07.10.2007 · Als einziges Kulturereignis von Weltrang ist die Frankfurter Buchmesse Deutschlands Hollywood. Die Aussicht, daran teilzunehmen, ist für manche Schriftsteller eine Verheißung, für andere eine Drohung - auf jeden Fall aber ein Gebot. Péter Zilahy über die göttliche Frankfurter Buchmesse.
Von Péter ZilahyEs ist die Ironie der Frankfurter Buchmesse, dass diese überwältigende, wie geschmiert funktionierende, Milliarden Dollar schwere Maschinerie auf der prosaischen Tatsache beruht, dass die Menschen auch heute noch nicht lesen können. (Ganze Imperien wurden schon aus viel windigeren Luftschlössern erbaut.) Ich möchte mich jetzt nicht um Kopf und Kragen schreiben, indem ich die Frankfurter Formel der göttlichen Offenbarung anzweifle, wonach die Verkaufszahlen nicht lügen.
Sie lügen nicht. Doch der Buchdruck und die Volksbildung haben gezeigt, dass man das Lesen nicht lehren kann, wie auch niemand übersetzen kann, nur weil er eine andere Sprache spricht. Da man unmöglich alles lesen kann, hat man uns von der Meinungsbildung geradezu entbunden. Es reicht, die Kritiken zu überfliegen oder unsere gutinformierten Freunde zu fragen, wie weiland in der Schule unsere Banknachbarn, worum es denn in dem gerade aktuellen bildungsverpflichtenden Wälzer geht.
Himmelstürmende Erwartungen
Ein ganzer Wirtschaftszweig beruht auf dem Bestreben, das geeignete Buch für uns auszuwählen oder uns zumindest vorzuhalten, was wir versäumt haben. Wenn die gebildeten Bürger acht bis zehn Sprachen spielerisch beherrschten, wäre der internationale Buchmarkt mit seinen alternden und altklugen Primadonnen, den Staragenten, den allwissenden Scouts, den Vertriebsabteilungen der Verlage, den himmelstürmenden Erwartungen und den saisonal wiederkehrenden Gerüchten des Zusammenbruchs nicht zustande gekommen, sondern, oh Wunder, mein geneigter Leser, du würdest, in der Badewanne wohlig entspannt, die Perlen der Weltliteratur im Original genießen. Und die Literatur der kleinen Sprachen würde sich - wie ein Mückenfurz im globalen Sturmwind, nicht zu riechen, nicht zu hören, kaum zu erahnen - weiter nur im wohlwollenden Windhauch der nationalen staatlichen Förderungen wiegen, so wie die Literatur der kleinen Sprachen sich heute schon nur im wohlwollenden Windhauch der staatlichen Förderungen wiegt.
Erst recht mag es aberwitzig erscheinen, dass jene Nation, die außer der ihren keine andere Sprache spricht oder gar liest, die meisten Bücher auf der Welt verkauft. Die deutschsprachigen Rechte für den Renner der letztjährigen Buchmesse hat ein Verlag für fast eine halbe Million Euro erstanden. Der Agent des Autors hat ein Angebot von rund einer Million Dollar für die amerikanischen Rechte ausgeschlagen: Es werden auch mehr, dachte er. Der Gedanke, dass alle lebenden ungarischen Autoren zusammen in zehn Jahren kein solches Honorar erhalten, ist ihm sicher nicht durch den Kopf gegangen, und wenn er einmal mein Agent werden sollte, ist es auch besser so.
Am aberwitzigsten ist jedoch, dass ich Geld dafür bekomme, was ich tue, ja gerne tue, und was ich wahrscheinlich auch dann tun würde, wenn mir die scheinheiligen Inquisitoren die Fußsohlen kitzelten - dass ich Bücher schreibe. Und Dutzende von Verlegern, Übersetzern, Lektoren, Schriftsetzern, Layoutern arbeiten daran, dass das Ergebnis jedem früheren Buch ähnlich ist (in Farbe, Format, Aussehen oder auf andere geistreiche Art) und es doch anders wird als alle anderen. Und es nach Möglichkeit in Kuala Lumpur wie in Kiel von all jenen Geschöpfen Gottes gelesen werden kann, die in geistiger Hinsicht etwas auf sich halten und so die Frankfurter Buchmesse bewahren helfen.
