Home
http://www.faz.net/-gqz-nxka
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Die Fußball-Experten So hat das Spiel ja gar nicht ausgesehen

11.09.2003 ·  Warum immer über Rudis Riesen auf der Reste-Rampe reden? Zur Abwechslung nehmen wir mal die Kommentatoren in den Blick: Netzer, Delling, Hartmann, Kerner und andere Fußball-Experten in der Einzelkritik.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Warum immer über Rudis Riesen auf der Reste-Rampe reden? Zur Abwechslung nehmen wir mal die Kommentatoren in den Blick: Netzer, Delling, Hartmann, Kerner und andere Fußball-Experten in der Einzelkritik.

GÜNTER NETZER: Materialist. Würde er bloß nicht immer so beleidigt gucken und von "Material" reden: das "schottische Material", das "deutsche Material". Wer ihn so reden hört, kann sich gar nicht vorstellen, daß Netzer, der dem Fernsehen nebenbei mit seiner Firma Infront die Senderechte am Fußball verkauft, selbst Spieler - also "Material" - gewesen ist. Am Mittwoch wohlwollend, hat sogar, auf Vorlage von Delling, einen Witz gemacht: "Aus dem Stand, das fällt mir nicht schwer", eine Anspielung auf Völlers Vorhalt, zu Netzers Zeiten habe man "Standfußball" gespielt. Sporthistoriker forschen noch, wann die deutsche Nationalmannschaft "zehn erstklassige Spiele hintereinander" absolviert hat. Ob vor oder nach dem Zweiten Weltkrieg ist umstritten. (ARD).

GERHARD DELLING: Unterhaltungschef. Seine Gage soll angeblich auch danach sein. In Wirklichkeit Sportchef beim NDR, Grimme-Preisträger wie Netzer und dessen Stichwortgeber, heller Anzug, kesser Auftritt, übertreibt es manchmal mit dem Sichnaivstellen. Ist aber nicht so schnell bereit, das Spiel der Nationalkicker gut zu finden, nur weil sie gegen Schottland gewonnen haben. Den Stein des Anstoßes (Stichwort: tiefster Tiefpunkt des tief gefallenen deutschen Fußballs) hat er gelegt. (NDR).

WALDEMAR HARTMANN: Duzer. Kennt im deutschen Fußball alle und jeden und weigert sich, diese Kenntnis durch förmliche Anrede zu vernebeln. Hinter dem bayrischen Plauderer verbirgt sich, bei aller gespielten oder gelebten Kumpanei, jedoch ein aufmerksamer und professioneller Journalist. Als Interviewer des Teamchefs oder seiner Vorgänger unmittelbar nach dem Spiel zeigt er in emotionalen Ausnahmesituation feines Gespür für die passenden Fragen. Sein herausragendes Gespräch mit Völler in Island war ein Balanceakt auf dem Hochseil, den er mit Nervenstärke zu einem Fernsehereignis machte. Absolut lebens- und livetauglich. (BR).

REINHOLD BECKMANN: Pionier. Versteht was vom Fußball, hat die Fernsehberichterstattung mit "ran" revolutioniert, läßt sich in Maßen mitreißen, hat einen Hang zur Statistik ("der fünfzigste Einsatz von Wörns in der Nationalmannschaft, man glaubt es kaum"), formuliert weitgehend ohne Metaphernfouls, aber mit Hang zum gehobenen Kalauer ("hoffentlich kommt das Tief nicht aus Island"), beobachtet das Spiel recht genau. Ein Libero, in der neuen "Sportschau" wirkt er noch etwas unlocker, braucht - im Gegensatz zu seiner Talkshow - das Publikum im Studio so wie die Stimmung im Stadion. (ARD).

JOHANNES B. KERNER: Bauchredner. Gilt wie Beckmann und Steinbrecher als psychologisierender "Allrounder", was heißt, daß er "frei" losspricht. Das "B" in der Namensmitte steht für "Baptist" und nicht für "Bonaqua". Als rheinische Frohnatur verläßt sich Kerner auf sein Bauchgefühl. In Interviews sagt er, daß er schon als Drittkläßler Fußball gespielt hat, an der Alster joggt und mit einer ehemaligen Hockey-Nationalspielerin verheiratet ist. Erlebte in Erfurt sein Waterloo. Meister der contradictio in adjecto: Er sagt etwas, indem er so tut, als wolle er das Gegenteil oder auch gar nichts behaupten. Funktioniert sogar beim Fußball: "Ich könnte fragen, versteht die Mannschaft die Sprache des Trainers nicht mehr, aber so hat das Spiel ja nicht ausgesehen." (ZDF).

