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Veröffentlicht: 05.08.2008, 17:12 Uhr

Die Karriere des Tayyip Erdogan Der Realo aus dem Hafenviertel

Die alte türkische Elite hat vergeblich versucht, die politische Karriere des türkischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan zu verhindern - für sie ist er ein Mann ohne Intelligenz und Kultur. Mit Pragmatismus überwand Erdogan jedoch alle politischen Widerstände. Ein Porträt.

von , Istanbul
© picture-alliance/ dpa Gegen viele Widerstände nach oben: der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan

Beide sind in Istanbul geboren, jeder von ihnen verkörpert eine andere Phase der Republik: Bülent Ecevit, Jahrgang 1925, führte fast ein halbes Jahrhundert die türkische Linke, auch als diese keine Linke mehr war. In der Generation nach Ecevit wurde Tayyip Erdogan, Jahrgang 1954, der Hoffnungsträger jener Türken, die bisher ausgeschlossen waren und nun ihren Platz in der Republik einforderten. Kein Zufall war es daher, dass Ecevit das Amt des Ministerpräsidenten nahezu nahtlos an Erdogan übergab, unterbrochen von vier Monaten, in denen Gül ihn vertrat.

Rainer Hermann Folgen:

Ecevit und Erdogan wurden beide in Istanbul geboren. Jeder aber in einem anderen Istanbul. Ecevits Vater war Professor, seine Mutter eine bekannte Malerin, der Sohn besuchte am Bosporus das Robert College, das englischsprachige Gymnasium der Elite. Der Vater vertrat Atatürks „Republikanische Volkspartei“ im Parlament, der Sohn setzte seine Studien in London fort. Tayyip Erdogan stammt aus einem anderen Istanbul. Sein Vater Ahmet war als Dreizehnjähriger mittellos aus der Schwarzmeerstadt Rize nach Istanbul gekommen. Er ließ sich im Hafenviertel Kasimpaa am Goldenen Horn nieder, einem der am wenigsten angesehenen Viertel der Metropole. Von dort blickt man hoch nach Pera, wo an der vornehmen Istikll Caddessi die feinen Leute residieren und flanieren. Ahmet Erdogan verdiente seinen Lebensunterhalt als Seemann. Er war fromm, streng, autoritär.

Zwischen Fußball und Studium

Am 24. Februar 1954 erblickte sein Sohn das trübe Licht des Viertels. Als ersten Vornamen gab er ihm den Namen Recep, Rufname wurde jedoch Tayyip, der zweite Vorname. Erst besuchte Tayyip Erdogan die Grundschule von Kasimpaa, dann wechselte er auf die andere Seite des Goldenen Horns in eine islamische „Imam-Hatip-Schule“. Das Gehalt des Vaters reichte nicht, und der Sohn musste als Straßenverkäufer das Einkommen der Familie aufbessern.

erdogan 02 © picture-alliance/ dpa Vergrößern Im Beisein der britischen Königin demonstriert Erdogan seine fußballerischen Fähigkeiten.

Erdogan verehrte seinen Vater. Später hatte er sich immer wieder selbst als Kapitän beschrieben, der ein Schiff aus einem Sturm herausführen könne. Zunächst wurde der hochgewachsene Athlet in seinem Viertel Fußballspieler, bald wurden auch Profimannschaften auf den Mittelstürmer aufmerksam. „Imam Beckenbauer“ riefen ihm die Fans nach. Fenerbahçe Istanbul wollte ihn verpflichten. Erdogan entschied sich aber für ein Studium: Von 1973 an studierte er Betriebswirtschaftslehre an der Istanbuler Marmara-Universität.

Basisarbeit für den politischen Aufstieg

Zurück in Kasimpaa, arbeitete er in einer Wurstfabrik als Buchhalter, bald wurde er ins Management berufen. Seine Nachbarn schildern ihn als frommen Muslim, dem die Menschen vertrauten und den sie um die Schlichtung von Streit baten. Erdogan war ein guter Redner. 1969 trat er in die Jugendorganisation von Erbakans „Partei der Nationalen Ordnung“ (MNP) ein und stieg rasch auf. Obwohl seine neuen Parteifreunde irritiert waren, dass er sich in unislamisch kurzen Sporthosen zeigte und im Verein keine politische Propaganda betrieb.

Im Jahr 1975 wurde er Vorsitzender des Jugendverbands von Erbakans „Nationaler Heilspartei“ im Istanbuler Stadtteil Beyoglu, zu dem Kasimpaa gehört. 1976 wurde er Vorsitzender des Jugendverbands für ganz Istanbul. Er baute sich langsam eine Basis auf, und so nominierte ihn Erbakans „Wohlfahrtspartei“ (RP) 1994 zu ihrem Kandidaten für das Amt des Oberbürgermeisters. Da sich vier aussichtsreiche Kandidaten der traditionellen Parteien die Stimmen untereinander wegnahmen, reichten ihm sechsundzwanzig Prozent zum Sieg. Erdogan war gerade vierzig Jahre alt. Von da an war er ein fester Bestandteil der türkischen Politik.

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