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Die Frankfurter Ausstellung „Making History“ Gestohlene Stempel, verschlossene Türen

Bringen Fotografie und Videokunst neue Formen des Historienbildes hervor? Die Ausstellung „Making History“ als Beitrag zum Fotografiefestival Ray 2012 im Frankfurter Kunstverein und im Museum für Moderne Kunst.

© www.ray2012.de Vergrößern Erinnerungsfalle: „Bloodless War“ von Manit Sriwanichpoom von 1997

Der grüne Punkt leuchtet. So unscheinbar wie verführerisch. Man möge getrost nähertreten, gibt er zu verstehen, möge eintreten in den Bildraum. Der Lift steht da, man muss nur die Tür aufziehen, dann kann die Reise beginnen: Mit dem Fahrstuhl in die Neurömerzeit - in die Epoche, als das amerikanische Imperium zum Angriff auf den Irak ansetzte. Alles war vorbereitet, es blieb nur noch der Papierkram. Später kam heraus: Die Dokumente, die beweisen sollten, dass Saddam Hussein sich hochbrenzliges Zeug vom Schwarzen Kontinent, aus Niger, hatte kommen lassen, waren nicht echt. Es wird eine Verbindung vermutet zu einem Einbruch in eine diplomatische Vertretung Nigers, bei dem Briefpapier und Stempel entwendet worden waren. Der Tatort war die Botschaft in Rom.

Patrick Bahners Folgen:

Ausgerechnet Rom, die Hauptstadt der Weltreichsphantasien! Das klingt wie erfunden für Lord Acton, den katholischen, antipäpstlichen Historiker, der den Satz prägte, Macht korrumpiere und absolute Macht korrumpiere absolut. Die Episode, der Stoff für Thomas Demands Fotoserie „Embassy“, führt die Grenzen der Virtualisierung des Politischen vor Augen. Die Stempel mussten echt sein für eine ordentliche Urkundenfälschung. Auf Demands Fotos ist das Staatswappen des Niger nicht zu sehen. Das Messingschild an der Tür zeigt keine Spur von Gravur, die Briefbögen auf den Schreibtischen sind blank. Wie es seine Methode ist, hat Demand die Räume aus Papier nachgebaut. Er konnte die Botschaft besuchen, durfte dort aber nicht fotografieren, sondern musste sich auf sein fotografisches Gedächtnis verlassen.

Ein figurenreichen Ölgemäldes dauert viel zu lange

Das Nebeneinander von Fahrstuhltür und Eingangstür der Botschaftsetage nimmt der Betrachter vom Treppenaufgang aus in den Blick, als wäre er selbst ein ungebetener Besucher, der sich nur insgeheim ein Bild machen darf. Im Innern der Botschaft wird das Schwellenmotiv wieder aufgenommen. Man steht noch einmal vor einer Tür. Sie ist angelehnt, der Spalt schimmert. Das Staatsgeheimnis dahinter ist die Geheimnislosigkeit. In diesem Büro sieht es aus wie in jedem anderen Büro. So viel Papier türmt sich auf, dass der Diebstahl vielleicht unentdeckt geblieben wäre, wenn die Einbrecher die Türen etwas behutsamer behandelt hätten. Ordnung stiftet hier erst der Künstler.

Bringen Fotografie und Videokunst neue Formen des Historienbildes hervor? Diese Frage möchte die Ausstellung „Making History“ untersuchen, die im Rahmen des Fotografiefestivals Ray 2012 im Frankfurter Kunstverein und im Museum für Moderne Kunst zu sehen ist. Der von gleich sechs Kuratoren gezeichnete Einleitungsaufsatz des Kataloges offenbart Unsicherheiten im kunsthistorischen Grundwissen. „Früher war es allein das Historiengemälde, das als Dokument des Zeitgeschehens galt.“ Dieser Satz ist doppelt falsch. Die längste Zeit über beschränkten sich die Historienmaler auf Gegenstände der biblischen und der klassischen Geschichte. Die Herstellung eines figurenreichen Ölgemäldes dauert viel zu lange, als dass es sich als chronistisches Medium empfohlen hätte.

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