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Die Frau des Diktators Gute Fee oder böse Hexe?

Asma al-Assad hat uns mit Rehaugen und Weltläufigkeit geblendet. Jetzt, da die Strategie der weiblichen Empathie ausgedient hat, offenbart sie sich als Mitläuferin, an der jede Moral abprallt.

© AFP Vergrößern Gebildet, klug, attraktiv und verständnisvoll: So gab sich Asma al-Assad, bis es nicht mehr ging

Frauen sind die besseren Menschen. Würden Frauen die Welt regieren, heißt es in schöner Regelmäßigkeit, dann wäre die Welt gerechter, die Schere zwischen arm und reich würde sich bald schließen, es würden weniger Kriege geführt, stattdessen herrschte allerorts mehr Liebe und Empathie. Mit Frauen verhält es sich demnach wie mit Kindern, über die Herbert Grönemeyer in seinem Lied „Kinder an die Macht“ einmal sang: „Die Armeen aus Gummibärchen/Die Panzer aus Marzipan/Kriege werden aufgegessen kindlich genial.“ Es wäre eine Welt, in der sich jeder aufgehoben fühlte.

Melanie Mühl Folgen:  

Das ist natürlich Quatsch. Fest steht allerdings, dass wir bestimmte Eigenschaften und Verhaltensweisen mit Weiblichkeit assoziieren und andere mit Männlichkeit. Frauen gelten als sanfter, diplomatischer, empfindsamer und sozialer als Männer. Während Männer stets Machtkämpfe auszutragen scheinen, streben Frauen nach Gerechtigkeit. Das Weibliche steht, etwas zugespitzt, für das durch und durch Gute, weshalb unsere Enttäuschung auch jedes Mal groß ist, wenn eine Frau die Rolle, die wir ihr zugeschrieben haben, nicht erfüllt, wenn sie sich von der guten Fee, die sie in Wahrheit ja nie gewesen ist, in eine böse Hexe verwandelt.

Unmöglich die Frau eines wirklich üblen Menschen

Asma al-Assad, die Gattin des syrischen Diktators Baschar al-Assad, ist so eine Frau. Sie wurde in London geboren, als Tochter einer Diplomatin und eines Kardiologen, sie studierte Informatik und französische Literatur am renommierten King’s College, arbeitete als Investmentbankerin bei J.P. Morgan und der Dresdner Bank. Eine gebildete, kluge Frau, deren Denken und Habitus vom westlichen Demokratieverständnis geprägt sind. Asma al-Assad ist auch eine schöne Frau: Das braune Haar trägt sie zum lockeren Bob geschnitten, die rehhaften Augen blicken neugierig in die Welt. Ihr Stilbewusstsein veranlasste die „Elle“ dazu, sie die „eleganteste Frau in der Weltpolitik“ zu nennen. In Interviews legt Asma al-Assad den Kopf gerne leicht schräg, wie es kleine Mädchen tun, wenn sie jemanden um den Finger wickeln möchten. Ihre Stimme klingt so verständnisvoll, als sei in ihrem Herzen für jeden Menschen Platz. „Dieses Lächeln, es beginnt langsam, mit einem Spiel der Lippen, die Mundwinkel zucken kaum sichtbar. Dann breitet es sich über ihr Gesicht aus, wie ein Sonnenaufgang im Zeitraffer“, schrieb die NZZ einmal über sie.

18828253 © AFP Vergrößern Das menschliche Gesicht des Regimes: Asma al-Assad und ihre Kinder bei einer Demonstration von Assad-Anhängern

Es gibt ein Foto aus dem Jahr 2010, auf dem Asma al-Assad und ihr Mann gemeinsam mit Nicolas Sarkozy und Carla Bruni an einem runden Tisch im Élysée-Palast sitzen und herzlich in die Kamera lachen. In Erinnerung an diese netten Stunden soll Sarkozy gesagt haben, dass eine Frau wie Asma al-Assad unmöglich einen wirklich üblen Menschen zum Ehemann haben könne. Und falls doch, schwingt in diesem Satz als Subtext mit, so wird sie gewiss einen besseren Menschen aus ihm machen.

In der entsprechenden Situation in die passende Rolle geschlüpft?

Doch die Wirkungsmacht, die Asma al-Assad oft zugeschrieben wurde, hatte sie faktisch nie. Womöglich wollte sie sie aber auch nie haben, da ihr wahres Wesen vielleicht trotz allem zu dem ihres Mannes passt. Dass Frauen, was ihr Einfühlungsvermögen betrifft, genetisch besser ausgestattet sind als Männer, ist ein Irrglaube. Die Psychologinnen Nancy Eisenberg und Randy Lennon haben in einer Reihe von Tests die affektive Empathiefähigkeit von Frauen und Männern untersucht und festgestellt, dass sich der weibliche Vorsprung bezüglich Empathie in dem Maße vermindert, wie die Offensichtlichkeit zurückgeht, dass das, was getestet werden soll, etwas mit Einfühlungsvermögen zu tun hat.

In ihrem Buch „Die Geschlechterlüge“ schreibt Cordelia Fine: „Frauen und Männer unterscheiden sich nicht so sehr hinsichtlich ihrer faktischen Empathiefähigkeit, sondern vielmehr darin, als wie empathisch sie anderen gegenüber erscheinen wollen.“ Das bedeutet, dass Personen in Situationen, in denen ihre Geschlechtszugehörigkeit ein Thema ist, dazu neigen, in eine ganz bestimmte Rolle zu schlüpfen, sich also stereotypisch zu verhalten - weiblich oder männlich.

8 000 Tote anstatt des Lady-Di-Märchens

Asma al-Assad trat so lange als gütiger, mitfühlender Mensch auf, der Kinderköpfe tätschelte, sich sozial engagierte und von Demokratie sprach, wie es die Situation zuließ. Jetzt, da die Situation es nicht mehr zulässt, hat die Empathie als Strategie offenbar ausgedient. Nun verschanzt sich Asma al-Assad hinter den Palastmauern, an denen jeder moralische Appell abprallt. Währenddessen werden in Homs Tag für Tag Kinder, Frauen und Männer abgeschlachtet.

Asma al-Assad hat unser Bedürfnis nach einer „Diana des Nahen Ostens“ perfekt bedient. Unser Bild von ihr war auch eines, nach dem wir uns sehnten. Die Realität ist derart nüchtern, dass uns jedes Märchen recht ist. Unter ein Youtube-Video, auf dem Asma al-Assad die Brutalität im Gazastreifen verdammt, wurde Folgendes gepostet: „i just hate the way she speaks. . . . she acts so ,Innocent’ . . . cmon man, you helped your man killing 8.000+ people . . .“

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“Wir sind auch nur Menschen, man kann uns kneifen und weh tun“, hat Asma al-Assad einmal gesagt. Frauen sind nicht die schlechteren Menschen, sie sind aber auch nicht automatisch die besseren.

Quelle: F.A.Z.

 
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