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Halbnackter Uni-Vortrag : Die falsche Aufmerksamkeit

Noch Fragen? Letitia Chai während ihres Vortrags Bild: Screenshots / Youtube

Aus Protest gegen die Vorschriften ihrer Uni hält eine New Yorker Studentin ihren Abschlussvortrag in Unterwäsche. Und demonstriert: MeToo hat das Entscheidende noch nicht erreicht. Ein Kommentar.

          „Wollen Sie wirklich das anziehen?“, wurde Letitia Chai von ihrer Professorin gefragt, als die Studentin an der Cornell University zur Probe für die Abschlusspräsentation antrat – in Bluse und Shorts. Es sollte um Flüchtlinge gehen. Für die Professorin ging es um Bekleidungsfragen: ob die Hose nicht „zu kurz“ sei, ein falsches „Statement“, und Letitia Chai die Aufmerksamkeit der männlichen Zuhörer vom Wissenschaftlichen weg auf ihre Beine lenke.

          Die Studentin machte kurzen Prozess: Zur Präsentation erschien sie in der beanstandeten Garderobe, zog sich aber während des Vortrags bis auf die (sehr züchtige) Unterwäsche aus und forderte ihre Kommilitonen auf, es ihr gleichzutun. Viele machten mit. Auf Facebook ging das live auf Sendung. Warum das Ganze? Weil Letitia Chai klarmachen wollte: „Ich bin nicht verantwortlich für die Aufmerksamkeit von wem auch immer, denn jeder von uns kann selbst denken und über sein Handeln entscheiden“, sagte sie der „Cornell Daily Sun“. So viel zu vermeintlich von Frauen (durch Shorts!) erregter „falscher“ Aufmerksamkeit in Amerika 2018, im Jahr eins nach MeToo.

          Fünfzehn Männer bestaunen die Fremde

          1951 sah das noch anders aus, zumal als „Amerikanisches Mädchen in Italien“. So heißt das weltberühmte Foto, das Ruth Orkin damals in Florenz schoss. Es zeigt die 23 Jahre alte Ninalee „Jinx“ Allen, die auf eigene Faust durch Europa reiste, an einer Ecke der Piazza della Signoria: Sie trägt ein langes Kleid, eine Stola um die Schultern und eine Tasche in der Hand. Nicht weniger als fünfzehn Männer bestaunen die hochgewachsene Fremde, die stoisch durch den Pulk schreitet. Zwei Männer rufen ihr wohl etwas nach, einer berührt sich im Schritt. Er wurde später oft aus dem Bild retuschiert. Erst kürzlich forderten Gäste eines Restaurants in Philadelphia, in dem eine Reproduktion hing, man möge es entfernen.

          Die erste Assoziation heutiger Betrachter lautet: sexuelle Belästigung. Tatsächlich illustrierte das Foto zuerst einen „Cosmopolitan“-Artikel über allein reisende Frauen. Tenor: Keine Angst vor prahlerisch von europäischen Südländern zur Schau gestellter Bewunderung, das ist harmlos. Ninalee Allen, spätere Craig, ist Anfang des Monats gestorben. Im Lauf ihres Lebens musste sie immer wieder erklären, dass sie damals wirklich nicht belästigt worden sei, sondern eine wunderbare Zeit in Italien verbracht habe, umgeben von Bewunderung und Neugier.

          Was die Geschichten von Ninalee Allen und Letitia Chai miteinander zu tun haben? Eigentlich nichts – und doch viel. Wo immer Frauen auftreten, zumal in patriarchalen Gesellschaften, geht es darum, dass sie mutmaßlich aktiv männliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Tragen sie zu viel, zu wenig, das Falsche? Mit welchem Recht bewegen sie sich im öffentlichen Raum? Sprechen sie für sich? Das Italien der Fünfziger war wahrlich kein Traumland für Frauen. Die Vereinigten Staaten heute sind weiter und verheddern sich doch in einengenden Prüderien wie an der Cornell University. So verbindet die Amerikanerin von damals und die von heute eines: dass sie sich die Freiheit nehmen, aufzutreten, wie sie wollen, wo sie wollen. Die Aufmerksamkeit ist Sache der anderen.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

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