer Weltsicht waren die Attentate ein Akt der „Selbstverteidigung“, obwohl weder sie noch ihre Familien angegriffen wurden. Sie verteidigten stellvertretend ihre muslimischen „Brüder und Schwestern“ im Irak und Afghanistan, wo britische Truppen an der Seite der Vereinigten Staaten kämpfen. Und sie hielten es für ihre persönliche Pflicht, den Dschihad in U-Bahnen und Busse zu tragen.
Leeds im Juli 2005. In den muslimischen Vierteln geht die Angst um. Allen ist klar: Zwischen den Welten der weißen Briten und ihrer dunkelhäutigeren Nachbarn sind die Gräben noch tiefer geworden. Aber klar ist auch: Selbst zwischen den Generationen der muslimischen Einwanderer verläuft ein Graben, und diese Erkenntnis ist seit den Anschlägen nicht mehr zu verdrängen. Die Älteren schämen sich für die Selbstmordattentate und suchen die Schuld bei sich. Ihre in Großbritannien geborenen Kinder weisen anklagend auf Downing Street No. 10. Dort, im Amtssitz des Premierministers, seien die eigentlich Schuldigen zu suchen.
Kreuzzug gegen den Islam
Wir treffen Ahmad, einen engen Freund des Londoner Selbstmordattentäters Germaine Lindsay. Seine Familie stammt aus Ägypten. Er ist vierundzwanzig Jahre alt, möchte Bauingenieur werden und studiert an der Universität von Leeds, wo er aufgewachsen ist. Mit ruhiger Stimme trägt er uns seine Theorie der Ereignisse vor. „Die Drahtzieher sitzen in der Regierung. Sie fabrizieren Anschläge, um die Menschen gegen Muslime aufzubringen. Denn der Islam steht der Globalisierung im Weg.“ Mit Fakten ist Ahmad nicht zu überzeugen. Seinen Fernsehapparat hat er schon vor längerer Zeit weggegeben, britische Tageszeitungen liest er ohnehin nicht, denn aus seiner Sicht verbreiten sie nur gedruckte Lügen. Er informiert sich ausschließlich auf islamischen Websites und durch den Fernsehsender Al Dschazira. Die Anschläge von London haben seine Weltsicht lediglich bestärkt: „Der Westen führt einen Kreuzzug gegen den Islam.“
Wir fragen Ahmad nach seiner Definition von Terrorismus: „wer andere unterwirft und unterdrückt, so wie Bush und Blair“. Hat er Mitleid mit den Opfern der Anschläge? „Was in London passiert ist, war Irrsinn. Aber im Irak sterben jeden Tag Dutzende Muslime. Wer hat Mitleid mit ihnen?“
Wer Ahmad in Leeds auf der Straße begegnet, könnte ihn für einen Graffitisprayer halten oder für einen Wiedergänger von Che Guevara. Gegen den Modetrend seiner Altersgenossen trägt er schulterlange lockige Haare, weite Jeans und bunte Hemden. Er sieht nicht aus wie der Prototyp des Islamisten. Doch seine Gedankenwelt ist genauso hermetisch verriegelt wie ihre. Wir verabschieden uns von Ahmad mit dem bangen Gefühl, daß dieser sympathisch wirkende junge Brite an einer Wegscheide steht.
Ein Haßprediger weniger
Nach den Anschlägen konzentriert sich ein Teil der Ermittlungen und der Medienberichterstattung auf die geistigen Brandstifter. Hatten die Attentäter Kontakte zu „Haßpredigern“ in London? Hatten sie dort die einschlägigen Moscheen besucht? Einer der Verdächtigen war Omar Bakri Mohammed, ein aus dem Libanon stammender siebenundvierzigjähriger Vater von sieben Kindern, der von britischer Sozialhilfe lebte. Auf Websites, Chatrooms und in privaten Zirkeln ermutigte er junge britische Muslime, sich dem „globalen Dschihad“ anzuschließen, da Amerika und Großbritannien einen Krieg gegen die islamische Welt führten. Uns gegenüber stritt er allerdings ab, zu Anschlägen in England aufgerufen zu haben. Für die englische Boulevard-Presse war Bakri dennoch schuldig. Auf der Titelseite der „Sun“ stand in dicken Lettern unter seinem Photo: „Send him bak.“ Das war kein Druckfehler, sondern ein Wortspiel mit seinem Nachnamen Bakri. Der drohenden Ausweisung entzog er sich Ende Juli 2005 durch Flucht in sein Herkunftsland. Die Öffentlichkeit atmete auf: Ein Haßprediger weniger und auch weit genug weg!
