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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Die infantile Gesellschaft Aus Leuten werden Kinder

Hol’ dir die krassen Sachen, sofort, und lass’ es alle wissen: Digitalisierung und Wachstumswahnsinn beschleunigen eine regressive Entgrenzung, die das Erwachsensein zur Kindheit mit Kreditkarte pervertiert.

© DB Vergrößern In der aktuellen Werbung der Bahn ändert sich in 20 Jahren lediglich die Länge der Person

Zwei willkürlich aus dem Alltag herausgegriffene Beobachtungen: In Mannheim parkt ein Auto, das auf der Heckscheibe einen Aufkleber hat, „Opa&Oma 2012 - Diego Michael“. Offensichtlich sind die Fahrer gerade Großeltern geworden. Die vier Auspuffe des auch sonst stark aufgemotzten weißen Mercedes lassen eher auf hedonistische Halbstarke schließen. In einem Zug Richtung Berlin nehmen zwei Männer zwischen fünfzig und sechzig Jahren Platz, klappen ihre Laptops auf und beginnen, jeder für sich, aber sich gegenseitig und lautstark immer wieder ihres Vergnügens versichernd, mit ihren Computerspielen; ihre Uniformen weisen sie als Polizeibeamte aus.

Edo Reents Folgen:  

Die Leute werden immer infantiler. An solchen Vorfällen ist natürlich nichts „schlimm“. Trotzdem sind sie alarmierend. Sie markieren eine gesellschaftliche Tendenz hin zu einem Verhalten, das man früher als kindisch bezeichnet hätte, das heute aber, weil es so verbreitet ist, kaum noch als solches auffällt: Mitteilungsdrang gegenüber Fremden, Indiskretion; ein gewisser Zeigestolz; der Hang, seinen Spiel- und Zerstreuungsbedürfnissen zu fast jeder Zeit und ohne Rücksicht auf die Umgebung nachzugehen.

„Wir amüsieren uns zu Tode“

Diesen Eigenschaften, die auf die fortlaufende Preisgabe des Privaten, Persönlichen hinauslaufen, ist etwas ausgesprochen Übergriffiges gemeinsam; man kann ihren Äußerungen nicht entkommen. Kindern muss man vor allem eines beibringen: Grenzen. Erst sie gewährleisten, über den Schutz nach außen, eine intakte Persönlichkeit. Diese Erziehung wird von einer immer indiskreter werdenden Öffentlichkeit rückgängig gemacht.

Unter „infantil“ wird jeder etwas anderes verstehen; einigen aber kann man sich vielleicht auf Zuschreibungen, die sich im Umkehrschluss aus denen ergeben, die Neil Postman vor dreißig Jahren für erwachsenes Verhalten vorgenommen hat: die „Fähigkeit zur Selbstbeherrschung und zum Aufschub unmittelbarer Bedürfnisbefriedigung, ein differenziertes Vermögen, begrifflich und logisch zu denken, ein besonderes Interesse sowohl für die historische Kontinuität als auch für die Zukunft, die Wertschätzung von Vernunft und gesellschaftlicher Gliederung.“

Für seine These vom „Verschwinden der Kindheit“, wie sein neben „Wir amüsieren uns zu Tode“ bekanntester Buchtitel heißt, arbeitete Postman sich vor allem am Fernsehen ab, das seiner Ansicht nach dazu führte, dass die einstmals getrennten Sphären des Kindlichen und des Erwachsenen über die so gut wie nichts mehr aussparenden Fernsehprogramme miteinander verbunden werden und es keine Sphäre des Unwissens und der Unschuld, des Kindlichen eben, mehr gibt.

Mit den Enkeln auf Popkonzerte

Die Kinder wurden also durch Wissen, das ihnen noch gar nicht adäquat war, frühreif. Kinder und Erwachsene hatten dadurch eine viel größere Schnittmenge aus Informationen und Erlebnissen, Kindheit war nichts spezifisches, nichts spezifisch Unschuldiges mehr; deswegen „verschwand“ sie.

So lautete Postmans Diagnose. Heute stehen wir vor einem anderen Befund: Wir alle werden zu Kindern; die Sphäre der Erwachsenen, die von Vernunft, Selbstbeherrschung, Diskretion und allgemein von situativer Rücksicht gekennzeichnet ist, schwindet wie die Polkappen. Und zwar ist diese Infantilisierung, anders als früher, jetzt nicht mehr nur inhaltlich greifbar, sondern auch strukturell.

Es geht nicht mehr nur darum, dass sich unter den meistgelesenen Büchern und den meistgesehenen Filmen immer mehr solche für Kinder und Jugendliche finden, was schon bedenklich genug ist; oder, dass ältere Leute mit ihren Kindern und sogar Enkeln auf Popkonzerte gehen und mit ihrer Kleidung einen auf jugendlich machen. Es geht inzwischen um Verhaltensstrukturen und -muster, das Wie, nicht das Was.

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