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Selbstporträt von Peter Weiss : Ein kleines Bild als Zeugnis einer großen Liebe

Wer ist der Mann auf dem Selbstporträt? Und wem schenkte er es 1938? Die Geschichte eines vor kurzem noch Berühmten und einer faszinierenden Vergessenen.

          In einer kleinen Frankfurter Altbauwohnung hängt ein kleines Bild. Es zeigt einen Mann, der gerade dieses Bild malt. Ein Selbstporträt. Der Mann ist jung, sein Blick hoch konzentriert, den Pinsel hält er in der linken Hand. Es kann kein erfahrener Maler gewesen sein, denn man weiß, dass er Rechtshänder war, doch er malte, was er eben im Spiegel sah. Im Hintergrund öffnet sich hinter zwei Fenstern eine Seenlandschaft in den Bergen, die Vegetation ist spätherbst- oder spätwinterlich. Eines der Fenster steht offen, doch die Kammer selbst ist dunkel, nur das Blau der Jacke des Mannes und vor allem das Weiß seiner Augen leuchten. Zu diesem Bild gibt es eine Geschichte. Sie wird hier erzählt.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Vor fünfunddreißig Jahren heiratete die jetzige Eigentümerin des Bildes seinen damaligen Eigentümer, einen prominenten Fernsehjournalisten, Redaktionsleiter der „Tagesschau“. Er war ein Kunstfreund, dessen Wohnung über und über mit Bildern behängt war. Darunter das kleine Selbstporträt an einem wenig prominenten Platz. Aber mit prominentem Gegenstand, wie der Journalist seiner frisch Angetrauten erzählt hat: Der Mann auf dem Bild sei Peter Weiss. Das mochte sie nicht glauben. Denn Peter Weiss kannte sie. 1968 wurde sein politisches Theaterstück „Viet Nam Diskurs“ im Frankfurter „Theater am Turm“ uraufgeführt, und Weiss kam nicht nur zu dieser Gelegenheit, sondern auch später wieder zu Vorträgen und Diskussionen an den Main und fand dort in der damals jungen Frau eine begeisterte Zuhörerin. Seinen dreiteiligen Romanzyklus „Ästhetik des Widerstands“ bezeichnet sie noch heute als ihre Bibel.

          Ein erstes Liebeserlebnis als Mann, nicht als Maler

          Kurz: Weiss hatte sie häufig gesehen, allerdings als über Fünfzigjährigen – der Schriftsteller wurde 1916 geboren. Mit dem Mann auf dem Bild aber entdeckte sie keine Ähnlichkeit. Und auch ihr Ehemann hatte seine Information nur aus zweiter Hand, von der Vorbesitzerin, einer Schauspielerin namens Margarete Melzer, mit der ihn noch vor dem Zweiten Weltkrieg eine kurze Liebesaffäre verbunden hatte, die erste seines Lebens, die aber offenbar nicht nur für ihn beeindruckend gewesen war, sondern auch für die deutlich ältere Frau. Als Margarete Melzer 1959 starb, hinterließ sie ihm zahlreiche Bilder, darunter das kleine Selbstporträt, aber auch eigene Gemälde, denn mittlerweile war sie selbst Malerin geworden, die 1954 immerhin in der Münchner Galerie von Wolfgang Gurlitt ausgestellt wurde, der Oskar Kokoschka als Maler auf dem Nachkriegs-Kunstmarkt wieder populär machte. Melzer war es, die ihrem Erben erzählt hatte, dass das kleine Bild Peter Weiss darstelle.

          Margarete Melzer, aufgenommen 1932 für die Illustrierte „Die Dame“.
          Margarete Melzer, aufgenommen 1932 für die Illustrierte „Die Dame“. : Bild: Ullstein

          Weiss starb 1982, und 1990 starb auch der Journalist und mit ihm scheinbar unsere Geschichte. Bis 2011 der Briefwechsel von Peter Weiss mit seiner Freundin Henriette Itta Blumenthal erschien, ein schmales Buch, denn die Korrespondenz erstreckte sich nur über zwei Jahre, aber mit vielen Anmerkungen der Herausgeber, darunter eine, die die leidenschaftliche Peter-Weiss-Leserin aus Frankfurt elektrisierte: Zu einer in einem der Briefe erwähnten Frauenfigur aus einem Romanmanuskript, das Peter Weiss an Blumenthal geschickt hatte, wird als Vorbild Margarete Melzer genannt. „Die einige Jahre ältere Schauspielerin“, heißt es da, „lernte Peter Weiss 1938 in Carabietta, einem Bergdorf am Luganosee, kennen. – Im Gespräch mit Peter Roos berichtet Peter Weiss: ,Zum ersten Mal hatte ich in diesen Wochen im Süden ein richtiges Liebeserlebnis mit einer Frau, bei der und mit der ich auch diese ganzen Nöte, die man in und nach der Pubertät mit sich herumschleppt, loswurde, und zum ersten Mal funktionierte ich nicht nur als Maler, sondern auch als Mensch, als junger Mann.‘“

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