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Die göttliche Buchmesse Schriftsteller bei Sonnenuntergang

 ·  Als einziges Kulturereignis von Weltrang ist die Frankfurter Buchmesse Deutschlands Hollywood. Die Aussicht, daran teilzunehmen, ist für manche Schriftsteller eine Verheißung, für andere eine Drohung - auf jeden Fall aber ein Gebot. Péter Zilahy über die göttliche Frankfurter Buchmesse.

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Es ist die Ironie der Frankfurter Buchmesse, dass diese überwältigende, wie geschmiert funktionierende, Milliarden Dollar schwere Maschinerie auf der prosaischen Tatsache beruht, dass die Menschen auch heute noch nicht lesen können. (Ganze Imperien wurden schon aus viel windigeren Luftschlössern erbaut.) Ich möchte mich jetzt nicht um Kopf und Kragen schreiben, indem ich die Frankfurter Formel der göttlichen Offenbarung anzweifle, wonach die Verkaufszahlen nicht lügen.

Sie lügen nicht. Doch der Buchdruck und die Volksbildung haben gezeigt, dass man das Lesen nicht lehren kann, wie auch niemand übersetzen kann, nur weil er eine andere Sprache spricht. Da man unmöglich alles lesen kann, hat man uns von der Meinungsbildung geradezu entbunden. Es reicht, die Kritiken zu überfliegen oder unsere gutinformierten Freunde zu fragen, wie weiland in der Schule unsere Banknachbarn, worum es denn in dem gerade aktuellen bildungsverpflichtenden Wälzer geht.

Himmelstürmende Erwartungen

Ein ganzer Wirtschaftszweig beruht auf dem Bestreben, das geeignete Buch für uns auszuwählen oder uns zumindest vorzuhalten, was wir versäumt haben. Wenn die gebildeten Bürger acht bis zehn Sprachen spielerisch beherrschten, wäre der internationale Buchmarkt mit seinen alternden und altklugen Primadonnen, den Staragenten, den allwissenden Scouts, den Vertriebsabteilungen der Verlage, den himmelstürmenden Erwartungen und den saisonal wiederkehrenden Gerüchten des Zusammenbruchs nicht zustande gekommen, sondern, oh Wunder, mein geneigter Leser, du würdest, in der Badewanne wohlig entspannt, die Perlen der Weltliteratur im Original genießen. Und die Literatur der kleinen Sprachen würde sich - wie ein Mückenfurz im globalen Sturmwind, nicht zu riechen, nicht zu hören, kaum zu erahnen - weiter nur im wohlwollenden Windhauch der nationalen staatlichen Förderungen wiegen, so wie die Literatur der kleinen Sprachen sich heute schon nur im wohlwollenden Windhauch der staatlichen Förderungen wiegt.

Erst recht mag es aberwitzig erscheinen, dass jene Nation, die außer der ihren keine andere Sprache spricht oder gar liest, die meisten Bücher auf der Welt verkauft. Die deutschsprachigen Rechte für den Renner der letztjährigen Buchmesse hat ein Verlag für fast eine halbe Million Euro erstanden. Der Agent des Autors hat ein Angebot von rund einer Million Dollar für die amerikanischen Rechte ausgeschlagen: Es werden auch mehr, dachte er. Der Gedanke, dass alle lebenden ungarischen Autoren zusammen in zehn Jahren kein solches Honorar erhalten, ist ihm sicher nicht durch den Kopf gegangen, und wenn er einmal mein Agent werden sollte, ist es auch besser so.

Am aberwitzigsten ist jedoch, dass ich Geld dafür bekomme, was ich tue, ja gerne tue, und was ich wahrscheinlich auch dann tun würde, wenn mir die scheinheiligen Inquisitoren die Fußsohlen kitzelten - dass ich Bücher schreibe. Und Dutzende von Verlegern, Übersetzern, Lektoren, Schriftsetzern, Layoutern arbeiten daran, dass das Ergebnis jedem früheren Buch ähnlich ist (in Farbe, Format, Aussehen oder auf andere geistreiche Art) und es doch anders wird als alle anderen. Und es nach Möglichkeit in Kuala Lumpur wie in Kiel von all jenen Geschöpfen Gottes gelesen werden kann, die in geistiger Hinsicht etwas auf sich halten und so die Frankfurter Buchmesse bewahren helfen.

Welch ein Vergnügen das alles zu beobachten

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Aus dem Ungarischen von Magdalena Ochsenfeld.

Quelle: F.A.Z., 06.10.2007, Nr. 232 / Seite Z1
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07.10.2007, 22:00 Uhr

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