Welch ein Vergnügen das alles zu beobachten
Die Frankfurter Buchmesse ist Deutschlands Hollywood. Es gibt kein ähnliches deutsches Ereignis von Weltrang. Was hier geschieht, wächst weit über Deutschland hinaus. Hier ist alles ein Superlativ: am größten, am berühmtesten, am besten besucht. Deutschlands Hauptstadt konnte Frankfurt nicht werden, die Buchhauptstadt der Welt schon. Wer noch nicht in Frankfurt war, ist ein Eremit. Nach Frankfurt muss man pilgern, und sei es nur einmal im Leben, wie ein Muslim nach Mekka. Die ursprüngliche Bedeutung von Messe ist Gottesdienst, und was hier abläuft, ist davon nicht weit entfernt. Der einfache Gläubige und der religiöse Fanatiker gehen in dieselbe Kirche. Alle Engel und alle Ekel der Welt, die je ein Buch auch nur berührt haben, kommen in der einen Woche hier herum.
Hier ist die Crème der literarischen Welt, die Schleppe, die Elite, hier finden sich ihre Priester, Prostituierten, Blaustrümpfe, ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht. Roter Teppich und Läufer fehlen, das liegt in der Natur der Sache. Dem Anschein nach werden die Geschäfte am Stand und bei den auf die Minute vorab koordinierten Terminen abgewickelt, tatsächlich entscheidet sich aber alles bei den Empfängen und Diners am Abend. Tagsüber erledigt man die Petitessen.
Wenn man durch die Hallen wandelt, trifft man auf etliche Langläufer. Gerade hechelt ein bekanntes Gesicht vorbei, lächeln habe ich ihn bisher nur gesehen, wenn der Mann betrunken war. Achtzig vorab vereinbarte Termine in nur vier Tagen, und er zieht sie alle durch. Samstag sieht er dann aus wie ein Zombie. In Halle fünf versuchen die Slowenen, wie immer, ein Austauschprogramm an den Mann zu bringen und hausgebrannten Schnaps. Weiter hinten schwitzen übernächtigte russische Verleger auf Plastikstühlen, sie könnten genauso gut als Leibwächter durchgehen.
In Halle sechs bieten die Leute von der holländischen Buchstiftung die holländischen Autoren mit unglaublicher Professionalität feil, auch wenn diese gerade auf Russisch oder Arabisch schreiben. Holland hat seine Kolonien bis heute nicht verloren, nur eben die Bevölkerung ins Mutterland umgesiedelt. Im Pulk ziehen auch die Vertreter der kleinen Verlage und Agenturen vorbei, die Assistenten, die Assistenten der Assistenten, die Volontäre, die Kulturmanager, die Werbeleute, die Flugblattverteiler, die Konferenztouristen. Sie können nicht anhalten. Hielten sie für einen Augenblick inne, fiele ihnen auf, welch ein Vergnügen es ist, sie zu beobachten. Es lohnt sich, einen strategisch bequemen Standort einzunehmen und den Aufzug zu betrachten oder sich irgendwo auf ein Glas niederzulassen: überall wird Wein oder Schnaps bereitgehalten.
Es geht um uns
Mit einiger Routine hat es der Schriftsteller im Kopf, wann die finnische oder die isländische Party beginnt, der ungarische oder der polnische Empfang. Bis dahin hat er die Einladungen für die Soireen beisammen, wo dann die dritte Bedeutung des Wortes Messe zum Tragen kommt: der Speisesaal der Offiziere auf dem Schiff. Es gibt eine feste Rangordnung bei den Partys, zu denen man sich Eintritt verschafft (es lohnt nicht überall). Zu jenen, die überall Einlass finden, zählen die Offiziere an der Spitze der Hierarchie, doch auch der vielversprechende Jungautor, von dem niemand weiß, wann er den Großroman schreiben wird, mit dem er sich schon seit Jahren abtut. Wenn sich herumspricht, dass er ihn nicht schreiben wird, gehört er nicht mehr dazu. Die Buchmesse ist ein gnadenloser Kampf ums Überleben, jeder kann seine Lage unmittelbar an der Reaktion des Umfelds erkennen.
