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Die Frankfurter Westend-Synagoge : Eine Zuflucht in der Schwere unserer Tage

  • -Aktualisiert am

Ein Haus für beide Richtungen des Judentums: Blick in den Innenraum der Synagoge im Frankfurter Westenend Bild: Michael Hauri

Vor hundert Jahren wurde die Frankfurter Westend-Synagoge geweiht. In seinem Festvortrag beschreibt Salomon Korn die wechselvolle Geschichte eines Bauwerks, das die beiden religiösen Hauptrichtungen des Judentums unter einem Dach vereint.

          Die Geschichte der 1910 geweihten Westend-Synagoge umspannt ein Jahrhundert, ragt aber in drei Jahrhunderte hinein. Keine andere Frankfurter Synagoge durchlief in ihrer Geschichte so viele Zeitenwenden, Umbrüche und Neuanfänge wie dieses Gotteshaus. Und keine andere Synagoge in Frankfurt, ja in Deutschland, wurde vier Mal eingeweiht.

          Baugestalt und Dekor der Westend-Synagoge gehen auf den Historismus des 19. Jahrhunderts zurück, auf eine Architekturströmung, die sich - dem restaurativen Geist der Zeit folgend - aus dem Formenschatz vergangener Epochen bediente. Im Jahrhundert europäischer Nationalstaatenbildung kamen jedem Baustil jeweils unterschiedliche Bedeutungen und Botschaften zu. Sie dienten vor allem weithin sichtbaren Bekenntnissen im öffentlichen Raum zum jeweiligen Souverän, sei es Herrscher, Kirche oder Vaterland.

          Die Juden in Deutschland, zunehmend deutsche Juden, schließlich jüdische Deutsche, waren in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts bestrebt, mit Errichtung ihrer Gotteshäuser ihre Zugehörigkeit zum deutschen Vaterland öffentlich zu bekunden. Im Zeitalter von Historismus und Eklektizismus wählten sie häufig sogenannte „deutsche Stile“ für ihre Synagogen, vorwiegend neo-romanische Bauformen. Die alternative Strömung hierzu bildeten Synagogen in neo-islamischen Stilvarianten. Mit ihnen wollten Juden sich öffentlich zum Ursprung ihrer Religion aus dem Orient bekennen.

          Monumentale Architektur auf begrenztem Raum: Blick auf die Außenfassade der Synagoge im vornehmen Westend
          Monumentale Architektur auf begrenztem Raum: Blick auf die Außenfassade der Synagoge im vornehmen Westend : Bild: Wolfgang Eilmes

          Architektur als Reflex eines gesellschaftlichen Dilemmas

          Der klassische Stilkonflikt des Synagogenbaus im neunzehnten Jahrhundert konnte im Falle der Westend-Synagoge in ein und demselben Bauwerk abgelesen werden: außen christlich-byzantinisch, innen floral-orientalisierend. Diese Diskrepanz zwischen Innenraum und Außengestalt war bei Synagogen keineswegs neu. Gottfried Semper, der nach Schinkel bedeutendste deutsche Baumeister des neunzehnten Jahrhunderts, hatte eine solche bereits bei der von ihm 1840 erbauten Dresdner Synagoge noch in Kauf nehmen müssen. Die dort vorhandene Stilabweichung zwischen neo-romanischer Außenhülle als Anpassungsgeste gegenüber der christlichen Umwelt und neo-islamisch gestaltetem Innenraum als Symbol des orientalischen Ursprungs des Judentums war ein den Zeitläufen geschuldeter Kompromiss. In ihm spiegelte sich auf baukünstlerischer Ebene - ähnlich wie später bei der Westend-Synagoge - die damalige gesellschaftliche Situation der deutschen Juden wider: der Baukonflikt als Reflex eines gesellschaftlichen Dilemmas.

          Wie der überwiegende Teil der deutschen Juden jener Zeit, so waren auch die Frankfurter Juden bestrebt, nicht nur in Baugestalt und Stilwahl ihrer Synagogen, sondern auch in der Gestaltung des Gottesdienstes, sich christlichen Vorbildern anzupassen. Dies geschah nicht zuletzt unter dem Eindruck, dass es seit der Jahrhundertwende zu einem „überhandnehmenden Abfall vom Judentum“ gekommen war, wie es in einem besorgten Schreiben des 1902 in Frankfurt am Main gegründeten „Anti-Tauf-Komitees“ an den Vorstand der Israelitischen Gemeinde hieß. Gefordert wurde die Einführung eines modernen, den Bedürfnissen der Zeit angepassten Gottesdienstes: Ein solcher müsste zum weitaus größten Teil in deutscher Sprache abgehalten werden, eine erhebliche Verkürzung erfahren, und am Versöhnungstag (Jom Kippur) sollte eine mehrstündige Pause eingelegt werden.

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