Doch seine Jünger sind immer noch auf der Insel, und man kann sie nicht ausweisen, weil sie gebürtige Briten sind. Ihr Meister lebt zwar jetzt in Beirut, aber seine Lehre wird durch seine Anhänger weiterverbreitet. Als wir Omar Bakri in der libanesischen Hauptstadt aufsuchten, hatte er gerade „Urlaubsgäste“ aus London. Was wollten sie in Beirut? Suchten sie geistigen Zuspruch vom Lehrmeister? „Wir lernen bei ihm Arabisch“, antwortet einer mit dünnem Lächeln, und wir verstehen das so: „Shaikh“ Omar Bakri Mohammed hat im Libanon keine Lizenz zum Predigen.
Wer der Chef ist, wird sofort klar
Er erscheint mit zwei Begleitern zum Gespräch in der Lobby des Crown Plaza. Mit langen Gewändern und Bärten fallen sie in dem Hotel mit internationalem Publikum aus dem Rahmen, sie ziehen fragende Blicke auf sich. Der Shaikh genießt diese Aufmerksamkeit, offenbar will er Aufsehen erregen. Wer der Chef ist, wird sofort klar. Erst als er Platz genommen hat, setzen sich auch die anderen.
Bakri verbrachte die meiste Zeit seines bisherigen Lebens im Exil, zuerst in Saudi-Arabien und danach in Großbritannien, wo er sich als „Haßprediger“ einen Namen machte. Das war auch dem libanesischen Geheimdienst nicht verborgen geblieben, und man lud ihn gleich nach seiner Ankunft im Sommer 2005 zu einem „Gespräch“ vor. Bakri erzählt die Geschichte so: „Die Beamten boten mir Kuchen, Süßigkeiten und Eiscreme an, und sie waren von ausgesuchter Liebenswürdigkeit.“ Ob er denn tatsächlich, wie die englische Presse behaupte, ein „Haßprediger“ sei? „Ich konnte sie davon überzeugen, daß ich keiner bin und die britischen Medien lügen.“
„Bakri-Tourismus“ hat immer noch Konjunktur
Der libanesische Geheimdienst erzählt es ein bißchen anders. Man habe ihm unmißverständlich deutlich gemacht, daß Beirut nicht London sei und Aufrufe zum Dschihad oder Haßreden gegen andere religiöse Gruppen nicht geduldet würden. Omar Bakri hat die Warnung wohl verstanden und sieht von öffentlichen Auftritten ab. Er bringt seine Botschaften anders ans Volk. Als „Stadtführer“ und „Sprachlehrer“ führt er Besucher aus Großbritannien durch die Palästinenserlager in Beirut, und bei diesen Exkursionen ist der libanesische Geheimdienst nicht dabei. Erst als der britische Auslandsgeheimdienst mißtrauisch wurde und sich bei den libanesischen Kollegen über Bakris „Stadtführungen“ erkundigten, reagierte man in Beirut. Vier britischen Touristen wurde nahegelegt, schnellstmöglich nach London zurückzukehren. Doch der „Bakri-Tourismus“ hat immer noch Konjunktur, wie wir bei unserem Besuch feststellen.
Einer der Begleiter des Shaikhs ist der sechsundzwanzig Jahre alte Umran aus Birmingham. Er hat schon als Jugendlicher Bakris Predigten in London gehört und wurde bald Mitglied seines Zirkels. „Ich war fünfzehn und auf der Suche nach meiner Rolle im Leben“, sagt er. Von Bakri habe er gelernt, daß er den Islam verteidigen und andere zum wahren Glauben bekehren müsse. Mit der Missionierung hat er zunächst in seiner Familie begonnen. Seine beiden älteren Schwestern überzeugte er davon, das Kopftuch zu tragen, die fünf täglichen Gebete zu verrichten und bei Feiern nicht mehr mit männlichen Verwandten in einem Raum zu sitzen.