MICHAEL STEINBRECHER: Sinnsucher. Trägt die lockigen Haare lang, hat Hesse gelesen und signalisiert seinem Gegenüber noch mit dem kleinen Zeh: Du bist okay, ich bin okay. Nikotin und Alkohol lehnt er ab. Auch aggressive Auseinandersetzungen mag er nicht. Auf einem Fußballplatz kann man ihn sich schwer vorstellen. Ging mit 27 zum "Aktuellen Sportstudio". Wenn er moderiert, kommt es zu einem außergewöhnlichen Umkehrphänomen: Männer schalten ab, Frauen ein. Kann mit dem Sport nichts zu tun haben. Wohl eher mit der Sanftmut seiner Wortwahl. Steinbrecher kann stoisch lächeln und Spieler tollkühn nach Dingen fragen, die sie - wenn überhaupt - sonst nur dem Masseur anvertrauen. Ihm geht es um die conditio humana auf dem grünen Rasen. Sein "unerfüllter Traum", gestand er dem "Playboy", sei, "einen guten Roman zu schreiben". Deutet Lattenknaller oder vergebene Elfmeter als Zeichen des Schicksals. Torschützen kocht er mit Fragen nach Grundsätzlichem weich: "Wie vorbildlich empfinden Sie Ihr Leben?" Oder: "Halten Sie sich für erotisch?" So was fragt er im Zweifel sogar Olli Kahn. (ZDF).

MANNI BREUCKMANN: Kumpel. Der Radiomoderator hält an der Legende fest, der zufolge Fußball eine Sache des kleinen Mannes sei und alles im Kohlenstaub begann. Macht weder aus seiner Vorliebe für Currywurst mit Pommes ein Hehl noch aus seiner Vorliebe für Schwarz-Gelb Borussia. Tritt als Stimme des Ruhrpotts in der ARD-Hörfunkkonferenz in die Fußstapfen von Werner Hansch, formuliert allerdings weniger blumig. Der Dreiundfünzigjährige gibt den Schimanski der Fußball-Reportage. Beteuert, "nie ein gestylter Typ" werden zu wollen, lehnte angeblich ein Angebot des Bezahlsenders Premiere ab: Er hätte seine verwaschenen Jeans abgeben müssen. Der WDR-Sportchef Heribert Faßbender hat ihn trotzdem als Ersatzspieler der ansonsten geschniegelten "Sportschau" vorgemerkt. (WDR).

WOLF-DIETER POSCHMANN: Langstreckenläufer. Wenn sich Leichtathleten oder Eisschnelläufer im Kreis bewegen, ist er als Reporter in seinem Element. Im deutschen Schicksalsjahr '68 verließ er das Fußballfeld, um sich dem Laufen hinzugeben. Mit Härte und Ausdauer brachte er es bis in die Nationalmannschaft sowie zu zwei Einsätzen bei Studenten-Weltspielen. Als Studio-Moderator routiniert. Die Antworten auf seine fahrig vorgetragenen Fragen interessieren den Sportchef des ZDF dabei nicht übermäßig. Hauptsache, das Programm ist abgehakt. (ZDF).

FRANZ BECKENBAUER: Hedonist. Der Wahl-Tiroler hat zunehmend Zeit, sich seinen Lieblingsbeschäftigungen hinzugeben: über Fußball reden und Geld verdienen. Beim FC Bayern München wie im Organisationskomitee der Fußball-WM 2006 führt er den Titel Präsident, beim deutschen Rekordmeister steht er obendrein an der Spitze des Aufsichtsrats der Fußball-AG. Mit dem oft freudlosen Tagesgeschäft mag man ihn nicht belästigen. Der golfende Jungvater droht sonst leicht mit Rücktritt. Er schätzt anstrengende Arbeit in den Niederungen der Vereine und Verbände gering. Die Medienwelt braucht den charmanten Unterhaltungskünstler ohne felsenfeste Werturteile. Sponsoren sind seltsam verrückt nach ihm. (ZDF).

WERNER HANSCH: Wird liebevoll "Fasels coming home" genannt. Die Kommentare des ehemaligen Lehrers und Fußball-Spätberufenen gerinnen meist zu Lebensweisheiten. Hansch ist ein poetisch inspirierter Zahlenverächter: "Nach der Statistik ist jeder vierte Mensch ein Chinese, aber hier spielt gar kein Chinese mit." Oder: "Nein, liebe Zuschauer, das ist keine Zeitlupe, der läuft wirklich so langsam!" Klassikliebhaber, Rotweintrinker, besuchte mit 35 Jahren sein erstes Fußballspiel, wäre lieber politischer Korrespondent geworden. Solange der in Essen Geborene Radio machte, galt er als Sprechvertretung des Ruhrgebiets. Hat von einem "geilen Tor" gesprochen. Daß er nicht wie Ex-"ran"-Kollege Beckmann zur ARD zurückgewechselt ist, liegt vielleicht daran, daß Hansch kein Handy besitzt. (Sat.1).