Eine der herausragenden Serviceleistungen der Buchmesse ist, dass der Autor da ist. Das wird von manchen Besuchern missverstanden: sie machen sich einen Sport daraus. Es gibt nur einen, der die Sache noch gründlicher missversteht als der Leser, der Autor selbst, der, ohne mit der Wimper zu zucken, bereit ist, in sein eigenes Buch zu kritzeln, so als hätte er es nicht schon lange beendet, so als könnte man mit einem freundlichen Wort noch etwas gutmachen. Als wüsste er nicht, dass er die viertausendachthundertfünfundsiebzigste Widmung für den lächelnden Eiferer schreibt, der ihm auch noch einen fünften Zeitungsausschnitt und etliche seltene Prospekte unter die Nase schiebt: eine Widmung, Meister, dies ist der glücklichste Tag meines Lebens. Es lohnt sich, mit den Wartenden ins Gespräch zu kommen, oft wissen sie gar nicht, in welcher Schlange sie stehen.
Offiziell sind wir Autoren der Grund für die Existenz der Buchmesse. Wer jedoch über den Buchrand hinaussehen kann, dem wird klar: auf der Buchmesse geht es nicht wirklich um uns. Das weiß jeder Profi. Die Schriftsteller sind hier in Wahrheit Außenseiter - bestenfalls Kulisse, wenn sie das notwendige Gran Selbstironie mitbringen. Sie mischen nicht die Karten, sie durchblicken auch nicht die Logik des Systems. Während sie meinen, die erste Geige zu spielen, behindern sie nur den reibungslosen Geschäftsablauf. Deshalb beschäftigen die meisten Verlage hübsche junge Mädchen (junge Burschen, tänzelnde Pudel, Zeitungspraktikanten, je nachdem, was gerade gebraucht wird), damit sie die Schriftsteller vom Hauptgeschehen fernhalten. Diese unglücklichen Opfer hätten ein besseres Los verdient.
Der Schriftsteller verbringt den Großteil seines Lebens mit Schreiben - ein gutes Buch (ein schlechtes leider auch) kann Jahre dauern. Dabei braucht er ungeheuer viel Liebe. Obendrein muss er in einem geschlossenen Zimmer sitzen, allein, ewig. In Gesellschaft kann der Schriftsteller fünf Minuten lang hinreißend sein, danach möchte er am liebsten an seinen Schreibtisch zurück, wo nur noch ein Thema ansteht, das scheinbar unerschöpflich ist: er selbst (der Autor als Fiktion).
Ohne Markt kein Leben
Wenn man selbst kein Schriftsteller ist, sollte man nicht auf solch einem Erlebnis beharren. Man bleibe bei den Büchern. Die Naturperle ist auch ein schönes Ding, trotzdem verbringen wir nicht ganze Stunden in der Gesellschaft von Muscheln, höchstens am gedeckten Tisch. Und wie diese Perle entstanden ist, daran sollte man besser gar nicht denken. Der Autor bekommt weniger als zehn Prozent der Einnahmen, entsprechend gering ist auch sein Ansehen. Der Agent, der ein Fünftel oder ein Zehntel des Einkommens des Autors, häufig also weniger als ein Prozent bekommt, ist ihm jedoch an gesellschaftlicher Wertschätzung nicht nachgestellt. Schließlich muss er ja nicht jahrelang in einem Zimmer sitzen - Einsamkeit, Pudel, und so weiter -, er verdient seinen Anteil in wenigen Minuten.
Ohne Markt kein Leben. Das weiß jeder, der schon einmal auf dem Campo de' Fiori oder auf dem Moskauer Schwarzmarkt der achtziger Jahre war (in diesem Fall weiß er auch: ohne Tod kein Markt). Ohne den Markt gibt es keine Literatur, zumindest ist sie nicht sichtbar. Wenn wir nicht gerade wieder mal einen unserer Anfälle von Nationalromantik haben und unsere Nachbarn, die ja eine andere Sprache sprechen (und die sich keiner solchen Schriftsteller wie wir rühmen können!), zwischen Vor- und Nachwort überfallen müssen. Ohne Buchmarkt zöge sich die Literatur in die Hölle der Hochschulen zurück, wie die Philosophie, und würde sich Wissenschaft nennen.
