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Die Grünen : Folgt uns!

Die Welt der Grünen ist idyllisch, denn sie haben recht. Wirklich? Bild: plainpicture/Millennium/Rosa Bas

Die Geschichte hat den Grünen recht gegeben. Das ist ihr größtes Problem. Das zeigt sich jetzt, 182 Tage vor der Wahl: Das Tor zur Macht bleibt für die Partei der Nettigkeiten verschlossen.

          Es sind an diesem Sonntag noch 182 Tage bis zur Wahl, und wie es aussieht, werden das gute Tage für die Grünen werden, so wie auch die vergangenen Wochen gute Wochen für die Grünen waren. Die anderen Parteien streiten und ringen mit sich selber um den Atomausstieg, die Rechte homosexueller Paare; sie zweifeln an der Autorität des freidemokratischen Parteivorsitzenden oder der Volkstribunenhaftigkeit des sozialdemokratischen Spitzenkandidaten. Sie sind zerstritten, verkracht und immer wieder ratlos. Und währenddessen sind die Grünen sich einig, dass sie einig sind. Sie streiten nicht miteinander, sie streiten noch nicht einmal mit den anderen. Sie geben höchstens Noten. Sie haben, wenn sie in die Öffentlichkeit treten, immer die Gewissheit im Gepäck, dass die jüngere Geschichte ihnen grundsätzlich recht gegeben hat.

          Sie hatten immer Recht, aber was bringt ihnen das?

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Sie hatten recht, als sie gegen die Atomkraft kämpften, sie hatten recht, als sie für eine andere Landwirtschaft stritten und für einen anderen Umgang mit den Ressourcen. Sie wussten ein Jahrzehnt früher, dass Deutschland ein Einwanderungsland sei, und als sie sich noch für die Technik und deren Kritik interessierten, da hatten sie wohl auch eine Ahnung davon, wie viel Überwachung und Kontrolle die miteinander vernetzten Computer bringen würden.

          Sie haben grundsätzlich recht bekommen, und wer sich jetzt fragt, was das Problem dabei sei, dem muss man antworten: Genau das ist das Problem.

          In der vergangenen Woche saß Jürgen Trittin, der grüne Spitzenkandidat, in den Talkshows von Anne Will und Maybritt Illner und hatte, wie immer, recht. In der einen ging es um die Zypern-Krise, in der anderen um die Energiewende, und Jürgen Trittin blieb ruhig und höflich, war angemessen seriös gekleidet und sagte Sätze wie „Da kann ich der Kanzlerin nur zustimmen“, sprach Wörter wie „Netzumlagehöhen“ absolut fehlerfrei aus und machte insgesamt den Eindruck eines hochkompetenten Politikers. Mit Peter Altmaier, dem Umweltminister und politischen Gegner, der ihm bei Maybritt Illner gegenübersaß, stritt er nicht: Er korrigierte ihn höchstens, und er lächelte dabei so hintergründig, als wüsste er schon, dass man diesem Mann noch ein bisschen Zeit geben muss, bis der den Erkenntnisstand seines Vorvorgängers erreicht haben wird. Und falls Jürgen Trittin dabei ungeduldig wurde, dann merkte man es ihm kaum an.

          Dort, wo man gewissermaßen unter sich ist, unter Mitgliedern, Anhängern und den Leuten, die das tun, was man in den sozialen Netzwerken „folgen“ nennt, dort klingt das schon ein bisschen anders. Jeden Tag weist Jürgen Trittin auf Twitter darauf hin, dass im Internet der sogenannte „Abwahlkalender“ steht, der jeden Tag einen weiteren Grund dafür nennt, dass die schwarz-gelbe Koalition nicht wiedergewählt werden dürfe. Am gestrigen Samstag ging es darum, dass zu wenig fürs Stromsparen getan werde; dass am Abend aber, im Rahmen der „Earth Hour“, die Lichter gelöscht werden sollten. Und dass am 22. September aber ein Licht aufgehen werde.

          Katrin Göring-Eckardt, die grüne Spitzenkandidatin, kann, wenn sie twittert, ihre Unduldsamkeit kaum zügeln. Kaum stellt Rainer Brüderle den Solidaritätszuschlag in Frage, da weiß sie, dass solche Typen von Solidarität eben keine Ahnung haben. Und wenn der eine oder andere Christdemokrat zu erkennen gibt, dass er mit einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts hadert, dann kommentiert sie das so: „Die CDU meckert am Verfassungsgericht rum. Warum nicht gleich an der Verfassung?“

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