Die wahren Führer der muslimischen Nation
Aber nicht nur Bakri zählt zu seinen Vorbildern. Schwärmerisch schildert er uns, was er an Usama Bin Ladin bewundert, den er auch als „Shaikh“ tituliert: „Er müßte als Millionär nicht in einer Höhle in Afghanistan leben. Aber er hat den Luxus geopfert, um für die Muslime und deren Recht zu kämpfen. Ihn und Abu Musab Al Zarqawi betrachte ich als die wahren Führer der muslimischen Nation.“ Viele seiner Altergenossen, selbst wenn sie nicht praktizierende Gläubige sind, sähen das genauso. Jedes Bild von weinenden und verzweifelten Muslimen in Palästina oder im Irak steigere seine Wut, „und ich frage mich, was kann ich dagegen tun“.
Umran erklärt es uns so: Er sei wie ein Ballon, in den täglich mehr Druck gepumpt werde und der irgendwann platze. Diese Wut hält er jetzt im Zaum, ruhig liegen seine Hände im Schoß, und er spricht mit gelassener, gleichmäßiger Stimme - wie sein Vorbild Bin Ladin, der auf Videobotschaften ebenfalls bedächtig auftritt.
Das irdische Leben ist kurz
Wir fragen ihn nach seiner Meinung zu den Anschlägen in London. „Ich verstehe, warum sie es getan haben, denn ich bin als in Großbritannien geborener Muslim in der gleichen Situation wie sie. Ja, ich kann mich mit den Attentätern sehr gut identifizieren.“ Umran hat Frau und Tochter in Birmingham und sein Leben noch vor sich. Doch diese Zukunft zählt nicht für ihn: „Das irdische Leben ist kurz, und erst danach kommt das wirkliche.“
Neben ihm sitzt der einundzwanzigjährige Salim, der ebenfalls aus Birmingham gekommen ist. Er ist einer der jüngsten unter Bakris Anhängern, und Umran ist stolz darauf, daß er ihn auf den „richtigen Weg“ und jetzt nach Beirut gebracht hat. „In Birmingham kümmere ich mich nämlich intensiv um unsere Jugendlichen, damit sie ihre Identität als Muslime finden.“
Während er uns das erzählt, hört sein Meister mit wohlgefälliger Miene zu. Er nickt zustimmend, als Umran schildert, wie er in Birmingham, also unter „Ungläubigen“, versucht, die „wahre Religion“ zu praktizieren. Sie hat ihm nicht verboten, Informatik zu studieren, aber offenbar ein Bankkonto zu führen - „ich lehne den Kapitalismus ab“. Als wir ihn fragen, wie er in Großbritannien ohne Konto existieren könne, gibt er keine nähere Auskunft.
Auch Spanien muß befreit werden
Nach Beirut ist er jedenfalls gekommen, um sich von seinem Shaikh weitere Anweisungen zu holen. Im Hotel Crown Plaza erhält er eine Geschichtslektion: Nicht nur Palästina muß befreit werden, sondern auch jene Regionen Spaniens, die bis zum fünfzehnten Jahrhundert das arabische Al Andalus waren. Außerdem große Gebiete Zentralasiens und natürlich Südosteuropa, das bis Ende des neunzehnten Jahrhunderts zum Osmanischen Weltreich gehörte.
Nach drei Stunden gibt Omar Bakri ein Zeichen, daß das Gespräch nun zu Ende sei. Während wir gemeinsam das Hotel verlassen, sagt er wie beiläufig: „Als ich noch in England lebte, habe ich die jungen Menschen davon abgehalten, dort Anschläge zu verüben. Aber jetzt habe ich darauf keinen Einfluß mehr.“
Die drei steigen in ein Taxi. Omar Bakri wird in Beirut bleiben müssen. Umran und Salim werden nach Birmingham zurückfliegen und dort die Lehren ihres Meisters weiterverbreiten.
Terrorismus
Hofmann Wolfgang (flieger09)
- 11.08.2006, 12:37 Uhr
Die Kinder des Terrors
Rainer Thesen (RainerThesen)
- 11.08.2006, 12:38 Uhr
Die Spirale der Gewalt (Phantom Menace)
Karsten Krug (kkrug)
- 11.08.2006, 13:06 Uhr
Lieber Rainer,
Werner Hannappel (Brooce)
- 11.08.2006, 14:02 Uhr
Reaktionen
Klaus Steffen (krs)
- 11.08.2006, 14:03 Uhr