Ein gewinnträchtiger Buchmarkt funktioniert erfahrungsgemäß selten unter zwanzig Millionen Seelen (also ist Frankfurt das Lebenselixier). Wer auf dem Campo de' Fiori war, weiß auch, dass der Markt seine eigenen Gesetze hat - die Tomate hat den besten Absatz nebst dem anderen Gemüse, Fisch wird schon seltener gekauft, doch auch die Blumen gehen gut, und die Sonnenbrillen. Gewürze und sonstige Spezereien sind im hinteren Trakt plaziert, dort verkauft sich der Chili am besten. Der Alkohol ist nicht weniger gefragt, in der Regel gibt es ihn aber nur in speziellen Läden, denn er ist gefährlich, man muss ihn vor den Kindern verschließen (vor allem in Moskau, wo Kinder ihn verkaufen).
Die Frankfurter Buchmesse unterscheidet sich nicht von den anderen Märkten, nur wird da der Alkohol nicht verschlossen: Am Spätnachmittag beginnen die Korken zu knallen. Dies ist die beste Zeit, um Schriftsteller höchstpersönlich bei Sonnenuntergang zu erleben.
In Wahrheit wartet man auf die Samstagsparty
Die Buchmesse verweist bereits mit ihrem Namen aufs Sakrale und war nie bestrebt, vom ursprünglichen Wortsinn ganz abzukommen. Gutenbergs Bibel ist nicht nur ein guter Grund dafür, dass Deutschland die größte Bücherschau der Welt für sich beanspruchen kann, sie startete selbst als wirtschaftliches Unterfangen, das allerdings scheiterte, weil es die Frankfurter Geschäftstüchtigkeit nicht im Rücken hatte (sonst sprächen wir heute vielleicht von der Mainzer Buchmesse). Unter den geistlichen Würdenträgern der Frankfurter Buchmesse finden sich kinderreiche Bischöfe ebenso wie puritanische Prediger. Der Markt schließt keinen aus, im Gegenteil, er nimmt jeden auf. Selbst aus einem Todesurteil kann er Nutzen ziehen. Einerseits ist er sakral, wenn er eine Berufung zu haben glaubt und das Evangelium verkündet (wenn auch nur aus Protest gegen das Todesurteil), sakral aber auch dann, wenn der Profit selbst zum Goldenen Kalb wird. Dann steht Frankfurt Hollywood näher als Mainz, und beide vermarkten praktisch dasselbe Produkt mit gegenseitiger Unterstützung („Harry Potter“, „Das Sakrileg“).
Gott, als Autor, schreckte selbst nicht vor etwas PR zurück und schuf sich Leser in seiner unbefangenen Heiterkeit. Wer sich solch eine Allüre nicht leisten kann, muss dem schmerzenden Mangel an Ewigkeit und den dementsprechenden Verkaufszahlen ins Auge sehen. Der Parfümverkauf wartet ähnlich dem Buchhandel mit riesigen Warenmengen auf großer Fläche auf, vom Patschuli bis zu den raffiniertesten Düften. Man braucht nur eine Nase dafür. Doch wovon am meisten da zu sein scheint, gibt es am wenigsten. Den wahren Unterschied zwischen dem verfeinerten Duft und dem Imitat können nur jene feststellen, die nichts mehr zu sagen oder zu entscheiden haben. Denn dieses Detail darf das Geschäft nicht vereiteln. Wenn zehn Jahre lang niemand ein Buch schreiben würde, dürfte davon der Buchmarkt noch nicht zusammenbrechen. Man kann nicht zulassen, dass solche Nichtigkeiten auf den Moloch Einfluss nehmen.