HERIBERT FASSBENDER: Aufklärer. Patron. Missionar. Verwahrt sich gegen das angeblich zur "Showtreppe" verkommene Bolzgeschäft. Studierter Jurist. Fußball ist für ihn die "Urszene" des Lebens und also eine zutiefst ernste Angelegenheit, die nach erklärenden Übervätern verlangt. Darüber macht man nach Ansicht des WDR-Sportchefs keine Witze, schon gar keine unter Niveau - wie Werner Hansch mit seinem "geilen Tor". ("Wenn wir älteren Herren den Begriff ,geil' in den Mund nehmen, denken wir dann wirklich an Tore?") Übersetzt seinen Standardsatz "Guten Abend allerseits" ins Japanische, um locker zu wirken. Völlers Kritik an Delling fand ein Gelehrter wie er schon deshalb unverzeihlich, weil sie Ausdrücke wie "Scheißdreck" und "Käse" enthielt. Um den Teamchef an seine "Vorbildfunktion" zu erinnern, greift Faßbender notfalls sogar zur Lesebrille. Sonst hält er sich an das Vorbild von Helmut Kohl und ist der alte Mann, der nicht vom Bildschirm verschwindet. HB kehrt immer zurück, spätestens zur EM 2004. (WDR).

SABINE TÖPPERWIEN: Einzelkämpferin. Frau. Versucht bei der Radiokonferenz tief und schnodderig zu sprechen, damit es keiner merkt. Wurde zur "Sportschau" als Moderatorin nicht eingeladen. Dabei sollte man beim Thema Frauen und Fußball doch viel eher an sie, die sogar was davon versteht, als an Anne Will oder Sandra Maischberger denken. (WDR).

BÉLA RHETY: Sonorsprecher. Während Poschmann mit irgendwem irgendwelche Gespräche führt und Kerner und Beckenbauer ihr never ending talkshow fabrizieren, konzentriert er sich als Berichterstatter auf das wesentliche. Kann auch schon mal eine Minute lang vielsagend nichts sagen. Im Eifer des Gefechts aber auch bisweilen des Guten zuviel. ("Das da vorn, was aussieht wie eine Klobürste, ist Valderrama. Nowotny - für mich einer von vier, die gesetzt sind. Außer ihm noch Kahn, Bierhoff, Kirsten und Matthäus. Ziege ist umgeknickt . . . Scheint sich um eine Schulterverletzung zu handeln. Der Oberarm gehört zur Hand.") (ZDF).

OLIVER WELKE: Bielfelder. Komödiant. "ran"-Verweser. Ist so eloquent, bringt sogar Paul Breitner dazu, auch mal mehr als ein Brummen oder Ächzen von sich zu geben. Die Berichterstattung zur letzten WM bei Sat.1 war allein seinetwegen sehenswert. Medial aufgewachsen mit dem ähnlich getakteten Sportfan Oliver Kalkofe. Fand früh zu Fußball und einer Karriere, vor deren abruptem Ende er sich, wie er im Radio verriet, nicht fürchtet, "weil ich im äußersten Notfall ja immer in meinen alten Beruf als Modell für Dosenwürstchen zurück kann. Wer schon mit fünf für ,Knacker' geworben hat, verlernt das nie." Eben. (Sat.1).

MARCEL REIF: Bezahlkommentator. Familienmensch und Mann für den trockenen Humor, der Rasenschach Rasenschach nennt ("Und dieser öffnende Paß brachte wieder siebenundfünfzig Zentimeter Raumgewinn.") Hat Fritz Walters Erinnerungen gelesen und hält sich daran ("Fußball ist kein Menschenrecht, aber ein Grundnahrungsmittel.") Eines der Pfunde, mit denen der Bezahlsender Premiere wirklich wuchern kann, für Gebührenzahler daher seit Jahren nicht zu sehen. Hang zum politisch subversiv-unkorrekten Witz. ("Die Ghanaer erkennen sie an den gelben Stutzen.") Deshalb wahrscheinlich auch niemals mehr ARD-tauglich. Mann fürs Minderheitenprogramm beim Massensport. (Premiere).

GÜNTHER JAUCH: Champion. Morgen beginnt die zwölfte Staffel seiner Quzshow "Wer wird Millionär?" Wann immer aber es bei RTL "Stern TV" oder Sport zu sehen gibt, Skispringer im Nebel, Fußballer ohne Tor, ist er zur Stelle. Sein Sender hat das Prinzip, mit möglichst wenigen Moderatoren ein möglichst scharfes Profil zu erringen, zur Vollendung gebracht. Neben Oliver Geißen kann es dort nämlich nur einen geben: ihn. (RTL).

Die Kurzkritiken verfaßten Gisa Funck, Jörg Hahn, Michael Hanfeld und Michael Horeni.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.09.2003, Nr. 212 / Seite 37
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Wieder federführend

Von Sandra Kegel

Immer mehr Menschen schwärmen für das Schreiben mit spitzer Feder, Füllhalter-Produzenten und Versandhändler verzeichnen eine Verdopplung der Nachfrage. Was ist zu halten von der neuen Liebe zur Tinte? Mehr 1 3