Auf der Buchmesse geht es nicht darum, welches das beste Buch ist, sondern welches sich am besten verkauft. Die europäische Kultur hat schon lange beschlossen, dass es nicht nur ein Buch gibt, dies würde dem Frankfurter Geist widersprechen. Nur weil Gott jahrelang kein neues Buch schreibt, kann der Geschäftsablauf ja nicht ins Stocken geraten. Die Frage ist, was der Autor davon hält. Doch heutzutage ziemt es sich nicht, danach zu fragen. Wenn wir Gottes Buch ernst nehmen, ist sein Hauptwerk der Leser, den er schuf, damit dieser das gesamte Opus versteht - also das Leben an sich - und dadurch die Welt, mitsamt den klugen und den dummen Büchern. Wir sind das Werk: Das Buch weckt nur den Leser in uns.
In Fachkreisen ist es gang und gäbe: anfangs tut man eifrig so, als mache man die Nacht zum Tage und verkaufe Bücher, in Wahrheit wartet man auf die Samstagsparty von Cannongate, wo man bis zum Umfallen tanzen und die fünfzehn Termine pro Tag, die keiner bewältigt, vergessen kann. Wer sie durchzieht, ist kein Mensch mehr, sondern eine Person aus einem Buch, das irgendein gefälliger Bestsellerautor kompiliert hat und zu allem Überfluss hier und jetzt selber verkaufen muss.
Der gute Leser führt ein geheimes Doppelleben
So gegen Freitag, Samstag muss man etwas tun, um die seit Tagen wachsende Phobie gegen Menschenmengen zu überwinden und seine menschliche Würde wiederzuerlangen. Am auffälligsten ist, dass die Menschen das Lachen vergessen: ein unendlicher, nicht zu bändigender Ernst schwebt in der Luft. Die Frankfurter Buchmesse ist eine ernstzunehmende Angelegenheit, so wie es eine ernstzunehmende Angelegenheit ist, am Nasenring geführt zu werden und dabei daran zu denken, dass auf der Wiese Schmetterlinge in der leichten Brise zwischen die Nase kitzelnden Duftwolken schweben. Die Frankfurter Buchmesse huldigt dem Mammon, unterwirft sich seiner Macht, streichelt seinen grünen Bauch, gibt ihm tausend Kosenamen, schließt ihn in ihr Gebet ein und trinkt auf ihn an den weißen Tischen - etwa so wie ja auch niemand bei gesundem Verstand die Herrschaft der englischen Sprache anzweifelt. Die Frage ist nur, ob der Mensch mit gesundem Verstand noch liest? Oder lieber auf seinen gesunden Verstand achtet? Wenn am Montagmorgen das erste Lachen erklingt, ist die Buchmesse zu Ende.
Alle behaupten, sie können lesen, schließlich haben wir es in der Schule gelernt, also können wir auch alle schreiben. Trotzdem schreibt nicht jeder. Lesen scheint leichter zu sein. Dabei sind gute Leser so selten wie gute Schriftsteller. Der gute Leser führt oft ein geheimes Doppelleben. Der Leser, der davon lebt, dass er lesen kann, ist in Wahrheit ein Schriftsteller, und er schreibt darüber, was er liest, oder er liest das, was er schreibt.
Wenn jeder lesen und schreiben könnte, ginge die Welt unter (mitsamt der Frankfurter Buchmesse wie auch meiner eigenen kleinen Welt). Der Autor, der Verleger, der Lektor und der Übersetzer, sie alle verschwänden. Es gäbe niemanden, der einem sagte, wie die Lage ist, weil es jeder sagen würde. Leser wäre, wer gerade liest, und Schriftsteller, wer gerade schreibt. In einer Welt, in der die Menschen lesen und schreiben können, würde der letzte lebende Verleger das letzte Buch einem an Dyslexie erkrankten Mädchen schenken - das Fernsehen, oder was es stattdessen geben wird, würde es übertragen - danach würden sie das Verkaufen von Büchern ein für allemal vergessen. Die Menschen würden nur noch für einander schreiben - ein Buch, ein Schriftsteller, ein Leser, Punkt. Solange dieser geistige Idealzustand auf unserem Planeten nicht eintrifft, vergessen wir doch unser Handicap für einen Augenblick und kaufen wir ein Buch!
P.S. Eine Bemerkung zum Bücherverschenken: Man kaufe keine Bücher für andere! Man kaufe das Buch immer für sich selbst! Später dann lasse man es sich abluchsen (oder klauen). Das Buch soll etwas sein, was wir uns aneignen. Es soll unser eigenes sein.